ALTSTÄTTEN: Whisky vernebelt Erinnerung an Messerstich

Drei Männer, viel Alkohol und eine Tat, an die sich weder Opfer noch mutmasslicher Täter erinnern: Wegen eines verhängnisvollen Abends musste sich am Mittwoch ein 33-jähriger Tamile vor dem Kreisgericht Rheintal verantworten.

Seraina Hess
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Am 14 Zentimeter langen Küchenmesser, das dem abgebildeten gleicht, konnten keine Fingerabdrücke identifiziert werden. (Bild: Remo Zollinger)

Am 14 Zentimeter langen Küchenmesser, das dem abgebildeten gleicht, konnten keine Fingerabdrücke identifiziert werden. (Bild: Remo Zollinger)

Seraina Hess

Alle drei standen sie am Mittwochnachmittag beisammen vor dem Altstätter Rathaus: Opfer, mutmasslicher Täter, Zeuge – fast so, als hätte sich an der Freundschaft, welche die Männer verbindet, seit sie in der Schweiz leben, nichts geändert. Natürlich stimmt das nicht ganz. Das 45-jährige Opfer und der 33-jährige mutmassliche Täter meiden seit jenem Samstagabend im März 2013 den Kontakt, nur grüssen würden sie sich noch, wird das Opfer dem vorsitzenden Richter mittels Dolmetscherin später sagen. Und es bleibt eine der wenigen Informationen an diesem Nachmittag, denn erinnern können sich weder der Geschädigte noch der Beschuldigte an die Geschehnisse.

Gemäss Anklageschrift der Staatsanwaltschaft hielten sich die beiden Tamilen in der ­Wohnung des 33-Jährigen im Rheintal auf, wo sich auch der Mitbewohner befand. In der Küche wurde Whisky und Bier getrunken, und das reichlich, bestätigte das Opfer dem Kreisgericht. Schliesslich sei der 45-Jährige so betrunken gewesen, dass er sich heute nicht einmal mehr erinnern könne, was genau Gegenstand der Diskussion gewesen war, die den Angeklagten derart erzürnte – es müsse aber um die politische Situation in Sri Lanka gegangen sein.

Lebensgefährliche innere Verletzungen

Als sich der Mitbewohner abwandte, um Omeletten zuzubereiten, sei das Gespräch ausgeartet und zur Rangelei verkommen. Irgendwann soll der Angeklagte nach einem auf der Küchenkombination liegenden, 14 Zentimeter langen Messer gegriffen und die Klinge in den linken Unterbauch des 45-Jährigen gestossen haben. Das Opfer begriff zuerst nicht, was gerade passiert war; nur dass der Angeklagte das ­Messer zurücklegte, ist ihm geblieben. Auch die Blutung bemerkte er erst später, worauf ihm der Mitbewohner mit einem Pflaster behilflich war. Schliesslich verständigte der Beschuldigte den Notruf, der 45-Jährige wurde ins Kantonsspital gebracht und operiert.

Durch den Messerstich erlitt das Opfer innere Verletzungen am Dünndarm sowie am Dickdarmgekröse mit massiver Blutung. Die Wunde führte gar zu einer zweiten Operation, das Opfer verbrachte insgesamt 17 Tage im Spital und leidet nach eigenen Aussagen noch heute unter Beschwerden. Deshalb fordert der Mann Schadenersatz in der Höhe von 3302 Franken, da zwei Monate Arbeitsausfall aufgrund seiner Trunkenheit am Tatabend von der SUVA nur zur Hälfte gedeckt wurden und dies zur Verschuldung führte.

Wie das Opfer erinnerte sich auch der Angeklagte vor dem Kreisgericht nicht an die Ereignisse der Nacht. Einmal sagte er, er wisse nicht, was passiert sei, dann, er könne es sich schlichtweg nicht vorstellen, so etwas getan zu haben, ein andermal, dass es schon geschehen sein könnte, wenn es die beiden Kollegen sagen.

Vier Jahre Freiheitsstrafe gefordert

Für die Staatsanwaltschaft kommt kein anderer Täter in ­Frage. Der Angeklagte sei deshalb der versuchten vorsätzlichen Tötung schuldig zu sprechen und im Wesentlichen zu einer Freiheitsstrafe von vier Jahren zu verurteilen – unter Anrechnung der 65-tägigen Untersuchungshaft. Die Staatsanwältin sprach von einer «beinahen Tötung, die beinahe niemanden interessiert» – vom Opfer, der den Angeklagten schützen wollte, bis hin zum Hausarzt, der darauf hinwies, die Klage könne den Beschuldigten die ersehnte Aufenthaltsbewilligung kosten. «Dabei handelt es sich definitiv nicht um eine Bagatelle», ergänzte sie.

Trotz des hohen Alkoholpegels – beim Opfer waren es zum Messzeitpunkt am frühen Morgen 1,48 Gewichtspromille, beim Angeklagten 1,98 und beim Zeugen 2,03 – sei kaum von einem Blackout auszugehen, zumal das Alkoholproblem des Beschuldigten bekannt sei und er dementsprechend eine hohe Toleranz aufweise. Der Tatbestand der versuchten vorsätzlichen Tötung sei auch erfüllt, weil die Verletzungen einen tödlichen Verlauf hätten nehmen können, wäre nicht operiert worden.

Die Tatwaffe wirft Fragen auf

«Zu viel Drama, zu wenig Fakten» – das war das Fazit des Verteidigers. Er fordert einen Freispruch des Angeklagten, oder bei einem Schuldspruch maximal eine bedingte Freiheitsstrafe von einem Jahr. Ohne Aussagen des Opfers und des Beschuldigten sei die Tat nicht glaubhaft; es könne sogar sein, dass sich der 45-Jährige im Vollrausch selbst verletzt habe. Weil auf der porösen Oberfläche des Messergriffs keine Fingerabdrücke identifiziert werden konnten und an der Klinge kein Blut, nur die DNS des Opfers festgestellt worden war, sei auch umstritten, ob es sich bei besagtem Küchenmesser tatsächlich um die Tatwaffe handle.

Das Urteil wird demnächst veröffentlicht.