Rolf Huber: Fast alles im Griff

Ergreift Rolf Huber das Wort, zieht er, wann immer möglich, Hemdsärmeligkeit diplomatischer Steife vor. Auf seinem Werbeflyer nennt er sich deswegen bürgernah.

Gert Bruderer
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OBERRIET. Was Huber mit seiner kräftigen Stimme sagt, ist oftmals hingeworfen wie ein Stein. Schwer, unverrückbar. Sätze wie dieser: «Wenn die Wasserversorgung nicht im Sinne der Bevölkerung ist, gehen wir bis vor Bundesgericht.»

Huber, Sohn eines Lehrers, weiss, was er will. Was er als nötig erachtet, vertritt er auch auf die Gefahr hin, einen Rechtsstreit zu verlieren, was ihm dieses Jahr tatsächlich zweimal widerfuhr. Doch als einstiger Schütze weiss Huber, dass man auch daneben zielen kann, und schon als Fussballschiedsrichter hat Huber gelernt, wie Niederlagen hinzunehmen sind.

Sportlich. Ohne Federlesens.

Abhaken, und weiter geht's.

«Vill Müüs bruucht»

Wie beide Grossväter Hubers hatte auch der Nachbar seines Elternhauses einen Landwirtschaftsbetrieb. Heute, als 49-Jähriger, hilft Huber einmal wöchentlich einem Kollegen auf dessen Bauernhof, zudem besitzt er seit zwei Jahren im Gebiet Wichenstein ein kleines Wäldchen. Holzen ist ein Hobby Hubers, und wie er die Axt auf Stämme niedersausen lässt, so schlägt er als Politiker die Pflöcke ein. Entscheidungsfroh, mit Überzeugung und mit rustikalem Charme.

Die Überbauung Schützenwiese hat «vill Müüs bruucht», die neue Sporthalle ist allen Unkenrufen zum Trotz für den beantragten Kredit gebaut worden, Oberriets Infrastruktur ist auf Zack, mit einer Aussichtsplattform auf dem Bergli wird der Blick schon bald noch stärker auf die Schönheit Oberriets gelenkt, und als es um die Frage ging, ob die Gemeinde ein eigenes Glasfasernetz bauen soll, war Huber mutig. Ohne Partner loszulegen, hat sich ausgezahlt. Man müsse aber auch die Gnade haben, Nein zu sagen, sagt der Präsident. Vom Bau der Schnitzelheizung mit Beteiligung der Ortsgemeinde sah man mangels Interesse ab.

Teamgeist umstritten

Steht Huber kraft seines Amtes vor seiner Gemeinde, wie letzten April an der Bürgerversammlung, so ist er die Ruhe selbst. Im dunklen Anzug, selbstsicher, Herr der Materie und hinter seinem Rednerpult verwurzelt wie ein Baum, holt Huber die Zustimmung der Bürgerschaft ein. Zum Steuerfuss erhielt der Präsident zwar nur ein knappes Ja, das nahm er nüchtern und entspannt zur Kenntnis. Denn für diesen Abend war der Hauch von Ungezwungenheit, der den Gemeindechef umweht, staatsmännischer Strahlkraft gewichen.

Rolf Huber kennt die Verwaltung aus dem Effeff. Nach der Schulzeit in Oberriet absolvierte er hier eine Verwaltungslehre, ehe er sich weiterbildete und schliesslich, von 1992 bis 2001, als Gemeinderatsschreiber von Nesslau betätigte. In den drei folgenden Jahren war er dort Gemeindepräsident, dann wurde er, nach der Gemeindefusion, der Chef von Nesslau-Krummenau. Fünf Jahre blieb er in dem Amt, bis Oberriet ihn wählte, wo er bald sechs Jahre auf dem Buckel hat. Seit letztem Jahr sitzt Huber für die FDP auch im Kantonsrat.

Nach drei Stärken gefragt, entscheidet sich der Präsident sofort für diese: «Schnelle Auffassungsgabe, Entscheidungsfreude, kommunikative Kompetenz.» Der Stellenwert des Teamgeists im Gemeinderat ist allerdings umstritten. Und die Kommunalregierung kam zu Sitzungen zusammen, die den Präsidenten selbst zum Thema hatten, sein Verhalten in der Öffentlichkeit nach dem Konsum von Alkohol: Im Zelt der Ringer an der Oberrieter Kilbi beispielsweise, wo Huber auf dem Höhepunkt seiner eigenen Festlaune nicht mehr willkommen war. Er sagt dazu in strengem Ton, als rügte er sich selbst: «Das darf natürlich nicht passieren.» Punkt.

Dann fügt er knapp hinzu: «Nein, zu beschönigen ist nichts.»

Die Einsicht ist also da und das Bedauern über die eigenen Fehltritte, versichern Vertraute, sei ebenso gross wie das Bemühen, nicht nur die Verwaltung, sondern auch sich selbst im Griff zu haben.

Huber lässt das Thema hinter sich, indem er sich zum Älterwerden äussert. «Man wird ruhiger und überlegter», schiesse nicht mehr drein. Nicht, dass er falsch verstanden werde. Sein Gestaltungswille sei intakt, er sei jedoch besonnener geworden.

Huber klingt nach Läuterung.

«Auf sehr gutem Kurs»

Den Blick richtet der rustikal auftretende Politiker mit dem Naturell eines Naturburschen nach vorn. Mit unerschütterlichem Selbstvertrauen sagt der Präsident: «Wenn Oberriet auf dem eingeschlagenen Weg fortschreitet, ist die Gemeinde auf sehr gutem Kurs.» Auf seinem aktuellen Flyer weist Rolf Huber unter anderem auf die «gesunden Gemeindefinanzen mit sinkendem Steuerfuss» hin, auf neu erarbeitete, moderne Reglemente, abgeschlossene Wildbachverbauungen, erfolgreich durchgezogene Strassenprojekte, den laufenden Ausbau der Abwasserreinigungsanlage und manches mehr. Im Grossen, lässt sich bilanzieren, ist dem Präsidenten kaum ein Fehltritt anzulasten. Erst im Kleinen, im Zwischenmenschlichen, fliegen ab und zu die Späne wie beim Holzen, und aus einer klaren Haltung schält sich Unnachgiebigkeit.

An Hubers fachlicher Kompetenz wird kaum gezweifelt. Seine Vorstellungen von der Gemeinde teilen viele, womöglich die meisten. Kompakt soll Oberriet bleiben, ohne weitere Verzettelung, eine «attraktive Wohn- und Arbeitsgemeinde», ein Ort, der seinen ländlichen Charakter mit den Grünoasen wahrt.

Überhaupt, die Raumplanung. Die steht auf Hubers Interessenliste ganz weit vorn. Als regional aktiver Gemeindepräsident sieht Huber sich nicht nur im Dienste der Siedlungsentwicklung und der mit ihr zusammenhängenden Mobilitätsstrategie. Er gehört zahlreichen Gremien an und steht auch manchen vor, zum Beispiel der Bevölkerungsschutzkommission Oberes Rheintal oder den Fachgruppen Siedlung/Landschaft sowie Energie innerhalb des Vereins St. Galler Rheintal.

Huber wünscht sich eine Region mit Anziehungskraft. Er sagt: «Das Einzelkämpfertum der einzelnen Gemeinden ist vorbei.» Gemeinsam Gas zu geben, sieht er als Gebot der Stunde.

Hat Huber Freizeit, nutzt er sie auch gern zum Wandern, zum Motorradfahren und zum Jassen. An den Wochenenden ist er möglichst draussen, gern am Rhein, auf einer Sandbank. Mit den beiden Kindern, dem zehnjährigen Sohn und der 14-jährigen Tochter, die bei der Mutter leben, brätelt er im Sommer oft.

Mit dem Rhein hat er nicht nur privat, sondern auch ernsthaft zu tun. Beim Grossprojekt Rhesi, das der Hochwassersicherheit dient und die Renaturierung des Flusses bezweckt, wirkt Huber im Beirat mit. Auch ihm liege die Ökologie zwar am Herzen, doch «womöglich nicht so stark wie anderen Interessenvertretern», sagte er einmal.

Zittern müssen

Eine Regierungsratskandidatur ist für Huber kein Thema mehr, das gleiche gilt fürs Bundesparlament. Die eigene Zukunft sieht Huber am bisherigen Ort, im Gemeindehaus, in dem früher zuoberst die Mädchensek einquartiert war und wo Hubers Mutter einst zur Schule ging.

Nach hundert Tagen im Amt als Präsident von Oberriet, in einem Interview im Jahr 2011, sagte Huber: «Ich hoffe, dass ich wiedergewählt werde. Dies geht natürlich nur, wenn ich die Gemeinde zusammen mit dem Gemeinderat dahin führe, wo sie hin will. Dafür muss ich mich weiterentwickeln.»

Ein paar Jahre später bescheinigt ihm die eigene Partei, die Gemeinde umsichtig und zukunftsorientiert geführt zu haben. Trotzdem muss er nun in einer Kampfwahl zittern.