Apostelin Junia – wofür kirchliche Tradition gut ist

Ich erinnere mich gut an meine eigene Lektion in kirchlicher Tradition: Der Dozent malte ein riesiges T auf die ganze breite Tafel. Mit gleichsam akademischer Tiefe wie beschwörerischem Blick verdeutlichte er, dass kirchliche Tradition die eine Tradition der Glaubensweitergabe ist.

Carsten Wolfers Diakon In Widnau
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Neben dem Apostel Petrus gibt es in der kirchlichen Tradition auch Apostelinnen. (Bild: depositphotos)

Neben dem Apostel Petrus gibt es in der kirchlichen Tradition auch Apostelinnen. (Bild: depositphotos)

Ich erinnere mich gut an meine eigene Lektion in kirchlicher Tradition: Der Dozent malte ein riesiges T auf die ganze breite Tafel. Mit gleichsam akademischer Tiefe wie beschwörerischem Blick verdeutlichte er, dass kirchliche Tradition die eine Tradition der Glaubensweitergabe ist. Diese Tradition zersplittert nicht in viele kleine Brauchtümer, die nur hier und da gelten.

In diesem Sinne mag ich kirchliche Tradition. Sie gibt mir die Sicherheit, dass das Bewährte bleibt.

Eine vielschichtige Debatte

Nach der Frau in der Kirche zu fragen, erscheint oft, die Tradition herauszufordern. In unserer Kultur spielen Frauen Rollen, die sie in der Kirche nur zum Teil spielen dürfen. In unserem Recht fragen wir uns heute, wie weit das Recht auf freie Religionsausübung das Recht auf Gleichstellung der Frau aushebeln darf.

In unserer Ethik kommt man unter Rechtfertigungsdruck, will man erläutern, warum manche Ämter nur von Männern ausgeübt werden. Theologisch hat man seitens der katholischen Kirche zu begründen versucht, dass Frauen in Kirchenämtern nicht in Frage kommen.

Das Argument lautete, die Tradition biete nicht genügend Grundlage, die bisherige Praxis zu ändern. Das heisst, dass man zwar nicht wirklich Gründe gegen einen Zugang von Frauen zu Weiheämtern findet, aber eben auch nicht genügend Gründe der kirchlichen Tradition dafür.

Verschwundene Frauen

In letzter Zeit wird die Frage nach den Frauen neu gestellt. Wir wissen wenig über Frauen in der frühen Christengemeinde. Aber wir wissen nur wenig über sie, weil sie gerne verschwiegen wurden. Heutige Bibelübersetzungen erwähnen im Römerbrief einen Apostel Junias. Kürzlich fand man heraus, den Namen gab es nie. Der Befund ist eindeutig. Im ersten christlichen Jahrtausend wusste man von einer Apostelin Junia. Erst das zweite christliche Jahrtausend erklärte Junia zum Mann. Vielleicht war ihr Apostelamt kein Weiheamt im heutigen Sinne. Vielleicht drückt ihr Amt weniger Macht, dafür mehr Charisma, mehr Dienst an Bedürftigen aus, was man sich heute nur wünscht. Aber, Frauen wie Junia im Kirchenamt sind kirchliche Tradition.

Ich mag Tradition

Im Wissen um die Apostelin Junia ist Tradition kein Argument gegen, sondern ein Argument für Frauen in Weiheämtern.

Das Bewährte aus alter Zeit mag ruhig wiederkommen. Ich mag die eine kirchliche Tradition, vor allem, wenn sie mit der Wahrheit schwanger geht.

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