ALTSTÄTTEN: «Es wird völlig am Bedarf vorbeigeplant»

Die Pro Senectute als Stiftung für das Alter setzt sich für das Wohl der älteren Menschen ein. Regionalstellenleiter Christoph Zoller spricht im Interview über Altersarmut und über eine Altersheimplanung, die zu einer teuren Überbetreuung führt.

Max Tinner
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Christoph Zoller, Regionalstellenleiter Pro Senectute Rheintal Werdenberg Sarganserland: «Über ein Drittel der Heimbewohner könnte gut noch daheim betreut werden – und das viel günstiger!» (Bild: Max Tinner)

Christoph Zoller, Regionalstellenleiter Pro Senectute Rheintal Werdenberg Sarganserland: «Über ein Drittel der Heimbewohner könnte gut noch daheim betreut werden – und das viel günstiger!» (Bild: Max Tinner)

Max Tinner

Früher drohte einem im Alter die Armut. Mit der heutigen Altersvorsorge dürfte dies nicht mehr die grösste Sorge der Betagten sein, oder?

Christoph Zoller: Für manche ist sie es schon noch. Dank AHV und Ergänzungsleistungen ist zwar das Existenzminimum annährend gesichert. Aber das System ist nach wie vor nicht perfekt. Besonders die heutigen Wohnkosten sind bei der Bemessung von Ergänzungsleistungen nur ungenügend berücksichtigt. Für Alleinstehende liegt der Ansatz für eine Wohnung bei 1100 Franken. Das ist zu wenig – auch bei uns im Rheintal. Sich monatlich 300 oder 400 Franken, die eine Wohnung mehr kostet, vom Mund abzusparen, ist schwierig. Damit drohen Bedürftige trotz AHV und Ergänzungsleistungen noch immer zu verarmen.

Wie gross ist der Anteil der Betagten, die betroffen sind?

Zoller: Rund 15 % der AHV-Bezüger sind auf Ergänzungsleistungen angewiesen. Das Geld kann im Alter aber auch für den Mittelstand zum Problem werden. Ein Beispiel: Jemand, der Ergänzungsleistungen erhält, bekommt auch Beiträge an selbst zu bezahlende Krankheitskosten. Wenn jemand anderer nun knapp keine Ergänzungsleistungen bekommt, und sei es nur wegen zehn Franken Rente über der Berechtigungsschwelle, hat er solche Beiträge nicht zugute – und hat dann unter Umständen mehr zu kämpfen als jemand mit Ergänzungsleistungen. Zählen wir diese Leute zu den genannten 15 Prozent hinzu, sind wir schon bei einem Fünftel bis fast einem Viertel der Betagten, die nur gerade so eben finanziell zurande kommen.

Was sind Armutsrisiken?

Zoller: Nebst den Wohnkosten zum Beispiel die Mobilität. Die Kosten fürs eigene Auto werden auch von Senioren oft unterschätzt. Kritisch kann es auch werden mit einer Vorsorgelücke. Etwa wenn man knapp 60-jährig die Arbeit verliert. Erst recht, wenn es einem zuvor nicht möglich war, zusätzliche Mittel in der dritten Säule anzusparen. Darum ist es wichtig, dass wir unser heutiges System mit den Ergänzungsleistungen halten können. Im Krankheitsfall wirken sie im Alter wie eine Pflegeversicherung.

Sind sie denn umstritten?

Zoller: Der Umfang der Leistungen ist umstritten. Die Diskussion zur Anpassung der Mietansätze etwa zieht sich schon seit Jahren hin. Es ist auch unsinnig, dass Ergänzungsleistungen versteuert werden müssen. Das ist im Berechnungssystem schlicht nicht vorgesehen.

Was ist mit Millionären, die Ergänzungsleistungen beziehen?

Zoller: Mich ärgert diese Diskussion. Dabei geht es um Leute, die sparsam gelebt und ihr Haus abbezahlt haben und darum auf dem Papier über Vermögen verfügen. Muss dann der eine Ehepartner ins Heim, kostet dies unter Umständen 12000 Franken monatlich, was das Paar von seiner Rente kaum wird bezahlen können. Der politische Wille ist, dass der andere Ehepartner trotzdem im Haus bleiben kann. Ich finde es korrekt, dass man in einem solchen Fall prüft, ob eine Beteiligung an den Pflegekosten möglich ist, indem das Haus mit einer Hypothek belehnt wird. Müsste das Paar aber das Haus verkaufen, fände ich dies stossend. Stossend ist es andererseits auch, wenn jemand bei der Pensionierung sein Pensionskassenkapital beziehen und das Geld verjubeln kann und dann der Staat sein Existenzminimum gewährleisten muss.

Was macht denn die Pro Senectute, wenn jemand, der sein Altersguthaben verprasst hat, um Hilfe bittet?

Zoller: Wir hatten beispielsweise mit einem Mann zu tun, der so schlechte Zähne hatte, dass er nicht mehr essen konnte. Den Zahnarzt konnte er sich nicht leisten. Wir wussten aber, dass er sich ein paar Jahre mit Pensionskassengeld ein schönes Leben gemacht hatte. Darum bekam er keine Ergänzungsleistungen, denn bei deren Bemessung wird das bezogene Pensionskassenkapital als Vermögen herangezogen. Wir entschieden uns, die Zahnarztkosten trotzdem zu übernehmen. Es ging uns darum, dass wenigstens die Menschenwürde gewährleistet ist und der Mann wieder essen kann.

Wie wird denn das finanziert? Aus Spendengeldern?

Zoller: Nein, das ist eine Hilfeleistung, die aus der AHV finanziert wird. Das ist gesetzlich so vorgesehen. Spendengelder werden für nicht gedeckte Leistungen verwendet. Zum Beispiel ist in unserer Region die Sozialberatung von den Gemeinden nicht vollständig gedeckt.

Wie siehts aus mit dem Kurswesen: Die Pro Senectute bietet ja eine grosse Auswahl an Kursen an. Lassen sich diese mit den Teilnehmerbeiträgen vollständig finanzieren?

Zoller: Mit Ausnahme von Kursen, die wir für sinnvoll erachten und probeweise einführen, sind die Kurse in der Regel kostendeckend. Vor allem länger dauernde Kurse sind selbsttragend.

Dies bedeutet aber wohl, dass die Leute, die einen Kurs belegen, nicht dieselben sind wie jene mit Geldsorgen?

Zoller: Der Grossteil der Kurse spricht eher ein bildungsnahes Publikum der Mittelschicht an. Wir führen aber auch Angebote wie eine Turngruppe, Velo- und Wandertouren, die nicht viel kosten und nur wenig verpflichtend sind. Solche Angebote sind ebenfalls wichtig, um eine breite Wirkung zu erzielen.

Worin liegt denn der Sinn des Kurswesens?

Zoller: Die Kurse sollen die Begegnung und den Austausch fördern. Uns ist im Prinzip wurscht, ob die Senioren Englisch oder Französisch können – wichtig ist, dass sie andere Leute treffen, dass sie intellektuell gefordert werden; und im besten Fall ­können wir ältere Leute grad auch als Kursleiter gewinnen. Wir verstehen uns als Sozialorganisation, nicht als Bildungsorganisation.

Um einer Vereinsamung vorzubeugen?

Zoller: Die Gefahr besteht, wenn die Leute die Beziehungen nicht pflegen. Wir verstehen uns als Organisation, die Impulse in diese Richtung gibt. Uns liegt viel daran, dass sich Senioren treffen. Denn die beste Altersvorsorge ist die soziale Vernetzung. Versteht man sich gut mit seinen Nachbarn, kann man sie im Alter auch mal bitten, für einen einzukaufen. Wir müssen dem sozialen Netz Sorge tragen. Wir brauchen familiäre und nachbarschaftliche Hilfe, damit in Zukunft das ambulante und stationäre Angebot nicht zusammenbricht.

Die Leute scheinen heute ohnehin länger zu Hause bleiben zu wollen. Altersgerechte Wohnungen erleichtern dies. Man entschliesst sich erst spät, ins Altersheim zu ziehen. Wenn überhaupt. Ist das gut oder schlecht?

Zoller: Das ist weder gut noch schlecht. Es ist einfach die Realität. Schlecht wärs allenfalls für jemanden, der sehr hilfsbedürftig ist und mehr als zirka vier Stunden Hilfe pro Tag benötigt. Ist man hingegen einigermassen «zwäg» und kann noch selbst aufstehen, aufs WC gehen und auch selbstständig essen, so lange kann man problemlos daheim bleiben. Die Pro Senectute kann den Leuten dies mit ihrem Haushilfedienst noch erleichtern.

Hiesse dies umgekehrt, dass unsere Heiminfrastruktur überstrapaziert würde, wollten mehr Leute ins Heim?

Zoller: Das würde unsere Altersinfrastruktur vor allem immens und unnötig verteuern. Schon heute wohnen mehr Senioren im Heim als nötig. Über ein Drittel der Heimbewohner könnte gut noch daheim betreut werden – und das viel günstiger! Es sind Leute mit niedriger Pflegestufe, die aber die teure Infrastruktur des Heims nutzen. Sogar der Kanton empfiehlt den Gemeinden in einem Szenario, die niedrigsten Pflegestufen nicht im Heim zu betreuen, sondern mit ambulanten Diensten zu Hause.

Im Rheintal wird aber ein Heim nach dem andern ausgebaut.

Zoller: Was für mich schwer nachvollziehbar ist. Die Gemeinden unterschätzen die finanziellen Folgen offenbar total. Sie rechnen zwar mit Betriebskosten, die durch die Tagestaxen gedeckt sind, scheinen sich aber nicht bewusst zu sein, dass die Tagestaxe mit viel öffentlichem Geld durch die Pflegefinanzierung bezahlt wird. Effizienter wärs, die Zusammenarbeit mit ambulanten Anbietern wie uns und der Spitex auszubauen. Wenn wir nur halb so viel Geld zugesprochen bekämen, wie momentan für die Planung von Altersheimerweiterungen ausgegeben wird, zum Beispiel für Architekturwettbewerbe, könnten wir Sozialprojekte umsetzen, die die Welt verändern würden. Die Heime sähen ganz anders aus, mit weniger Betten und vernetzter mit ambulanten Diensten.

Wie kommt es denn zur Annahme, die Heime hätten künftig zu wenig Platz, wenn man sie nicht ausbaut?

Zoller: Weil man reine Milch­büechlirechnungen anstellt. Man geht von der heutigen Belegung aus – mit vielen Leuten, die nicht im Heim leben müssten – und rechnet mit dem Faktor der ­Bevölkerungsentwicklung hoch. Das ist aus meiner Sicht etwa so genau wie Kaffeesatzlesen und führt zu einer massiven Über­betreuung. Und niemand hinterfragt die Zahlen. Zumindest war das bis vor Kurzem so. Der Kanton stellt jetzt aber mit seinen neuen Empfehlungen zur Pflegebettenzahl die bisherigen Berechnungen auf den Kopf.

Was man Ihrer Meinung nach schon früher hätte tun sollen?

Zoller: Es hätte schon ein Blick über den Rhein genügt: Dort rechnet man mit einem Bedarf an Heimplätzen für gerade einmal neun Prozent der über 80-Jährigen – und bei uns geht man von 25 bis 28 % aus! Dabei sind unsere Betagten weder kränker als jene in Vorarlberg, noch sind die dortigen gesünder als unsere. Damit wir uns richtig verstehen: Ich wettere nicht gegen die Heime. Wir brauchen sie! Aber nicht für eigentlich gesunde Seniorinnen und Senioren, sondern für die Pflege von Hochbetagten und Leuten mit einer Demenz.

Hinweis

Informationen zu den Dienstleistungen der Pro Senectute Rheintal Werdenberg Sarganserland findet man im Internet auf www.sg.prosenectute.ch (in der Karte aufs Rheintal klicken).

Diesen Sommer widmen wir eine Artikelserie dem Leben im Alter. Wir gehen dabei auf Aspekte ein, die einen womöglich in jungen Jahren nie gekümmert haben, die im höheren Alter aber plötzlich relevant werden. Wir möchten aber auch Herausforderungen ansprechen, vor denen die Gesellschaft (hier in der Region) steht, weil der Anteil der älteren und hochbetagten Menschen an der Gesamtbevölkerung zunimmt. Nicht zuletzt lassen wir auch einige ältere Rheintalerinnen und Rheintaler erzählen, wie ihr Leben im Ruhestand aussieht und was sie beschäftigt. (red.)