Alter bietet viele Chancen

Zu altern muss nicht immer bedeuten, Selbständigkeit zu verlieren. Jürgen Kaesler, Pastoralassistent aus Rüthi, macht sich Gedanken darüber, wo die Chancen des Alters liegen.

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Diese Frau wagt zu träumen und macht den jüngeren Menschen vor, wie sie ihre Träume leben kann. (Bild: pd)

Diese Frau wagt zu träumen und macht den jüngeren Menschen vor, wie sie ihre Träume leben kann. (Bild: pd)

Über die Chancen, die das Alter unter Umständen bietet und wie alternde Menschen Träume haben und diese Leben können, darüber schreibt Pastoralassistent Jürgen Kaesler aus Rüthi:

«Eine meiner Tanten ist ungefähr 80 Jahre alt. Doch zum Seniorenkreis ihrer Gemeinde geht sie nicht. <Da sind doch lauter alte Leute>, sagt sie. Sie findet nicht, dass sie mit ihren 80 Lenzen zu den älteren Bürgerinnen gehört.

Sie fühlt sich überhaupt nicht alt, ganz im Gegenteil! Das Alter – das schmeckt für sie nach: Verlust der Selbständigkeit, nach trostloser Einsamkeit und siechender Krankheit, nach Verwirrung und Bettlägerigkeit. Das trifft alles auf sie nicht zu. Darum ist sie auch nicht alt, nach ihrer Meinung. Sie hat ja auch recht! Wie viele in diesem Alter sind so fit wie mancher 30-Jährige es noch nie war.

Wenn ich recht überlege, geht es mir ganz ähnlich. Ich bin zwar nicht ehrwürdige 80 Jahre alt. Aber ich sehe auch, dass ich selbst nicht mehr 20 Jahre alt bin.

Es ist nicht so leicht, wirklich darauf stolz zu sein, zu den Älteren oder den Alten zu gehören. Aber ich wünsche mir, dass ich mich auf mein Alter genau so freuen kann, wie auf jeden Lebensabschnitt davor auch. Weil noch etwas wirklich Wichtiges geschehen wird. Weil noch etwas Neues vor mir liegt, das es wert ist, es zu erleben.

Träume alter Menschen

In der Bibel steht: <Eure Alten sollen Träume haben> (Joel 3, 1 und Apg 2, 17). Ich finde diesen Satz wunderbar – häufig lesen wir von der Last des Alters, doch was sind die Träume von alten Menschen? Wie sehen sie ihre Zukunft – denn auch alte Menschen haben eine Zukunft, die viel Schönes in sich bergen kann.

Und wie können wir Jüngeren das Wissen und die Erfahrung von älteren Menschen nutzen? Zunehmend kommt man in der Arbeitswelt dahinter, dass die älteren Mitarbeitenden viele Wissensschätze haben, die es auch in der Arbeitswelt zu nutzen gilt – zunehmend auch über das Pensionsalter hinaus.

Der Traum meiner 80-jährigen Tante ist: Alle Freiheiten, die sie jetzt im Alter hat, voll nutzen. Sie muss kein Geld mehr verdienen. Sie braucht keine Kinder mehr zu erziehen. Sie ist niemandem mehr verpflichtet. Jetzt im Alter kann sie tun, was sie will und was sie wichtig findet. Das kostet sie aus, denn jetzt hat sie endlich Zeit dazu.

Darum geht sie auch gerne zu ihrer jungen Nachbarin. Denn die lebt alleine mit ihrem Kind und braucht dringend jemanden, der sie unterstützt.

Freiheit, den Traum zu leben

Meine Tante macht das gerne. Nicht weil sie muss, sondern weil sie will. Weil sie es wichtig findet, dass die Menschen in der Nachbarschaft einander unterstützen. Meine Tante nimmt sich die Freiheit, ihren Traum zu leben: den Traum von Menschen, die einander doch immer wieder beistehen. Und wem geholfen wurde, der ist auch gerne selbst bereit, zu helfen.

Auf diesen Traum ist meine alte Tante stolz und dazu steht sie auch mit erhobenem Kopf. Das Alter als eine Zeit neuer Freiheiten – das könnte auch mein Traum vom Alter werden. Und ich bin froh darüber, dass es heute schon nicht wenige Seniorinnen und Senioren gibt, die uns Jüngeren diesen Traum vorleben.»

Jürgen Kaesler, Pfarreibeauftragter Rüthi-Lienz, Seelsorgeeinheit Blattenberg

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