Atemlos lauschen in der Kapelle

BERNECK. Die Neugier der etwa 100 Besucher wurde belohnt: Sie erlebten am Sonntag mit der Hackbrett-Virtuosin Barbara Schirmer und dem Stimmband-Akrobaten Christian Zehnder ein unerhörtes Konzert.

Maya Seiler
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Feinfühlig folgte Barbara Schirmer der Klang-Akrobatik von Christian Zehnder und seiner Fado-Gitarre. (Bild: Maya Seiler)

Feinfühlig folgte Barbara Schirmer der Klang-Akrobatik von Christian Zehnder und seiner Fado-Gitarre. (Bild: Maya Seiler)

Einstimmig waren die Aussagen nach dem Auftritt von Barbara Schirmer und Christian Zehnder: So etwas Unerhörtes hatte man nicht erwartet. Mit ihrem neuen Programm Lausch boten die Ausnahmemusiker den Besuchern ein völlig neues Hörerlebnis. Dabei erwies sich die Heiligkreuz-Kapelle als idealer Klangraum für Hackbrett und Gesang. Leider war die Akustik den Geschichten, die Christian Zehnder zwischen den Stücken erzählte, weniger geneigt.

Wahr oder unwahrscheinlich

Und diese Ansagen hatten es faustdick hinter den Ohren: Ob Zehnder erklärte, wie das Hackbrett entstanden sei – man musste ein Klavier auseinander nehmen, weil es nicht durch den Türrahmen passte – oder ob er seinen Bärensong ankündete, nie war ganz klar, ob er es ernst meinte. Aber natürlich passte das gesprochene Wort zu den gesungenen Tönen, von denen man auch nicht wusste, wie sie entstanden. Was Zehnder mit Kehlkopf und Stimmbändern und mit dem Resonanzraum von Kehle und Brust zum Klingen brachte, ging weit über das Vorstellungsvermögen hinaus. Es war ein Vergnügen, den Klängen zu lauschen und sich mit einem Zäuerli ins Appenzellerland, mit Pygmäen-Gesang nach Afrika oder mit einem Oberton-Tango nach Argentinien entführen zu lassen. Dazwischen erzählte Zehnder den Besuchern, als junger Gesangsstudent habe er fremde Kulturen sehr bewundert und einheimische Volksmusik verachtet. Jodeln war am Konsi verpönt, es mache die Stimme kaputt; eine Aussage, der er heute widerspricht.

Jodeln als Esperanto

Als er in der afrikanischen Musik die gleichen Oberton-Techniken erlebte wie im Jodeln, begann er, sich für diese weltweite, vorsprachliche Kommunikation zu interessieren. Mit Juchzern hatten sich Menschen seit Urzeiten über weite Distanzen verständigt, Jodeln als Esperanto der Hirten und Bauern, sozusagen. Jodeln komme aber auch von Jammern, was Zehnder mit der lautmalerischen Geschichte aus Kindertagen demonstrierte, vom Onkel auf eine Bergtour – so-n-en Siech uf dr Landkarte – trotz Gejammer mitgenommen.

Barbara Schirmer sekundierte die gesanglichen Höhenflüge auf dem Hackbrett mit neuen Harmonien. Einzigartig ihre mehrstimmige Klang-Akrobatik, die sie mit vier Ruten oder Sticks erreicht. Mal tönte es wie ein klassisches Cembalo, dann wieder wie ein Percussions-Instrument, immer mit absolutem Gespür für Rhythmus und Intonation gespielt. Den tosenden Applaus der Zuhörer verdankten die beiden Musiker mit einer hypnotischen Zugabe: Die Klänge erinnerten – se non è vero, è ben trovato – an den Zauberpilz-Rausch eines Alpen-Schamanen.

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