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REUTI: Der zweite Fall

Stichwort: Gammelhof. Das Thurgauer Veterinäramt verfügte ein totales Tierhalteverbot. Das Bundesgericht stützte es in zwei Urteilen. Doch der Bauer betreut bis zum heutigen Tag Vieh. Ein Drama um Recht und Wahrheit.
Peter Exinger
Reuti: Beschwerden über die Vorgänge auf diesem Bauernhof bekommen die Behörden von Nachbarn seit Jahren zu hören. (Bild: Thi My Lien Nguyen)

Reuti: Beschwerden über die Vorgänge auf diesem Bauernhof bekommen die Behörden von Nachbarn seit Jahren zu hören. (Bild: Thi My Lien Nguyen)

Wer sich nicht wehren kann, muss leiden. Auf dem Hof von Bauer A.R.* in Reuti mussten offenbar viele Tiere einstecken. Für die Nachbarn ist der Zustand auf dem Anwesen schon lange unerträglich – seit 2002. «Wissen Sie, es hat einem im Herzen weh getan, das miterleben zu müssen», sagt ein Mann aus Reuti.*

«Angefangen hat es mit den Katzen.» Sie haben sich auf dem Hof völlig unkontrolliert vermehrt. Die Nachbarn retten Tiere, bringen «die Findlinge» zum Tierarzt, die Kätzchen werden aufgepäppelt und man sucht und findet für sie Plätze.

Auch mit seinen Nutztieren ging A. R. wenig gefühlvoll um. Den Kühen stach der Bauer vor Zeugen mit der Mistgabel ins Euter, wenn die Tiere beim Klauenschneiden nicht parierten. Die Kühe seien deswegen erschreckt, zum Teil auf dem Betonboden ausgerutscht, hätten sich verletzt. Dasselbe beim Verladen der Tiere, «da war der Bauer nicht zimperlich». Der Mann aus Reuti schüttelt darüber noch heute den Kopf.

Nachbarn alarmierten sogar die Einsatzkräfte der Kantonspolizei in einem besonders krassen Fall von Quälerei und Verletzungen an einem Tier. Nicht, dass der Bauer eine Bestie sei, aber es seien «gewisse Defizite» vorhanden, berichtet ein Nachbar, die ein menschliches Vorgehen von A. R. vermissen liessen. Verantwortliches Tun sei «schlichtweg nicht vorhanden» gewesen.

Glück, dass keine Menschen zu Schaden kamen

Ein Nachbar weiss, dass die auf den ersten Blick eher sanfte Art des Bauern A. R. bei einem entsprechenden Vorfall «in ein hochcholerisches, unkontrolliertes Tun umschlagen» konnte und bezeichnet es als «erstaunlich und reines Glück, dass zwischenzeitlich nicht mehr passiert ist. Dass neben den Tieren nicht auch noch Menschen durch den katastrophalen Zustand des Hofes und der Maschinen zu Schaden gekommen sind.»

Auch ein anderer Nachbar beobachtet Tierquälereien von A. R. Ihn plagt das Gewissen, und er wendet sich mit Hilfe eines Rechtsanwalts an die zuständigen Thurgauer Behörden. Das war vor mittlerweile acht Jahren. Das Vorgehen ist bekannt. Zuerst gab’s eine Kontrolle auf dem Hof durch das Veterinäramt. Die Einstreu im Stall war «sumpfartig mit Kot und Harn durchtränkt», merkt in einem Gerichtsverfahren ein Staatsanwalt an, «das Futter mit Kot verseucht». Die Mängel auf dem Hof seien «derart gravierend» gewesen, dass man hätte einschreiten müssen. Das Veterinäramt verfügte ein totales Tierhalteverbot über A. R., Rekurse des Bauern folgten. Das Bundesgericht segnete schliesslich im Jahr 2012 das Tierhalteverbot ab.

Gegen die Umsetzung des Verbots jedoch hatte der Bauer abermals Einsprache erhoben und gleichzeitig «in letzter Minute» Teile des Hofes an seinen Neffen verpachtet. A. R. aber betreut das Vieh bis zum heutigen Tage, wie ein Augenschein diese Woche ergab und wie der kantonale Infodienst bestätigt hat. «Den neuen Pächter haben wir nicht ein einziges Mal auf dem Hof arbeiten gesehen, er wohnt in einem anderen Kanton, nicht auf dem Hof», sagen Nachbarn.

Diese Scheinverpachtung entpuppt sich rechtlich als Buebetrickli. Das Bundesgericht anerkennt diese Art der Verpachtung in seinem Urteil vom Herbst 2013 als missbräuchlich. Den Vollzug des Tierhalteverbots hätten die kantonalen Behörden sofort an die Hand nehmen können. Bauer A. R. hätte seinen Betrieb aufgeben oder auf Ackerbau umstellen, die Viehhabe veräussern müssen. Auch darüber haben wir in der TZ berichtet.

«Doch geschehen ist danach nichts», sagt Samuel Damado*, er wohnt in Reuti. «In diesem Fall wurde der Vollzug des Rechts mit Füssen getreten. Anders kann man es nicht ausdrücken. Es gibt zwei Bundesgerichtsurteile. Beide sind nicht umgesetzt.» Das Tierhalteverbot gegen Bauer A. R. in Reuti sei vom Veterinäramt «regelrecht ausgehebelt» worden. Nachbar Samuel Damado verwendet dafür den Ausdruck «wie in einer Bananenrepublik».

Wegen A. R. und seinen Machenschaften auf dem Hof haben Bürger ihre Konsequenzen gezogen. «Ich bin weggezügelt: Die Zustände waren für mich nicht mehr tragbar.» Jedenfalls ist das «Nichtstun der Behörden, deren Inaktivität und Passivität» der Grund dafür, dass der «katastrophale Zustand» von Haus und Hof noch immer so sind, wie sie sich auch heute noch darstellen.

Auch die Kinder im Haushalt des Bauern hätten unter den Zuständen leiden müssen. «Da wäre nach meinem Dafürhalten Handlungsbedarf auch bei anderen Behörden gegeben gewesen», sagt ein Nachbar.

Die Einwohner von Reuti wenden sich im Fall A. R. immer wieder an die Behörden. So monierten sie im letzten Sommer brieflich «auffällig und sehr oft und längere Zeit brüllendes» Vieh, deren Fütterung zu «sehr unterschiedlichen Zeiten» stattfände. Die Gebäude «sind marode und abbruchreif», sagt ein Nachbar. Die Zustände seien unbeschreiblich. Das Veterinäramt beschied wiederum brieflich: «Im Zuständigkeitsbereich des Veterinäramts besteht kein Handlungsbedarf.» Man würde «den Betrieb in einem Umfang kontrollieren, der uns auf Grund der Umstände als angezeigt erscheint».

Damado hat kein Vertrauen mehr. Weder in die Behörden, noch in eine Besserung der Situation auf dem Hof von A. R. «Länger als zwei Monate nach einer Kontrolle hat er die Zustände kaum auch nur halbwegs in Ordnung halten können. Dies hat das Bundesgericht in seiner Urteilsbegründung auch so dargelegt.» Danach liesse der Bauer die Zügel wieder komplett schleifen.

Der Kanton beantwortet keine Fragen im Detail

Mit Fragen zum Fall konfrontiert, will der Kanton «nicht im Detail antworten», weil der Arbeit der angekündigten Untersuchungskommission «nicht vorgegriffen werden kann». Der jahrelangen Verschleppung des Falles – so sehen es zumindest die Einwohner von Reuti – entgegnet Walter Hofstetter vom Infodienst: «Auf Halter, gegen die ein Tierhalteverbot ausgesprochen wurde, wird ein besonderes Augenmerk gelegt. Selbstverständlich wird allen Beschwerden immer nachgegangen.» Die Antworten des Veterinäramtes sprechen eine andere Sprache.

Bauer A. R. und sein Anwalt waren für eine Stellungnahme nicht erreichbar.

Hinweis
* alle Namen der Redaktion bekannt, bzw. Name geändert.


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