ALTSTÄTTEN: Heroinsucht treibt Familienvater in die Kriminalität

16 Mal soll ein 44-Jähriger in Rheintaler Firmen eingebrochen haben. Begangen hatte er die Taten, um seine Drogensucht zu finanzieren. Das Kreisgericht verurteilte ihn zu einer Gefängnisstrafe.

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Marihuana hat er zum ersten Mal geraucht, als er 17 war. Dabei blieb es zwei Jahre, bis er mit dem Kollegen anfing, die selbst angebaute Droge zu verkaufen, und genug Geld da war, um auf härtere Rauschmittel umzusteigen. «Als wir folienrauchten, haben wir nie daran gedacht, uns das Heroin einmal zu spritzen», sagte der heute 44-jährige Rheintaler dem Kreisgericht am Mittwochmorgen. Der vorbestrafte Mann musste sich nicht nur wegen Übertretung des Betäubungsmittelgesetzes, sondern auch wegen gewerbsmässigen Diebstahls, versuchten gewerbsmässigen Diebstahls, Hausfriedensbruch und Sachbeschädigung (alles mehrfach) verantworten.

Strapaziert durch den letzten Entzug

Was in der Szene auf dem Zürcher Platzspitz als Wochenend-Belohnung begonnen hat, zeichnet seinen Lebensweg bis heute. Obschon der Mann, gelernter Autolackierer, immer arbeitete und deshalb der Illusion verfallen war, sein Leben im Griff zu haben, kam es während des Substitutionsprogrammes mit Methadon immer wieder zu Rückfällen, sobald der Stress zu gross wurde. Zuletzt, im Sommer 2016, unterzog er sich einem Entzug, der ­sogenannten Accelerated Neuro Regulation. Dabei handelt es sich um eine Therapie, die ein medikamentöses Verfahren enthält, bei dem die suchterzeugende Fehlfunktion im Gehirn korrigiert wird – der Entzugsvorgang wird beschleunigt.

51000 Franken Schaden verursacht

Die Therapie habe dem Vater eines fünfjährigen Sohnes körperlich und seelisch so sehr zugesetzt, dass es in Kombination mit dem Druck des Arbeitgebers zum Rückfall kam. «Und weil ich mich schämte, nach der Therapie beim Arzt Methadon anzufordern, besorgte ich Heroin in Heerbrugg», erinnerte sich der Angeklagte. Mitte September bis Mitte November spritzte er sich fast täglich ein bis zwei Gassenbriefchen à 0,2 Gramm Heroin tagsüber und eines am Abend. Dazu kamen Kokain und Schlaftabletten.

Mit einem Preis von zwanzig Franken für 0,2 Gramm Heroin geht die Sucht ins Geld; der Angeklagte fing an, mehrere Ein­brüche in Firmengebäude zu ­verüben, wobei es sich gemäss Anklageschrift in sieben von 16 Fällen um versuchte Einbruchdiebstähle handelt. Ausserdem wird ihm ein Einschleichediebstahl in einer Altstätter Firma sowie der Diebstahl von zwei Gebührensäcken in einem Supermarkt vorgeworfen. Geschädigt wurden 21 Beteiligte, die Liste der Privatkläger umfasst 30 Rheintaler Unternehmen, Privatpersonen oder Versicherungen. Der durch die Einbrüche ver­ursachte Schaden beträgt über 51000 Franken.

Arbeit und Sport, um von der Droge wegzukommen

Der Angeklagte ist in den meisten Fällen geständig, nur vereinzelte Einbrüche will er nicht begangen haben, obschon er beispielsweise auf den Aufnahmen der Überwachungskamera einer in Berneck ansässigen Firma an Haltung und Kleidung zu erkennen gewesen sei, wie die Staatsanwältin ausführte. Die zeitliche und geografische Nähe mehrerer Einbrüche könne kein Zufall sein. Sie forderte nebst Schuldsprüchen in genannten Anklagepunkten im Wesentlichen die Verurteilung zu einer Freiheitsstrafe von 30 Monaten unter Anrechnung der Untersuchungshaft von 92 Tagen und des vorzeitigen Strafvollzugs. Hinzu kommen soll eine Busse von 300 Franken. Ausserdem sei eine vollzugsbegleitende Suchtbehandlung anzuordnen.

Der Angeklagte, der seit Februar im vorzeitigen Strafvollzug in der Bündner Strafanstalt Realta lebt und dort das Methadon abgebaut hat, erklärte dem Richter, er habe endlich gemerkt, dass die Droge nicht mehr zu ihm gehöre: «Es gibt nur zwei Möglichkeiten: Früh sterben oder noch eine Weile leben. Ich möchte meinen Sohn einmal heiraten sehen.» Die Arbeit als Schreiner in Kombination mit viel Sport tue ihm gut und helfe dabei, clean zu bleiben.

Das Kreisgericht Rheintal sprach den Mann in fünf Fällen des versuchten Einbruchdiebstahls frei. Schuldig gesprochen wurde er in den anderen Anklagepunkten. Der 44-Jährige muss im Wesentlichen eine 24-monatige, unbedingte Haftstrafe unter Anrechnung der Untersuchungshaft und des vorzeitigen Strafvollzugs absitzen sowie eine Busse von 300 Franken bezahlen. Angeordnet wird eine vollzugsbegleitende ambulante Behandlung, die über die Haftstrafe hinaus geht. Zwei Zivilforderungen wurden abgewiesen, vier Klägern muss der Beschuldigte einen gesamthaften Schadenersatz von über 11000 Franken zahlen. Die restlichen Kläger wurden auf den Zivilweg verwiesen. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Seraina Hess