Abschied vom Tigelberg

BERNECK. Nach 17-jährigem Wirken im Bernecker Tigelberg, heute Wohnheim für junge Menschen in besonderen Lebenslagen, endet der Berufsalltag von Marcel Coulin – obwohl er sich mit 63 Jahren noch zu jung für den Ruhestand fühlt. Deshalb sucht er nach einer neuen Herausforderung.

Maya Seiler
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Ende Monat wird Marcel Coulin seinen Wirkungsort der letzten 17 Jahre verlassen. (Bild: Maya Seiler)

Ende Monat wird Marcel Coulin seinen Wirkungsort der letzten 17 Jahre verlassen. (Bild: Maya Seiler)

Die Zeit der Tigelberg-Renovation mit zwei Umzügen und dem Leben im engen Provisorium hat Marcel Coulin gefordert: «Irgendwann war die Puste weg; ich wollte die Zeit bis 65 nicht einfach noch absitzen. Deshalb dränge sich ein Wechsel auf.» Der Vorstand des Trägervereins Tigelberg hatte Verständnis und akzeptierte Coulins Kündigung. Auf der Homepage des Tigelbergs prangt unter der Rubrik «Heimleitung» bereits der Name seines Nachfolgers, Jakob Egli.

Perfektes Heim für die Familie

Marcel Coulin, gelernter Fernmelde-, Elektro- und Apparatemonteur aus Wetzikon, bildete sich schon früh zum Heimerzieher, heute Sozialpädagoge, weiter und absolvierte das Werkseminar. Er war an verschiedenen Orten tätig, beispielsweise in der Arbeitsintegration der Stadt Zürich, in Richterswil, wo er seine Frau Regula kennenlernte, in der Leitung des Jugend- und Freizeithauses in Maur und als Sozialpädagoge in der Lindenegg, Güttingen.

In der Zwischenzeit hatte die Familie Coulin drei Kinder bekommen, was die Idee einer sozialpädagogischen Grossfamilie reifen liess. Die ehemalige Fabrikantenvilla Tigelberg, von der evangelischen Kantonalkirche bis in die 1980er-Jahre als Altersheim geführt, bot sich als geeigneter Wohnraum für eine Familiengemeinschaft mit drei eigenen und fünf Pflegekindern an. Deshalb zogen Marcel und Regula Coulin 1998 nach Berneck. Wenn Marcel Coulin von dieser Zeit erzählt, zeigt sich deutlich, dass sein Herz der Grossfamilie gehörte. Für die acht Kinder – eines kam bereits als dreimonatiges Baby zu den Coulins – bot das Leben im Tigelberg und im Ferienhaus im Safiental ideale Bedingungen.

Kinder, Katzen und Kaninchen

Das Ferienhaus war ideal für Winter-, Frühlings- Sommer- und Herbstlager, darum verbrachte die Grossfamilie alle Schulferien in den Bündner Bergen. Die Grundlagen der Erlebnispädagogik prägten Marcel Coulins Erziehungsauftrag. Mit Vergnügen erinnert er sich, wie die ganze Schar jeweils ins Bündnerland zog. Ein Bus mit 13 Plätzen bot Fahrgelegenheit für zehn Passagiere und viel Gepäck. Auch die Katzen und der Kaninchenstall mit Bewohnern mussten mit. Im Safiental verbrachte die Schar erlebnisreiche Wochen mit Wandern und Campieren. Die älteren Kinder lernten, im Freien zu biwakieren.

Als ein Mäzen der Grossfamilie die Anschaffung von zwei Pferden mit dem dazugehörigen Reitplatz ermöglichte, kam auch noch ein Anhänger zum Einsatz, denn die Pferde wurden natürlich mit in die Ferien genommen. So nebenbei erwähnt Marcel Coulin, dass er reiten gelernt und das Fahrbrevet gemacht hat.

Hohe Auflagen, abgelegener Ort

Als die leiblichen Coulin-Kinder erwachsen wurden, stand das Ende der Grossfamilie bevor. Der Tigelberg wurde zum sozialpädagogischen Wohnort für Jugendliche; Coulins zogen ins Dorf, arbeiteten aber mit der Unterstützung eines Teams in der Heimleitung und Hauswirtschaft weiter. Seit der 2006 erfolgten Umstrukturierung gingen die Belegungszahlen zurück. Coulin nennt zwei Gründe: veränderte Zuweisungs-Bestimmungen und der abgelegene Standort. Der letztgenannte Nachteil konnte mit der Anschaffung von E-Bikes wettgemacht werden. Aber die Aufgaben und Herausforderungen für die Heimleitung werden immer happiger. Coulins sind Grosseltern geworden, deshalb sei es der richtige Moment, die Verantwortung abzugeben.

Regula Coulin ist zwar weiterhin für die hauswirtschaftlichen Belange des Tigelbergs verantwortlich. Aber das Ehepaar plant ein neues Projekt: Im ehemaligen Ferienhaus der Grossfamilie wollen sie ein Bed & Breakfast-Lokal für Wanderer auf den Walserwegen der Surselva eröffnen.