100-Jährige wissen viel zu erzählen

BALGACH. Am Dienstag feierte der Obstbauverein Balgach seinen 100. Geburtstag. Über 70 Gäste waren anwesend, um dieses Jubiläum zu feiern, an dem das Mostobst auf einem Fuhrwerk nach Marbach transportiert wurde.

Valentina Thurnherr
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Auf einem Fuhrwerk wurde das gesammelte Mostobst nach Marbach zur Mosterei Kobelt transportiert. (Bild: Valentina Thurnherr)

Auf einem Fuhrwerk wurde das gesammelte Mostobst nach Marbach zur Mosterei Kobelt transportiert. (Bild: Valentina Thurnherr)

Es hatte gerade angefangen zu regnen, als die ersten Harasse, bis zum Rand gefüllt mit Mostobst, auf das Fuhrwerk geladen wurden. Die zahlreich erschienenen Gäste rückten auf den bereitgestellten Bänken zusammen. Kinder rannten aufgeregt zwischen den Kisten hindurch, um sich das mit Blumen geschmückte Fuhrwerk genauer anzusehen.

Kurt Boll und Luca Schönauer aus Rebstein spielten dem Verein auf der Posaune und der Trompete ein Geburtstagsständchen, in das die Anwesenden beim zweiten Durchgang einstimmten.

Viel zu erzählen

«Wer 100 Jahre alt wird, kann viel erzählen», begann Ernst Nüesch, Präsident des Obstbauvereins, seine kurze Ansprache. 1915 schlossen sich über 120 Bauern zur Obstverwertungsgenossenschaft zusammen. In Balgach standen damals fast 10 000 Obstbäume.

Bis 1930 ging es hauptsächlich um die Verwertung des Obstes. Was man nicht selber brauchte, wurde vor allem nach Vorarlberg geliefert, bis mit der Weltwirtschaftskrise die Ausfuhr ins Ausland zusammenbrach. Der Schweizer Obstverband förderte mit Unterstützung des Bundes die Umstellung des Mostobsts auf Tafelobst. Bei dieser Umstellung machten die Balgacher nur zögernd mit. Auch als sich nach dem Zweiten Weltkrieg Obstverwerter im Mittelrheintal zusammenschliessen wollten, entschieden die Balger, selbständig zu bleiben.

Anpassung war nötig

Schliesslich wurden viele Obstbäume ersetzt, um das Tafelobst dem Markt anzupassen. Für dieses Obst mussten vermehrt private Abnehmer gefunden werden, und die Händlermarge drückte den Erlös.

Ein weiteres einschneidendes Ereignis war die Mechanisierung der Milchwirtschaft und des Gemüsebaus. Viele Bäume im Riet waren im Weg und wurden gefällt. Dazu kamen die neuen Wohnquartiere, die weitere Bäume forderten. Die Obstverwertungsgenossenschaft verlor an Bedeutung. Es fehlte an Perspektiven und Mitgliedern. Nur wenige Kommissionsmitglieder und Obstlieferanten blieben treu und zogen den Betrieb Jahr für Jahr unentgeltlich durch. 1990 waren es weniger als 30 Mitglieder, und die Obstmenge sank weiter. Erst 2012 wurde die Genossenschaft in einen Verein umgewandelt – seither stehen andere Ziele im Vordergrund: Nicht das Vermögen vergrössern, sondern die ökologische Verwertung eines Naturguts fördern.

«Wir geben nicht auf»

«Nur wenn die Obstmenge im Jahr mindestens 15 Tonnen beträgt, würde die Rechnung aufgehen», sagte Nüesch. Der Vereinsvorstand legte dazu eine neue Strategie fest – eine regionale Sammelstelle. Dazu sind einige Erfolge zu verzeichnen. Bereits wird Obst aus Berneck, Widnau und Diepoldsau angeliefert. Eine drängende Frage stellt sich dennoch: Wird es den Verein in zehn Jahren noch geben? «Rosig sieht die Zukunft nicht aus, doch wir sind uns einig: Wir geben nicht auf», sagte Nüesch entschieden.

Gratis-Most für alle

Nach der Rede stiessen die Gäste mit einem lauten «Obst-Most-Prost» zusammen auf den 100. Geburtstag des Vereins an. Mit Wienerli und Most liess man den Abend mit gemütlichem Beisammensein ausklingen.