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«Ab fünfzig wird es schwieriger»

HEERBRUGG. Für viele, die ab dem Alter von 50 Jahren ihre Stelle verlieren, bleibt der Arbeitsmarkt versperrt. Roland Schleith, Leiter des RAV in Heerbrugg, rät, sich schon ab 40 ernsthafte Gedanken zur beruflichen Zukunft zu machen.
René Schneider
Roland Schleith, Leiter Regionale Arbeitsvermittlung Heerbrugg (RAV). (Bild: René Schneider)

Roland Schleith, Leiter Regionale Arbeitsvermittlung Heerbrugg (RAV). (Bild: René Schneider)

Roland Schleith, wer in unserer Region stellt über 50-Jährige ein?

Roland Schleith: Das kann ich nicht generell beantworten. Es werden 50-Jährige eingestellt, von grossen Firmen, kleineren Unternehmen, Handwerksbetrieben. Bei den 50- bis 54-Jährigen ohne Stelle findet etwas mehr als die Hälfte innerhalb von etwa eineinhalb Jahren wieder eine Stelle. Die andere Hälfte – oft sind es Frauen – wird nach Ablauf der Fristen ohne Stelle ausgesteuert. Sie erscheinen dann nicht mehr in den Statistiken zum Arbeitsmarkt.

Das heisst: Ab 50 ist es schwierig, einen Job zu finden.

Schleith: Ab 50 wird es tatsächlich schwieriger. Ab dem Alter 60 sinkt die Quote der Abmeldungen mit Stelle auf zwanzig Prozent.

Die Politik will die Lebensarbeitszeit verlängern und das AHV-Alter erhöhen.

Schleith: Das ist für mich paradox. Wir sollen länger arbeiten, aber manche ältere Mitarbeitende werden vor dem AHV-Alter entlassen und anderswo kaum noch eingestellt. Über die Gründe kann ich mich nicht äussern. Vielleicht ist es ein Jugendwahn in unserer Gesellschaft, vielleicht der Umstand, dass Ältere in körperlich betonten Arbeiten nicht mehr so schnell sind, in psychisch belastenden Tätigkeiten nicht mehr so belastbar oder dass ihre Führung anspruchsvoller ist.

Hat sich die sogenannte Altersguillotine verschoben?

Schleith: Ja. Vor 18 Jahren, als ich hier begann, lag sie noch bei 55 Jahren, jetzt bei 50. Aber es gibt Anzeichen, dass sich das wieder ändert.

Sparen Unternehmen Kosten, indem sie ältere Mitarbeitende entlassen, bzw. nur Junge einstellen?

Schleith: Wenn ich die Einzelfälle in der Gruppe Entlassener über fünfzig ansehe, die ich betreue, kann ich das nicht bestätigen. Nicht die Kostenersparnis ist primär der Grund, sondern Restrukturierungen, Verlagerungen von Produktionen und Positionen, die aus solchen Gründen wegfallen oder verlagert werden. Manchmal könnten die Betroffenen ihre Stelle behalten, aber ab einem gewissen Alter tun sich die Menschen eben schwer, privat die Region zu wechseln oder gar ins Ausland zu ziehen.

Sind also ältere Mitarbeiter zu sperrig und zu unflexibel?

Schleith: Manche sehen es so. Andere bezeichnen es als selbstbewusst und heimatverbunden. Tatsächlich sehe ich ab und zu, dass es nach einer Verjüngung der Chefetage zu Friktionen mit älteren, langjährigen Mitarbeitenden kommt. Ich bezeichne es nicht als Generationenkonflikt. Manche Ältere sind nicht bereit, freiwillig ein Glied zurückzutreten und eine Lohneinbusse in Kauf zu nehmen. Die Sperrigkeit auf der einen Seite und die Ansprüche des jungen Managements können zum Konflikt und zur Entlassung führen.

Geht der Arbeitsmarkt in der Praxis nur bis zum Alter 62?

Schleith: Nein, bis 65 und darüber hinaus. Aber für viele, die zwischen 50 und 60 aus dem Arbeitsmarkt ausscheiden, bleibt der Arbeitsmarkt versperrt. Die Hälfte findet den Anschluss nicht mehr. Manche, wie gesagt, oft sind es Frauen, stellen nach der Aussteuerung ihre Bemühungen ein.

Was ist vom Spruch zu halten, wer arbeiten will, findet Arbeit? Oder vom Wägelischieben im Supermarkt, das man gegebenenfalls täte, statt gar nichts?

Schleith: Es ist selten, dass jemand eine beliebige Arbeit annimmt, ohne Rücksicht auf Ausbildung, Qualifikation und Lohn. Ich hatte einmal einen, 1996, der tatsächlich eine Stelle als Wägelischieber annahm, aber nicht für lange Zeit. Es wurden kurz darauf die Münzen eingeführt, und er kam wieder zu uns. Sein versicherter Lohn lag danach weit unter dem Existenzminimum. Wirtschaftliche Überlegungen spielen eben auch eine Rolle bei der Annahme einer neuen Arbeit. Anderseits könnten viele eine gewisse finanzielle Einschränkung im Alter verkraften.

So denken auch Arbeitgeber?

Schleith: Es ist eine Gratwanderung. Bei uns bei der Suche und Vermittlung einer neuen Stelle und bei manchen Arbeitgebern, die Hand bieten zu einer neuen Tätigkeit mit weniger Verantwortung und entsprechend weniger Lohn. Es gibt Arbeitnehmer, die sich dagegen sperren. Aber es gibt alles. Auch Arbeitnehmer, die weniger Verantwortung bei weniger Lohn anbieten, weil sie sich überlastet fühlen. Oder solche, die mit dem jungen Chef loyal zusammenarbeiten würden, und die trotzdem ihre Stelle verlieren. Es gibt nichts, was es nicht gibt.

Auch entlassene Kaderleute?

Schleith: Ja. Vor allem Männer. Bei ihnen fällt mir auf, dass viele zeitlich und finanziell kaum zurückstecken können, gar wenn sie es wollten. Man heiratet heute später, hat später Kinder. Manche sind geschieden und haben Kinder aus zwei Lebensphasen. Diese Männer sind noch im Alter von 55 bis 60 Jahren in grossen finanziellen Verpflichtungen. Das lässt somit bei einem Stellenverlust und einer Neuorientierung gewisse Lösungsansätze nicht zu. Nochmals: Die Probleme und Lösungen sind sehr individuell. Es ist schwierig, generelle Ansätze und Lösungen zu finden und Schwerpunkte zu setzen.

Auch Schuldzuweisungen sind schwierig?

Schleith: Ja. Es hat alles mit Menschen zu tun. Mit Menschen als Arbeitnehmer, als Führungskräfte und Manager, mit Menschen auch, die Vorgaben und Unternehmenskulturen prägen.

Was wünschen Sie sich vermehrt von den Arbeitgebenden und was von den Arbeitnehmenden?

Schleith: Von den Arbeitgebenden wünsche ich mir, dass sie die Ressourcen ihrer älteren Mitarbeiter mit jenen der jüngeren besser verknüpfen. Jansen zum Beispiel verfolgt ein interessantes Projekt, in dem junge und ältere Mitarbeiter voneinander und für das Unternehmen profitieren. Die Älteren verfügen über viel Wissen und Erfahrungen, die keine Schule vermitteln kann. Die Jungen verfügen über das neueste Schulwissen und mehr Kenntnisse im IT-Bereich. Solches gilt es zu verknüpfen.

Was wünschen Sie sich vermehrt von den Arbeitnehmenden?

Schleith: Die oft erwähnte Flexibilität und die Bereitschaft, neues zu lernen, umzustellen, sich neu und anders auszurichten. Das gilt besonders auch für die Jüngeren. Sie könnten sich schon mit 40, spätestens mit 45 überlegen und eine vertiefte Analyse machen, wie sie sich ihr künftiges Arbeitsleben bis 65 vorstellen. Sie könnten sich gegebenenfalls neu ausrichten, bevor die Zeit drängt.

Eine zweite Lehre absolvieren?

Schleith: Vielleicht. Wenn man es sich finanziell leisten kann. Jemand mit 45, mit Lebenserfahrung und einem Lehrabschluss auf dem neuesten Stand des Berufs, kommt mit entscheidenden Vorteilen auf den Arbeitsmarkt. Das ist eine Vision, aber eine realistische und anregende. Es gibt Menschen, die sich in der Lebensmitte konsequent und völlig neu ausrichten. Manche wagen sich in die Selbständigkeit. Aber – und das scheint mir wichtig – man sollte bei diesem Schritt die Pensionskassengelder nicht antasten. Es muss ohne diese gehen.

Ist späte Arbeitslosigkeit immer mit einem finanziellen und gesellschaftlichen Abstieg verbunden?

Schleith: Finanziell nicht immer, aber meistens. Stellenverlust und Arbeitslosigkeit werden von den allermeisten Betroffenen in der Altersgruppe über 50 als Makel, Versagen, Schmach und Abstieg empfunden.

Was erleben Sie, wenn diese Menschen Ihnen zum ersten Mal gegenübersitzen?

Schleith: Der Gang zu uns wird als Desaster empfunden, als grosse Schmach. Gerade von jenen, die ihr Leben lang gearbeitet haben und dann ein paar Jahre vor dem Rentenalter ihre Stelle verlieren. Da bricht oft eine Welt zusammen, und nicht selten weinen gestandene Männer bei ihrem ersten Termin bei uns.

Betroffenen können Sie beim ersten Gespräch schlecht raten, sie hätten sich mit 40 beruflich neu ausrichten oder sich einen Sprachaufenthalt leisten sollen.

Schleith: Es gilt dann, die Menschen aufzufangen, sie auf den Boden der Realität zu holen und ihnen klarzumachen, dass die Arbeitslosenkasse eine Versicherung ist, in die sie über Jahrzehnte Beiträge einbezahlt haben. Dann gehen wir systematisch vor und suchen die persönlichen Stärken und Möglichkeiten. Sehr oft enden unsere Bemühungen, dass wir die ganzen gesetzlichen Fristen brauchen, aber letztlich doch eine Teilzeittätigkeit finden. Teilzeitjobs häufen sich bei der Vermittlung dieser Altersgruppe. Das heisst, dass die Betreffenden bis zur Pensionierung einen Teil ihres Einkommens selber verdienen und einen Teil weiterhin über die Arbeitslosenkasse beziehen. Solche Lösungen gelingen uns oft. Sie setzen aber das innere Einverständnis unserer Kundschaft voraus.

Wird diese Altersgruppe bald wieder begehrter sein auf dem Arbeitsmarkt, weil die Jahrgänge kleiner werden, und somit Lehrabgänger wie die Fachleute weniger zahlreich sind?

Schleith: Der Fachkräftemangel wird wohl in naher Zukunft dazu führen, dass sich Arbeitgeber noch sorgfältiger überlegen, wie sie ältere Fachkräfte länger behalten können. Vielleicht entwickeln sie ganz neue Strategien dazu. Die politische Entwicklung zeigt, dass die Zuwanderung von Fachkräften in der Tendenz eher begrenzt als gefördert werden wird. Kommt dazu, dass in Süddeutschland und Österreich die Erwerbslosenquote ähnlich tief ist, und sich der Fachkräftemangel dort ähnlich verschärft wie bei uns. In der Folge werden die Löhne dort steigen und der Anreiz, beruflich in die Schweiz zu wechseln, kleiner werden.

Arbeitet also die Zeit für die erfahrenen, aber älteren Fachkräfte?

Schleith: Ich denke, dass es so ist. Das würde bedeuten, dass die Erwerbsquote bei den Älteren in Zukunft wieder steigt und es möglich werden wird, dass wir eben länger arbeiten und später in Pension gehen.

Mit Teilzeitjobs?

Schleith: Es muss möglich werden, das flexibel zu gestalten; mit Teilzeitarbeit, flexiblem Rentenalter und verbunden mit verschiedenen Entschädigungsmodellen.

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