Interview

«Absagen ist besser als verschieben»: Drei Lernende äussern sich zur Absage des schulischen Teils der Lehrabschlussprüfung

Der schulische Teil der Lehrabschlussprüfungen fällt dieses Jahr aus. Gelernt wird trotzdem – für die Praxis. Drei Lernende äussern sich.

Mireia Preite
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Lernenden steht die letzte Hürde ihrer Ausbildung bevor: Die Lehrabschlussprüfung. Wegen der Coronakrise wurden die schriftlichen Prüfungen abgesagt. Die praktischen Teile sollen zwar stattfinden, in welcher Form und zu welchem Zeitpunkt ist in zahlreichen Fällen aber noch offen. Diese Ungewissheit macht vielen zu schaffen.

Was haltet ihr von der Absage der schriftlichen Abschlussprüfungen?

Jana Obrist, Coiffeuse bei Matrix Hair: Ich finde es schade, da ich mich bis zur endgültigen Entscheidung richtig ins Zeug gelegt habe beim Lernen. Es könnte sein, dass bei manchen die Erfahrungsnoten nicht genügend sind und die Abschlussprüfungen eine Hoffnung gewesen wären, den Notenschnitt anzuheben. Zum Glück wurde die praktische Prüfung nicht abgesagt. Meine vier Modelle haben ihre Haare extra für mich wachsen lassen.

Hélène Michelle Grin, Detailhandelsfachfrau bei Go Poschta: Absagen finde ich besser als verschieben. Alle haben es verdient, ein richtiges Diplom zu bekommen. Wir haben lange darauf hingearbeitet und es gibt viele, die schon eine neue Stelle haben. Für mich ist es kein Problem, dass die Prüfungen nicht stattfinden. Was mir hingegen Sorgen bereitet, ist die Ladenprüfung. Die muss ich mit Handschuhen, Mundschutz und der Glasscheibe an der Kasse absolvieren. Das ist mir unangenehm.

Lukas Leemann, Elektroniker bei libs: Die Vorschriften des BAG sind während den schriftlichen Prüfungen unmöglich einzuhalten. Darum finde ich den Entscheid gut. Mir bleibt jetzt nur noch die Abschlussarbeit als praktische Prüfung. Die Präsentation wird normal in einem Zimmer mit den Experten stattfinden, jedoch muss der Abstand von zwei Metern eingehalten werden.

Wie sehr belasten euch ungeklärte Details zu den praktischen Prüfungen?

Jana Obrist: Es ist ein richtiges Gefühlschaos. Ich bin ziemlich gestresst, denn meine LAP findet eigentlich am 19. Mai statt, doch bis jetzt ist der Termin noch nicht bestätigt.

Hélène Michelle Grin: Die Ungewissheit macht mir zu schaffen, da keine fixen Daten gegeben sind und ich die Vorbereitung nicht einteilen oder planen kann.

Lukas Leemann: Seitdem die schriftliche LAP abgesagt worden ist, mache ich mir keine grossen Gedanken mehr. Gestresst bin ich nicht.

Welchen Einfluss hat das Coronavirus auf euren Arbeitsplatz?

Jana Obrist: Der Coiffeursalon war vom 17. März bis 27. April geschlossen. Puppenköpfe und sonstiges Übungsmaterial durfte ich nach Hause mitnehmen. Die Schule findet jeden Mittwoch online statt.

Hélène Michelle Grin: Die Arbeitszeiten in unserem Lebensmittelgeschäft sind gleich wie vor dem Ausbruch des Coronavirus. Wir arbeiten jedoch in Schichten. Bei der Arbeit gibt es Gesundheitsmassnahmen, welche einzuhalten sind. Pflicht sind Handschuhe, die Plexiglasscheibe bei der Kasse, wir müssen Kunden auf Abstände hinweisen und es dürfen sich nur zehn Personen gleichzeitig im Geschäft aufhalten. So wurde mein Job ziemlich eingeschränkt.

Lukas Leemann: An meinem Arbeitsort hat sich nicht viel geändert. Die Projekte werden weiterverfolgt und alles läuft ziemlich normal ab. Manche arbeiten von zu Hause aus, damit nur die nötigste Anzahl Mitarbeiter im Geschäft ist. Bevor ich mit meiner Arbeit beginne, muss ich meine Temperatur messen. Eine Schutzwand zwischen mir und meinem Arbeitskollegen bietet Sicherheit und Desinfektionsmittel steht im ganzen Betrieb zur Verfügung.

Wie wird eure Arbeit nach den Lockerungen der Massnahmen weitergehen?

Jana Obrist: Ich denke, es wird einen grossen Ansturm geben. Die Menschen werden die Arbeit eines Coiffeurs mehr schätzen.

Hélène Michelle Grin: Im Sommer wollte ich ein neues Berufsfeld kennen lernen und vom Detailhandel in den sozialen Bereich wechseln. Aktuell ist es mir aber nicht möglich, in anderen Berufen zu schnuppern. Deswegen werde ich weiterhin im Detailhandel arbeiten.

Lukas Leemann: Momentan befindet sich mein Betrieb in Kurzarbeit, und es werden keine neuen Arbeiter eingestellt. Nach Corona wird es hoffentlich wieder normal weitergehen: Niemand muss Homeoffice machen, wir können die Trennwände entsorgen und die Liefer- verzögerungen werden sich beheben.