Am Sonntag Crosser, am Dienstag Roller

Mountainbiker Simon Vitzthum fährt seit letztem Jahr Bahnrennen, inzwischen als Medaillenkandidat an nationalen Meisterschaften.

Yves Solenthaler
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Simon Vitzthum (3. v. l.) lag in den Sprints oft weit vorne, aber nie an der Spitze. (Bild: Yves Solenthaler)

Simon Vitzthum (3. v. l.) lag in den Sprints oft weit vorne, aber nie an der Spitze. (Bild: Yves Solenthaler)

Seit 1912 steht in Zürich-Oerlikon die offene Rennbahn, die ihre Blütezeit zu Beginn des 
letzten Jahrhunderts hatte. Als 1939 das Hallenstadion mit dem Holzoval gebaut wurde, war die Freiluftbahn, auf der beim ersten Regentropfen abgebrochen wird, nur noch zweite Wahl.

Das Hallenstadion war der Schauplatz der Sechstagerennen. Diese waren zu Zeiten von Hugo Koblet und Ferdi Kübler ein sportlich grosser Anlass und blieben bis in die 1980er-Jahre hinein ein Zuschauermagnet; hierhin brachen die Zürcher auf, wenn in der Stadt Polizeistunde war.

Die Polizeistunde gibt’s nicht mehr, Sechstagerennen in der damaligen Form ebenso wenig. Allgemein schwand die Bedeutung des Bahnsports in der Schweiz. Mountainbike wurde dominant, auch in der Ausbildung. Im Gegensatz zu den Sa­gans und Fuglsangs wechselten die besten Schweizer Mountainbiker aber nie auf die Strasse. Seit fünf, sechs Jahren erlebt der Bahnsport in der Schweiz eine Renaissance. Nirgends lassen sich Technik und Taktik besser lernen als auf dem Oval.

Älteste noch genutzte
Sportstätte der Schweiz

Die Anlage hat Pleiten erlebt, die Bausubstanz sich aber als langlebig erwiesen. Die offene Rennbahn in Oerlikon atmet den Geist der Vorkriegszeit; sie ist die älteste noch genutzte Sportstätte der Schweiz.

2002 hat sich die IG Offene Rennbahn Oerlikon (Igor) gebildet, seit 15 Jahren führt sie regelmässig Rennen durch. Die Radrennen – an jedem Dienstagabend von Mai bis September – stossen auf Interesse. Am meisten Zuschauer, bis zu 5000, kommen aber nach Oerlikon, wenn wie am nächsten Dienstag Oldtimer präsentiert werden.

Am letzten Dienstag kamen 1250 Zuschauer. Sie sahen zwei Schweizer Meisterschaften der Männer (Scratch und Punktefahren), ein internationales Omnium der Frauen und verschiedene Nachwuchsrennen.

Einige Fahrer, einer ist Simon Vitzthum, erhalten von Igor ein Honorar für regelmässige Starts. Der Erfolg der Rennen steht und fällt mit den Teilnehmerfeldern. Für die nationalen Meisterschaften reisten mit Théry Schir, Claudio Imhof und Tristan Margute auch die bekanntesten Schweizer Bahnfahrer nach Oerlikon.

Simon Vitzthum war in der Woche zuvor in einen üblen Crash verwickelt. Er hatte aber wie Leidensgenosse Jan Freu­-
ler Glück im Unglück. Ausser Schürfungen und einem Boxerauge trug Vitzthum keine Verletzungen davon. Am Tag nach dem Sturz reiste er bereits nach Les Gets (Frankreich), wo am Sonntag ein Weltcuprennen im Cross-Country stattfand. Um zwei Tage später bereits wieder auf dem 333,3 m langen Betonoval im Einsatz zu sein.

Aufgeben oder Nichtantreten kommt für den Vielfahrer, der im Sommer nicht nur in Zürich Bahnrennen fährt, nicht in Frage:

«Ein Radsportler muss immer durchhalten. Wenn man einmal aufgibt, sinkt die Hemmschwelle, es wieder zu tun.»

Eine Woche nach dem Sturz schon wieder am Start

Die Form von Vitzthum ist durch den Sturz nicht beeinträchtigt worden. Er überzeugt bereits im Scratch – Sieger ist, wer 45 Runden am schnellsten zurücklegt. Das Tempo ist hoch, 54 km/h zu Beginn, 50,7 km/h übers ganze Rennen. Deshalb setzt sich keiner ab. Der Genfer Loïc Perizzolo riskiert neun Runden vor Schluss einen Angriff. Er wird aber gestellt, im Sprint setzt sich Titelverteidiger und Favorit Théry Schir aus Lausanne durch. Vitzthum wird hinter Nico Selenati, Mauro Schmid und Tristan Marguet Fünfter.

Normalerweise sind an einem Abend vier, fünf Rennen. «Vor ein paar Wochen war es richtig hektisch, weil auch noch Dernys stattfanden, für die ich jeweils das Rad wechseln muss.» Diesmal ist die Pause zwischen den Rennen fast ein bisschen lang. Er spricht im Innenraum mit Bekannten, tauscht sich mit anderen Fahrern aus und beantwortet dem Stadionmoderator Fragen. Es geht natürlich um seinen Sturz von letzter Woche. Der Ton fällt aus, die Soundanlage ist wohl auch von 1912, der Moderator fasst zusammen, was Vitzthum gesagt hat:

«Auf dem Rennrad spüre ich die Schmerzen nicht.»

Im Punktefahren setzt sich wieder Schir, Vize-Europameister im Omnium, klar an die Spitze. Vitzthum fährt aufmerksam vorne mit. Schon früh lässt sich fast die Hälfte des Feldes einen Rundengewinn (20 Punkte) gutschreiben, später holt Vitzthum mit drei anderen Fahrern nochmals 20 Zähler.

In den Sprintwertungen – 5, 3, 2 und 1 Punkte – punktet der Rheinecker regelmässig, allerdings nie als Erster. Die stärksten Sprinter sind Schir, Valère Thiébaud und Mauro Schmid. Aber Vitzthum hat eine Runde mehr als Schmid, liegt deshalb auf Bronzekurs.

Der Rheintaler verpasst aber die entscheidende Attacke. Im Gegensatz zu Schmid kann er in den drei finalen Wertungen – die letzte zählt doppelt – nicht mehr eingreifen. Vitzthum freut sich darüber, dass er mit den stärksten Bahnfahrern der Schweiz mithalten konnte, die entgangene Medaille ärgert ihn aber schon:

«Ich hatte auch am Schluss noch Kraft, kam allein aber nicht mehr ans Führungsquintett heran. Den Postabgang habe ich leider verpasst, aber man kann nicht immer vorne sein.»

Vor einigen Wochen wurde Vitzthum im Ausscheidungsfahren erstmals Schweizer Meister. Aber seine Hauptdisziplin bleibt das Biken. Im Bahn-Nationalteam der Frauen sind zwar viele (frühere) Cross-Country-Fahrerinnen, bei den Männern fehlen aber Vorbilder, die Biken mit Bahnfahren kombinieren. Vitzthum sagt, auf der Bahn wie im Cross-Country sei Intensität für eine kurze Zeit wichtig. Seine diesjährigen Resultate mit dem Mountainbike lassen tatsächlich Fortschritte erkennen: In den Rennen mit gleich langen Spiessen – also ohne Startnachteil – hält er inzwischen mit den Schweizer Spitzenfahrern mit.

Das ist der Grund, weshalb Vitzthum auf der Bahn nun zwei Wochen pausiert: Er ist für die Cross-Country-EM in Brünn aufgeboten worden, die am 28. Juli stattfindet.