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120 Kühe weiden mitten im Wald

Wer im Rheinholz im österreichischen Gaissau unterwegs ist, begegnet ungewöhnlich vielen Kälbern und Kühen. Das Vieh eignet sich gut für die Landschaftspflege. Der Hirt Helgar Nagel erzählt von seiner Arbeit mit den über hundert Tieren.
Michael Götz
Hirt Helgar Nagel (links) und ein Eigentümer bei der Herde. (Bild: Michael Götz)

Hirt Helgar Nagel (links) und ein Eigentümer bei der Herde. (Bild: Michael Götz)

Rheineck/Gaissau/Höchst. Besonders Naturfreunde kennen das Land zwischen dem Alten Rhein und Bodensee. Über die Brücke von Rheineck ins österreichische Gaissau gelangt man, dem alten Rhein entlang, nach zwei bis drei Kilometern ins Rheinholz, in einen typischen Auenwald, der bei Hochwasser immer wieder überschwemmt wird.

Nicht nur die grossen, alten Bäume fallen dem Spaziergänger auf, sondern auch die Kühe, denen er mitten im Wald begegnet. Es sind Kälber und Rinder, die von Anfang Mai bis Mitte Juni gesömmert werden. Helgar Nagel fährt mit seinem Töff zum Stall, der sich mitten im Wald befindet. Er ist der Hirt der Herde. Bis zur Hüfte sei er im Wasser gestanden, um den Zaun abzubauen, den er auf den kleinen Anhänger geladen hat. Bei Niedrigwasser hatte er den Zaun im flachen Wasser aufgestellt, damit die «Galtlig» nicht über den Bodensee das Weidegebiet verliessen. Jetzt steigt das Wasser wieder und es gilt, den Zaun schnell zu entfernen, um nicht noch tiefer ins Wasser waten zu müssen.

Urwald und gepflegter Wald

Der Hirt geht durch den Wald, der teilweise aussieht wie gemäht, so sauber haben ihn die Tiere abgegrast. Zwischen den grossen Bäumen wie Eichen, Buchen oder Föhren gibt es aber auch viele Sträucher. «Wären die Rinder nicht da, würde der Wald komplett verbuschen», sagt Helgar Nagel. Der Wald auf der anderen Seite des Weges, auf dem wir gehen, ist durch einen Zaun von der Waldweide abgetrennt. Hier soll sich der Wald wie Urwald entwickeln können. Kaum sieht man zwischen den Bäumen hindurch, so stark wachsen hier Sträucher und Unterholz. Hier sei es so, wie es der Naturschutz wolle, erklärt der Hirte. Die Besitzer des Waldes und die Bevölkerung wollten dagegen einen gepflegten Wald.

Die 90 Hektaren grosse Waldweide ist Teil des 2000 ha grossen Naturschutzgebietes «Rheindelta». Sie gehört zu vier Siebtel der Gemeinde Höchst, zu zwei Siebtel Fussach und zu einem Siebtel Gaissau. Gemeinsam bestimmen diese, wie sie den Wald nutzen. Obwohl Höchst die Mehrheit der Stimme habe, benötige die Gemeinde wenigstens eine Stimme einer Nachbargemeinde, um ein Begehren durchzubringen; so wolle es die Satzung. Über einen Naturweg gehen wir durch den Wald in Richtung Entenbad, einer Weide am See, die etwas oberhalb des Rheinspitzes liegt. Offensichtlich halten sich die Kühe heute nicht im Wald auf.

Diesen suchten sie vor allem an heissen Tagen und des Nachts auf, weiss Helgar Nagel zu berichten. Tagsüber ist es im Wald kühler, nachts hat es dort weniger Mücken und Bremsen, und das Vieh kann die Plagegeister an den Sträuchern abstreifen.

Wie eine Maiensäss

Jetzt, nach dem Fressen halten, sich die Tiere alle im «Spitz» auf, dem Teil der Weide, wo der Rhein in den Bodensee mündet. Es ist zwar warm, aber es weht ein Wind, der die Mücken vertreibt. Die Herde, bestehend aus vor allem braunen und schwarz-weissen Tieren, bietet einen schönen Anblick. Die «Galtlig» liegen ruhig und kauen wieder. Insgesamt befinden sich dieses Jahr 120 Kälber und Rinder von zehn verschiedenen österreichischen Bauern im Rheinholz. Die meisten gehen nach der Weide auf die Alp. Das Rheinholz sei sozusagen die Maiensäss, die Voralp, erklärt der Hirte.

Es hat zwar einen Stall im Rheinholz, in dem früher sogar Kühe gemolken wurden, aber heute sind die Tiere Tag und Nacht auf der Weide. Sie sollen sich an das Leben im Freien gewöhnen, bevor sie auf die Alp kommen. Er benötige daheim weniger Futter und habe weniger Arbeit, erklärt ein Landwirt aus Höchst, der gekommen ist, um nach seinen «Galtlig» zu schauen. Da die Schellen der Rinder je nach Besitzer eine andere Farbe haben, findet er sie leicht. Für ihn ist es wichtig, dass er ab und zu nach den Tieren schaut. Eines seiner Tiere hat angefangen, andere am Euter zu saugen, was zu Schäden an den feinen, noch nicht fertig ausgebildeten Zitzen führen kann. Der Landwirt notiert sich die Nummer der Ohrmarke des Saugers und wird ihm später einen «Stecher» anlegen, um das Saugen zu verhindern. Wichtig ist auch die Kontrolle, ob die geführten Tiere auch wirklich trächtig sind oder ob sie «umgerindert» haben. Die «Galtlig» des Landwirtes werden als eine der letzten auf eine Hochalp nach Gargellen kommen, deren Weiden bis auf 2500 Meter über Meer reichen.

Vieh ist nicht wählerisch

Die Tiere finden – gut genährt wie sie aussehen – genügend Futter. Doch verwöhnt sind sie offensichtlich nicht. Selbst die Spitzen des zähen Burstgrases sind teilweise abgefressen.

Leckerbissen scheinen die Spitzen der Schilfgräser zu sein. «Sie schmecken süsslich», erklärt der Helgar Nagel. Oft steht in den Weiden das Wasser; erkennbar ist es an den Mocken – erhöhte Grasbüsche mit Burstgras. Dieses Jahr ist es eher trocken, doch von einem der Mocken schaut ein Frosch aus seinem raffinierten Versteck.

Nicht immer sind die Tiere so leicht zu finden wie heute auf dem offenen Spitz am See. «Wenn es viele Leute hat, verschwinden sie», erzählt der Hirt. Dann suchen sie die kleineren, aber geschützten Weiden im Wald auf. Wir folgen ihren ausgetretenen Wegen durch den Auenwald.

Helgar Nagel kennt die Gefahrenstellen. An Schwarzdornhecken brechen manchmal Dorne ab, welche zu schmerzhaften Eiterbeulen führen können. Respekt hat er vor den moorigen Plätzen, wo er vor allem bei Hochwasser die Tiere schon mit dem Traktor herausziehen musste.

Ein Teil der Wiesen wird im Herbst noch gemäht. Es sind Streuwiesen. Vor 50 Jahren habe man die Streu noch an die Bauern versteigert, weiss Helgar Nagel, der in der Gegend aufgewachsen ist, zu berichten. Heute dürfe man immer weniger Flächen mähen. Er selbst sieht die Zukunft des Rheinholzes in einem Zusammenspiel zwischen Natur und Nutzung.

Überlässt man den Wald nur sich selbst, wird dieser schliesslich kaum mehr zugänglich sein. So lange die Rinder im Wald sind, halten sie das Unterholz zurück und zertreten das Fallholz. Es entsteht Humus. Zusammen mit Licht eine Grundlage für neues, vielfältiges Leben auch im Wald.

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