Auf Beizentour

Mit viel nackter Haut locken Dutzende Rheintaler Lokale Männer in den Ausgang. Auch Frauen sind inzwischen keine ungebetenen Gäste mehr. Beobachtungen von Seraina Hess und Cécile Alge.

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Vielleicht sahen wir an diesem Freitagabend irrsinnig gut aus. Vielleicht lag es aber bloss daran, dass wir die einzigen Frauen im Auer Table-Dance-Lokal White Horse waren, die nicht zum Personal gehörten. Geflüster, Zwinkern, ab und zu beschämtes Wegsehen. Um 21 Uhr ist der Laden so voll, dass uns nur der kleine Stehtisch direkt vor der Pole-Dance-Stange bleibt, an der gerade die schöne Meli angekündigt wird.

Meli – ein blonder Traum in Glitzer-Dessous, der vom operierten Busen über die Orangenhaut-freien Oberschenkel bis hin zu den pedikürten Zehennägeln nichts zu wünschen übrig lässt. Geschmeidig räkelt sie sich an der Stange, bis der BH fällt, Michael Jackson verstummt und an der Bar die Debatte beginnt, ob sich Meli für einen privaten Table-Dance lohnen würde. Zwei Männer Mitte Dreissig bewegen sich in ihre Richtung, bleiben aber an unserem Tisch stehen. «Bin nur wegen ihm hier», meint der eine und tippt auf die Schulter des Kollegen. Nicht, dass er sich hätte rechtfertigen müssen – doch das tut er noch ein, zwei Mal. Die beiden möchten mit uns plaudern, wir aber wollen zahlen und unsere Tour fortsetzen. Inzwischen lächelt uns auch Meli zu, während sie mit einem Schnauzträger an der Bar schäkert und ein Cüpli schlürft. «Girls just wanna have Fun» lautet das Motto in der mit roter Folie und Federboas ausgekleideten Bar. Zumindest an unserem Stehtisch trifft es zu.

Fast hätten wir es zur Tür geschafft, da winkt Fritz (70) aus St. Gallen, der hier jedes Jahr vorbeischaut, weil es immer sauglatt sei. Ob wir noch «eis nähmed»? Leider reicht die Zeit nicht – aber Meli springt bestimmt ein. (seh)

Bonbons und Zuckerwatte

Aus allen Schichten kommen sie in die «S-Kurve», ob in Bluse oder Überhose, ob Frau oder Mann, ob 20 oder 60. Was die Gäste eint: Viele wohnen in Widnau und kommen meist vom Pizzaessen im Restaurant nebenan. Hier ist niemand erstaunt über unseren Besuch; in der «S-Kurve» sitzt man des Feierabendbieres wegen, vielleicht auch wegen des Fumoirs im hinteren Teil des Lokals, wo wir Noemi (21) treffen.

Sie ist mit der Freundin hier. Ein Lokal ohne leicht bekleidete Bedienung zu suchen, wäre ihr nicht in den Sinn gekommen, als Rheintalerin ist sie diese Art der Fasnacht gewohnt. Mit dem Freund käme sie aber nicht hierher: «Mir wäre es unangenehm, wenn er halbnackte Frauen anschauen würde», sagt sie, und blickt zu Estelle, der ungarischen Servicefrau in schwarzem Spitzen-BH. Mehr als Tische putzen und Getränke ausschenken wird sie an dieser Fasnacht nicht – auf Table-Dance und andere Lustbarkeiten verzichtet man hier, «süss und lecker» ist einzig die Dekoration: Bonbons an der Wand, pinkfarbene Tischtücher und Pop-Art-Gemälde könnten als Kulisse eines Girlie-Musikvideos von Katy Perry dienen. (seh)

Dekoration ohne Frauen

Altstätten, Rue de Blamage, 23 Uhr. Vor dem «Soirée» raucht eine Gruppe junger Männer Zigaretten. Der Bass wummert bis nach draussen, was eine riesen Sause vermuten lässt. Weit gefehlt: abgesehen von DJ Ötzis «Stern», der uns an diesem Abend zum dritten Mal begegnet, lässt wenig an Party denken. An der Bar sitzen zwar viele Gäste, nippen am Bier oder ordern Shots, doch noch verläuft der Abend gesittet.

Was fehlt: Frauen. Nicht an der Bar, sondern hinter der Bar.

Hier bedient Wirt Serjoscha Graber mit Ex-Freund und dessen Partner persönlich, Wangenkuss zur Begrüssung inklusive. Das Schild «dekoriert» bezieht sich für einmal wirklich nur auf das Interieur, ein mit Lampions, Schriftzeichen und Papier-Drachen nachgebautes Chinatown – vermutlich die aufwendigste Dekoration an diesem Abend. Der Wirt dekoriere, weil er die Atmosphäre liebe. «Mit Frauen hingegen gab es nur Ärger», sagt er. Oft hätten sich Gäste in die leicht bekleideten Damen verliebt, Stress war programmiert.

Grabers Konzept scheint aufzugehen, vielleicht gerade weil es an der Rue de Blamage viel Konkurrenz gibt, die auf nackte Haut setzt. Denn Frauen hat es im Lokal mehr als andernorts – wenn auch auf unserer Seite des Tresens. (seh)

Gerammelt voll

«Welcome to fabulous Las Vegas» heisst es ein paar Meter weiter im Altstätter «Kreuz». An die Wände wurde Glitzerfolie gepappt, zusammen mit ein paar überdimensionalen Pokerchips und -karten. Schnell ist klar: Diese Bar punktet mit dem Servicepersonal, nicht mit der Dekoration. Sieben junge Frauen stehen in Leoparden-Tops und Lederminis hinter dem ellenlangen Tresen und begrüssen uns freundlich, während uns ein grauhaariger Mann irritiert mustert. Die Damen haben alle Hände voll zu tun, das Lokal ist an diesem späten Freitagabend gerammelt voll, der Alkohol fliesst. Vom Mittfünfziger bis hin zum Teenie sind alle Altersgruppen vertreten, sogar Frauen.

Der Sound ist für fasnächtliche Verhältnisse ziemlich gut. Nach AC/DC läuft jetzt Tears for Fears: «Shout, shout, let it all out.» Schreien muss man hier drin tatsächlich, so ohrenbetäubend ist die Musik. Und ein bisschen die Sau raus lassen darf man auch; das übernehmen hier die Servicetöchter mit wilden Showeinlagen, die sie auf einer separaten Bar bieten. Zu dritt spielen sie an sich selbst und mit Schnapsflaschen, leeren sich und jenen Gästen, die ein Nötchen in den BH stecken, Vodka in den Mund. Manchmal tropft etwas aufs Shirt, doch das stört niemanden. Es ist schliesslich Fasnacht. (ca)

Sex und Röschti

Im Eichberger «Falken» soll es nie zu spät sein, um Party zu machen. Das wollen wir kurz nach 1 Uhr wissen. Hier erwartet kein Mensch eine Festhütte – aber tatsächlich flackert sie bunt im schlafenden Dorf. Am Eingang begrüssen uns verschwitzte Gugger, die müde in den Bus steigen. An den beiden Bars stehen kleine Gruppen junger Gäste, wippen im Takt der Musik. «Deine Schwester ist ein geiles Luder», dröhnt es aus den Lautsprechern, ein paar Minuten später: «Frauen sind Schweine».

Die Bardamen aus der Slowakei stossen sich nicht am Text und tänzeln in Jeans-Hotpants und rot-schwarzen Karohemden dazu, lachen und hauen hin und wieder auf eine Kuhglocke, die von der Decke hängt. «Immer wenn es Trinkgeld gibt», erklärt Veronika und überredet uns zu einem Rubbel-Los-Spass. Wer die tiefste Zahl erwischt, muss eine Runde Shots ausgeben. Das Glück ist heute mit uns, «Flying Hirsch» und «saurer Apfel» gehen aufs Haus. Doch der Alkohol hilft kaum: Die Skihütten-Musik ist irgendwie ins Tal herab gedonnert und offenbar im «Falken» hängenbleiben: «Sex und Röschti, das isch s'Gröschti.» Wer mag solche Musik? «Uns gefällt sie», sagt Sämi. Das bringe Stimmung, deshalb sei er mit Kollegen aus dem appenzellischen Wald hierher gekommen.

Uns hält hier allerdings nichts mehr. Wir brechen auf und staunen nicht schlecht, als in der Tür Eichbergs Gemeindepräsident Alex Arnold erscheint, adrett im weiss gestärkten Hemd, das im Neonlicht blendet. Er stürzt sich ins Nachtleben, wir machen uns auf den Weg nach Hause. (ca)