ALTSTÄTTEN/OBERRIET: Nur was gezählt wird, zählt etwas

Über den ganzen Kanton verteilt gibt es Messstationen, die den Verkehr zählen. Sogar im ­Gebiet Hagenfurt mitten im Riet. Hier interessieren allerdings nicht Autos, sondern Velos.

Max Tinner
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Keine Durchgangsstrasse: Ab hier ist die Güterstrasse für Autos und Motorräder gesperrt. Die Verkehrszählstation, links im Bild, soll aber nicht die Autos und Töffs zählen, die hier verbotenerweise durchfahren, sondern die Velos, mit denen man hier fahren darf und soll. (Bild: Max Tinner)

Keine Durchgangsstrasse: Ab hier ist die Güterstrasse für Autos und Motorräder gesperrt. Die Verkehrszählstation, links im Bild, soll aber nicht die Autos und Töffs zählen, die hier verbotenerweise durchfahren, sondern die Velos, mit denen man hier fahren darf und soll. (Bild: Max Tinner)

Max Tinner

Der briefkastengrosse Kasten, wenige hundert Meter von der Rietkapelle entfernt, ist unscheinbar und doch ein Fremdkörper an der schnurgeraden ­Güterstrasse zwischen Altstätten und Oberriet. Auf einer weissen Folie an der Frontblende prangt wie eine Briefmarke auf einem Adressetikett das Wappen des Kantons St. Gallen. Darunter steht in grossen Lettern «Verkehrszählung» und etwas kleiner, dass man sich unterstehen solle, hier Plakate anzubringen.

Zu wissen, dass es viele sind, genügt nicht

Der Wanderer wundert sich: Wozu soll hier der Verkehr gezählt werden? Immerhin ist die Güterstrasse über weite Strecken mit einem Fahrverbot für Autos und Motorräder belegt. Gezählt werden aber nicht die Autofahrer und Töfffahrer, die das Fahrverbot missachten, sondern die Velos, wie Daniel Litscher erklärt. Litscher ist Projektleiter bei der Fachstelle für Fuss- und Veloverkehr im Tiefbauamt des Kantons.

Wenn es um Projekte für den Langsamverkehr gehe, habe man bislang selbst bei bekanntermassen rege genutzten Strassen nur qualitativ von einer «grossen Anzahl» Velofahrern reden können. Für eine fundierte Argumentation genüge dies aber nicht. Es habe sich schon verschiedentlich gezeigt, dass es dazu belegbare Zahlen braucht, stellt Daniel Litscher fest. «Nur was gezählt wird, zählt!», übertitelte denn auch die Velokonferenz Schweiz (eine Vereinigung der Veloverantwortlichen von Kantonen und Städten) letztes Jahr eine Sondernummer ihres Info-Bulletins.

Im Kanton St. Gallen hat man vor rund vier Jahren begonnen, analog zu den Zählstationen an den Hauptverkehrsachsen, auch ein Messstellennetz für den Veloverkehr aufzubauen. Die Aus­wertungen der Zählstellen sollen die Bedeutung des Veloverkehrs untermauern. Mittlerweile gibt es über den ganzen Kanton verteilt 16 solcher Zählstellen. Jene in der Oberhagenfurt sei eine ­davon, sagt Daniel Litscher. Die Zählstelle an der Altstätter und Oberrieter Gemeindegrenze ist nach Ansicht Litschers auch von Bedeutung, weil sie Aufschluss über die Nutzung der Strecke als Teil der Veloroute 9 gibt. Die Route ist auch als Seen-Route ­bekannt, die von Montreux am Genfersee nach Rorschach am Bodensee führt.

Auch für Rhesi von Bedeutung

Eine weitere fest installierte Zählstelle gibt es im St. Galler Rheintal am Dammradweg zwischen Au und St. Margrethen. Sie ist ebenfalls Teil der Seen-Route und ausserdem der Route 2, der Rhein-Route, die dem Rhein entlang nach Basel führt. Nebst zur Untermauerung der Bedeutung des Veloverkehrs werden die Auswertungen der Zählstelle am Dammradweg wohl auch ins Hochwasserschutzprojekt Rhesi einfliessen, meint Daniel Litscher.

Beide Velorouten werden rege genutzt. Allerdings nicht kontinuierlich, was aber naheliegend ist: Im Winter oder bei regnerischer, kühler Witterung sind nun mal weniger Leute mit dem Velo unterwegs als im Sommer und bei Sonnenschein.

Bei schönem Wetter zieht’s die Leute aufs Velo

2015 passierten insgesamt 66722 Velofahrer die Zählstelle im Oberhagenfurt; im Durchschnitt waren es 183 pro Tag und am meisten am Sonntag, 12. April, als 622 Velofahrer gezählt wurden. Auf dem Dammradweg zwischen Au und St. Margrethen waren es sogar noch deutlich mehr: 186731 wurden übers ganze Jahr 2015 gezählt, im Durchschnitt 512 pro Tag. Der Tag mit den meisten Velofahrern war hier der Sonntag, 28. Juni, als 2478 Velofahrer die Messstelle passierten.

Weil die Zählstellen noch nicht so lange in Betrieb sind, hat der Kanton bislang auf eine Publikation der Zahlen verzichtet. Dies werde sich in absehbarer Zeit ändern, wenn Daten über mehrere Jahre vorliegen und Entwicklungen erkennbar sind, kündigt Daniel Litscher an.

Zählung mittels Verformung in einem Lichtwellenleiter

Erfasst werden die Velofahrer von den Zählstationen mittels Sensorstreifen, die in den Strassenbelag eingebaut worden sind. Die Sensortechnik basiert auf Lichtwellenleitern. Beim Drüberfahren über die anderthalb Millimeter aus dem Belag herausragenden Sensorstreifen verformt sich der Lichtwellenleiter darunter. Zwar nur geringfügig, aber dies reicht schon, um eine Veränderung der Lichtreflexion im Leiterstrang zu verursachen. Weil andere Verkehrsteilnehmer, seien dies Autos oder auch Fussgänger, die Lichtwellen anders verändern, lassen sich die Velofahrer zuverlässig von jenen unterscheiden. Und weil zwei Sensorstreifen nebeneinander verbaut sind, lässt sich zudem feststellen, in welche Richtung der Velofahrer unterwegs ist.

Die Daten der Zählstationen müssen nicht periodisch manuell abgelesen werden; sie werden übers Mobilfunknetz stündlich an einen Server des Kantons übermittelt. (mt)