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«Jede Person soll so sein, wie sie will»: Junger Muslim bricht Tabu und schreibt über Homosexualität im Islam

Ali Taheri ist zwar nicht homosexuell, und doch widmet er sich in seiner Vertiefungsarbeit zum Lehrabschluss diesem Thema. Er findet: «Wir alle sind Menschen, die respektiert werden möchten.»

Alena Tschümperlin
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Ali Taheri aus Au widmet seine Vertiefungsarbeit der Homosexualität.

Ali Taheri aus Au widmet seine Vertiefungsarbeit der Homosexualität.

Bild: Alena Tschümperlin

Homosexualität ist in muslimischen Ländern etwas, worüber nicht geredet wird. Das weiss Ali Taheri aus eigener Erfahrung, obschon er selber nicht homosexuell ist. Aber er stammt aus Afghanistan und ist Muslim. Oft werden Menschen, die sich in gleichgeschlechtliche Partner verlieben, nach ihrem Coming-out abgewiesen, von ihren Familien verstossen oder gar bedroht. «In der Schule in Afghanistan wurde uns gelehrt, dass Homosexualität im Islam verboten ist», sagt Ali Taheri.

Der 20-Jährige ist vor gut fünf Jahren in die Schweiz geflüchtet und wohnt seit 2020 in Au. Hier konnte er zum ersten Mal offen über sexuelle Orientierungen sprechen und Fragen dazu stellen. Dazu sagt der angehende Sanitärinstallateur:

«Obwohl mir beigebracht wurde, Homosexualität sei nicht normal, habe ich nie gedacht, dass es schlecht sei.»

Jede Person soll so sein dürfen, wie sie will. «Religion, Hautfarbe oder sexuelle Orientierung spielen für mich keine Rolle. Wir alle sind Menschen, die respektiert werden möchten.»

Keinen Kontakt mehr mit den Eltern

Ali Taheri wählte das Thema seiner Vertiefungsarbeit, um den Lesenden einen Einblick in das Leben von homosexuellen Menschen im Islam zu geben. Weil nur wenige darüber reden, ist nicht viel über ihre Situation bekannt. Ali Taheri konnte mit zwei Homosexuellen aus Afghanistan sprechen, die mittlerweile in Deutschland leben. Beide Interviewpartner haben seit ihrem Coming-out keinen Kontakt mehr zu ihren Eltern. «Die Erzählungen von Arsham und Najib machten mich traurig», sagt Ali Taheri.

«Sie mussten einiges aufgeben, um sich selbst zu sein.»

Der 21-jährige Arsham outete sich vor zwei Jahren, als er in Deutschland angekommen war und sich dort sicherer fühlte. Trotz Beleidigungen und Mobbing seitens der Familie entschied sich Arsham dazu, offen zu seiner Homosexualität zu stehen. Die Akzeptanz und Unterstützung in Deutschland sei viel grösser und er fühle sich nun um einiges wohler. «Arsham erzählte mir, dass ihm seine Eltern Medikamente verschreiben wollten, um seine ‹Krankheit› zu heilen», sagt Ali Taheri.

Verwandte akzeptieren Sexualität nicht

Auch Najib hatte grosse Schwierigkeiten nach seinem Coming-out. Viele Personen wandten sich von ihm ab, und er verlor den Kontakt zu seinen Eltern. Der 20-Jährige hat im Interview erzählt, wie er lernte, mit Tiefschlägen umzugehen. Seine Flucht nach Deutschland habe ihn stark gemacht. Zuspruch fand er auf Social Media, wo er Schminktipps gibt und offen mit seiner Sexualität umgeht. Er möchte die Plattformen nutzen und Followern zeigen, dass es überall auf der Welt Personen wie ihn gibt.

Die sexuelle Orientierung der jungen Männer ist bis heute bei vielen Verwandten nicht akzeptiert. Dazu sagt Ali Taheri:

«Zu einem gewissen Teil verstehe ich auch die andere Seite, da diese Personen mit einer ganz anderen Kultur aufgewachsen sind.»

Das bestätigten auch Arsham und Najib. Aus den Gesprächen sei hervorgegangen, dass sie ihren Eltern und dem Umfeld nicht böse seien, aber auf Verständnis hoffen.

Taheri hofft auf Veränderung

Ali Taheri möchte mit seiner Vertiefungsarbeit betroffene Personen unterstützen, indem er ihrer Geschichte Aufmerksamkeit schenkt. Er hofft, dass sich in Zukunft mehr Menschen für Homosexuelle einsetzen, nicht nur in muslimischen Ländern, und gleichgeschlechtliche Liebe akzeptiert wird.

Ali Taheris Einsatz für seine Abschlussarbeit wurde belohnt. Er erhielt von den Lehrpersonen viel Lob und die Note 5.5, worüber er sich sehr freut. Nach seinem Lehrabschluss möchte er auf seinem erlernten Beruf weiterarbeiten.


Wer die Abschlussarbeit lesen möchte, meldet sich bei Ali Taheri: alitaheria213@gmail.com.