Alles individuell – auch der Glaube?

Aus christlicher Sicht

Jens Mayer
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Die Kirche kommt genauso wenig ohne die Gemeinschaft aus wie die Vereine und die Politik. (Bild: depositphotos/mangostock)

Die Kirche kommt genauso wenig ohne die Gemeinschaft aus wie die Vereine und die Politik. (Bild: depositphotos/mangostock)

«Die Basis läuft davon.» So wurde Samstag, 25. Februar, ein Beitrag im «St. Galler Tagblatt» überschrieben, in dem es um den Mitgliederschwund bei den Landeskirchen ging.

Es stimmt, dass wir gesamtgesellschaftlich kleiner werden. Und unsere Mitgliederzahlen sinken nicht nur dem Gefühl nach, sondern der Rückgang lässt sich statistisch belegen. Dabei ist die Kirche allerdings in Gesellschaft vieler öffentlicher Vereinigungen. So klagen zum Beispiel Sportvereine über noch viel massiveren Mitgliederschwund als die Kirchen. In meinem Handballverein mussten in den letzten sechs Jahren fünf von acht Mannschaften vom Spielbetrieb abgemeldet werden, weil nicht mehr genügend Spieler vorhanden waren. Chöre, Musikvereine, Laientheater und viele andere Vereinigungen klagen regelmässig da­rüber, dass ihnen der Nachwuchs ausgeht. Selbst politische Par­teien leiden unter Mitgliederschwund und Nachwuchsmangel.

Die Individualisierung der Gesellschaft, das Vermögen des Einzelnen, sein Leben überwiegend autonom zu gestalten, ist sicher nicht der alleinige Grund für diese Entwicklung, aber doch ein entscheidender. Wir alle, ob gemeinschaftlich engagiert oder nicht, planen und regeln unseren Alltag nach eigenen Bedürfnissen und Ideen. Regelmässige und langfristige Verpflichtungen passen da oft nicht hinein. Wir haben um uns herum ein Angebot vielfältiger beruflicher und freizeitlicher Möglichkeiten, die wir ganz persönlich nach unseren Vorstellungen kombinieren können.

Diese Individualität beziehen viele Menschen auch auf ihren Glauben. Sie sehen ihn als persönliche Beziehung zwischen Gott und sich, bei dem die Kirche durchaus aussen vor bleiben kann oder manchmal auch aussen vor bleiben soll. Allerdings verlieren viele Menschen dabei die Tatsache aus dem Blick, dass das Christentum ausdrücklich eine Gemeinschafts- und keine Individualreligion ist. Christ sein kann ich nicht alleine in trauter Zweisamkeit zwischen Gott und mir. Christ sein kann ich nur in Gemeinschaft mit anderen Christinnen und Christen. Denn aus meinem Selbstverständnis als Christ erwächst automatisch eine Verantwortung für die Gemeinschaft und für das Zusammenleben mit meinen Mitmenschen. Darum sollten wir nicht nur da­rauf schauen, wer uns verlässt, sondern auch darauf, wer da ist. Denn solange es noch Gemeinden und Gemeinschaften gibt, die sich in Gottes Namen ver­sammeln, haben und leben wir noch das Christentum. Egal, wie gross oder wie klein sie auch sein mögen.

Jens Mayer

Pfarrer in Balgach, Jugendpfarrer in Berneck-Au-Heerbrugg