ALTSTÄTTEN: Mit Brief gedroht, aber nicht vergewaltigt

Einem 58-Jährigen wurde unter anderem unterstellt, seine Adoptivtochter vergewaltigt zu haben. Das Kreisgericht sprach ihn von fast allen Vorwürfen frei.

Seraina Hess
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Seraina Hess

Die Liste an Schuldsprüchen, die von der Staatsanwaltschaft ge­fordert wurden, war lang. Der 58-jährige, im Rheintal wohnhafte Bosnier stand vor etwas mehr als zwei Wochen vor dem Kreisgericht (Ausgabe vom 18. Mai) und musste sich wegen Tätlichkeiten, versuchter Gefährdung des Lebens und unter Umständen einfacher Körperverletzung, Drohung, versuchter Nötigung, sexueller Nötigung (alles mehrfach) und wegen Vergewaltigung verantworten. Eine Haftstrafe von insgesamt dreieinhalb Jahren empfand die Staatsanwältin als angemessen, zudem forderte die Opfervertreterin eine Genugtuung von 28000 Franken.

Widersprüchliche Aussagen der jungen Frau

Der ehemalige Bauarbeiter und heutige IV-Rentner soll nicht nur gegen seine Frau und den 19-jährigen Sohn gewalttätig geworden sein, sondern seine Adoptivtochter, heute 32-jährig, jahrelang sexuell genötigt und im Erwachsenenalter sogar einmal vergewaltigt haben.

Was während der Verhandlung immer wieder Zweifel an den mutmasslichen Taten aufkommen liess, waren die widersprüchlichen Aussagen der jungen Frau. So gab sie beispielsweise an, sich nach den Übergriffen jeweils nicht im Kinderzimmer versteckt zu haben, weil sie keinen Schlüssel besass – im Einvernahmeprotokoll hingegen hiess es, sie habe sich eingeschlossen. Auch deckten sich Aussagen über angeblich erzwungenen Oralsex nicht, ebenso wenig über einen Übergriff, der sich während eines Ausflugs mit dem Schlauchboot auf dem Bodensee ereignet haben soll. Selbst die Vergewaltigung, die sich 2010 abgespielt habe, als die Frau in der Wohnung der Eltern auf die Mutter wartete, verlief je nach Zeitpunkt der Aussage anders.

Sohn hat Strafantrag zurückgezogen

Bei der Urteilsverkündung am Mittwoch erwähnte der vorsitzende Richter ausserdem das fragwürdige Verhalten der jungen Frau: Sie hatte sich gemäss eigenen Aussagen immer wieder auf das Sofa gelegt, auf dem die Übergriffe stattgefunden hätten, ausserdem den Adoptivvater im Erwachsenenalter auch dann besucht, wenn sie wusste, dass die Mutter noch arbeiten war. «Dieses Verhalten eines Opfers ist in den Augen des Kreisgerichts nicht nachvollziehbar», sagte der Richter.

In fast allen Anklagepunkten wurde das Verfahren eingestellt – weil etwa der 19-jährige Sohn den Strafantrag zurückgezogen hatte oder aber Verjährung eingetreten ist. In Bezug auf die Vorwürfe, die noch nicht verjährt sind, wurde der Mann freigesprochen, weil sich zu viele Widersprüche ergaben und der Zweifelssatz zur Anwendung kam. In einem Anklagepunkt befand das Gericht den Mann aber für schuldig: Er betrifft die versuchte Nötigung in Bezug auf einen undatierten Brief aus dem Jahr 2010 oder 2011, den der Vater der Tochter schickte, nachdem sie der Familie von den Vorkommnissen erzählt hatte. Der Angeklagte drohte, freizügige Fotos von ihr in der Badi aufzuhängen, mit dem Hinweis, sie suche Arbeit.

Kein Gefängnis, aber eine Geldstrafe

Dies hat eine Geldstrafe von 90 Tagessätzen zu je 60 Franken zur Folge. Der Vollzug der Geldstrafe wird mit einer Probezeit von zwei Jahren aufgeschoben. Ausserdem hat sich der Mann zu einem Zwanzigstel an den Verfahrenskosten von total 32000 Franken zu beteiligen. Die Zivilforderung wurde abgewiesen. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.