ALTSTÄTTEN: Widersprüchliche Erinnerungen an Sexualdelikte

Mehrere Jahre lang soll ein 58-Jähriger seine Adoptivtochter sexuell genötigt haben – im Erwachsenenalter schliesslich auch einmal vergewaltigt. Dass die Frau den Vater immer noch besuchte und sich ihm auslieferte, warf vor dem Kreisgericht Fragen auf.

Merken
Drucken
Teilen

Sowohl Tochter als auch Sohn sagten gestern vor dem Kreisgericht Rheintal gegen den Vater aus. Doch während die heute 32-jährige Frau selbstsicher an ihren Vorwürfen festhielt, bereute ihr 19-jähriger Bruder, den Vater wegen häuslicher Gewalt angezeigt zu haben. Das alles sei «nicht so schlimm gewesen», wie er es im ersten Moment empfunden habe. Und vom Missbrauch der Schwester habe er nie etwas mitbekommen.

Begonnen hatte das Familiendrama mit der Heirat der Mutter des mutmasslichen Opfers mit dem heute 58-jährigen Bosnier. Als die Mutter mit dem Halbbruder schwanger war – zu diesem Zeitpunkt war die Tochter zwölfjährig – habe der Vater angefangen, das Mädchen mehrmals wöchentlich anzufassen. Gemäss Anklageschrift befriedigte er sich zudem mit ihrer ­Hilfe und versuchte drei- bis fünfmal, die Tochter zum Oralverkehr zu zwingen, wobei ihm das einmal gelungen sein soll. Damals war sie 16 oder 17. Die Übergriffe fanden statt, wenn sich die Jugendliche nach der Schule auf dem Sofa schlafen legte und die Mutter nicht zu Hause war. Sie hörten erst auf, auf als sie mit 20 ihren Mann kennenlernte.

Briefe, Nachrichten – mit oder ohne Drohung?

Beendet waren die Übergriffe aber noch nicht. 2010, als das mutmassliche Opfer bereits verheiratet war und zwei Kinder geboren hatte, soll es zur Vergewaltigung gekommen sein, als sie die Mutter besuchen wollte, die noch auf der Arbeit weilte. Um die Wartezeit zu überbrücken, habe sie sich auf dem Sofa schlafen gelegt – und sei durch die Geräusche eines Pornokanals im Fernseher aufgewacht. Gemäss Anklageschrift erstarrte sie und war unfähig, Widerstand zu leisten. Es kam zum Geschlechtsverkehr mit dem Vater. Jahrelang schwieg die junge Frau und hoffte, die Mutter würde durch ihr Verhalten – als Jugendliche sei sie mehrmals ab­gehauen und habe Drogen genommen – selbst auf die Taten aufmerksam. Ausserdem fürchtete sie sich davor, vom Vater verprügelt zu werden, zumal dieser «wegen jeder Kleinigkeit ausgerastet ist» und sowohl sie als auch Mutter und Bruder geschlagen habe. Weil sie sich schliesslich ihrem Mann, den Schwiegereltern und einigen Verwandten offenbarte, erhielt sie einen Brief des Vaters, in dem er gedroht habe, freizügige Fotos von ihr in der Öffentlichkeit aufzuhängen. Auch von SMS, die sie erhielt, nachdem sie der Mutter von den Taten erzählt hatte, habe sie sich bedroht gefühlt. Bis die Frau schliesslich Anzeige erstattete, wurde es September 2013.

Der Vater, früher Bauarbeiter und heute IV-Rentner, verweigerte vor Gericht mehrmals seine Aussage oder bezeichnete die Tochter als Lügnerin. Sie habe ihn für ihre Anschuldigungen längst um Verzeihung gebeten und sei oft bei den Eltern zu Besuch. Brief und SMS habe sie falsch verstanden, er habe weder ihr noch der Familie gedroht. «Sie hat keine Angst vor mir. Sie tut nur so, als hätte sie welche.»

Dreieinhalb Jahre Haft gefordert

Staatsanwältin und Opfervertreterin hielten an der Glaubhaftigkeit der Opfer-Aussagen fest, zumal viele Ereignisse, beispielsweise der erzwungene Oralsex, detailgetreu geschildert wurden – so genau, dass die Opfervertreterin unter Tränen aus dem Einvernahmeprotokoll vorlas.

Die Staatsanwältin forderte eine ganze Liste an Schuldsprüchen. Anklagepunkte sind Tätlichkeiten, versuchte Gefährdung des Lebens und unter Umständen einfache Körperverletzung, Drohung, versuchte Nötigung, sexuelle Nötigung (alles mehrfach) sowie Vergewaltigung, was mit insgesamt dreieinhalb Jahren Haft bestraft werden soll. Die Zivilforderung enthält eine Genugtuung von 28000 Franken.

Der Verteidiger verlangte Freisprüche in allen Anklagepunkten und berief sich dabei auf widersprüchliche Aussagen der Frau, die sowohl in der Verhandlung als auch während den Einvernahmen zutage kamen. So gab sie beispielsweise an, sich nach den Übergriffen nicht im Kinderzimmer verbarrikadiert zu haben, weil sie keinen Schlüssel besass – im Einvernahmeprotokoll hingegen war zu lesen, sie hätte sich nach einem Vorfall eingeschlossen. Auch sah die Verteidigung nicht ein, weshalb ein Opfer seinen Peiniger weiterhin besuchen sollte und – wie erst Ende April geschehen – ihm sogar per SMS die Handynummer ihrer ältesten Tochter zukommen liess. Es bestünden ausserdem nur die Aussagen der Frau, was für einen Schuldspruch nicht genüge.

Das Urteil des Kreisgerichts steht noch aus.

Seraina Hess