WERKSCHAU
Hübsch, intim, verstörend: Die Ostschweizer Beiträge der «Photo Schweiz»

Zehn Fotografen aus der Region haben es mit ihren Werken an die «Photo Schweiz» geschafft, die grösste Foto-Werkschau des Landes in Zürich. Die Pandemie festgehalten hat der Ausserrhoder Kriegsfotograf Dominic Nahr.

Viola Priss
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Wie stille Schreie: In der Sonderausstellung Photocorona dokumentierte Dominic Nahr den Corona-Alltag von Sexarbeitenden, Flüchtlingen und Obdachlosen.

Wie stille Schreie: In der Sonderausstellung Photocorona dokumentierte Dominic Nahr den Corona-Alltag von Sexarbeitenden, Flüchtlingen und Obdachlosen.

Bild: Dominic Nahr, Aussteller Photo Schweiz

Es gibt sie, der täglichen Bilderflut von Instagram, TikTok und Hochglanzmagazinen zum Trotz: Jene Aufnahmen, die berühren, packen, nicht mehr loslassen und nachwirken. Auf der «Photo Schweiz», der grössten Schweizer Werkschau für Fotografie, stellen jetzt sowohl etablierte als auch Amateurfotografen jene Momente nebeneinander aus. Vom 2. bis 11. Juli sind in Zürich neben der Werkausstellung 14 Sonderausstellungen wie das Photocorona-Projekt zu sehen. Zu diesem steuerte auch der Ausserrhoder Kriegsfotograf Dominic Nahr Werke bei.

Stadt, ohne Menschen: Einer der Fotobeiträge Dominic Nahrs.

Stadt, ohne Menschen: Einer der Fotobeiträge Dominic Nahrs.

Bild: Dominic Nahr, Aussteller Photo Schweiz

«Wie bleibt man zu Hause, wenn man keines hat?», fragte sich Nahr mit und seit Beginn des ersten Lockdowns vom 17. März 2020. Die Beschränkungen trafen Obdachlose, ausländische Sexarbeitende und Migranten am härtesten. Der gebürtige Heidener dokumentierte bereits für den «National Geographic» oder das «Times Magazine», reiste nach Fukushima und den Südsudan und berichtete von humanitären Katastrophen. Den Einschlag der Pandemie, die alles von einem auf den anderen Tag lahmlegte, spiegelt sich in der zerstörten Fensterscheibe, wie auch den leergefegten Strassen auf Nahrs Bildern wider. Er trägt damit zum fotografischen Zeitdokument der Photocorona-Sonderausstellung bei, die untertitelt sein könnte mit «Hier waren einmal Menschen.»

Vom Muttersein ohne Mutterglück

Auch der Beitrag von Marlies Thurnheer dokumentiert die Leere. Eine Leere, die ebenfalls völlig unerwartet kam. In einer fünfteiligen Bilderserie behandelt die St.Gallerin die Themen Schwangerschaft und die Zeit als frische Mutter, jedoch jenseits von Rosarot und Freudentaumel. Stattdessen sprechen Nervosität, Überforderung und die Ambivalenz gegenüber dem eigenen Kind aus ihren Bildern. «Ein fotografischer Einblick in die Gefühlswelt einer Mutter mit postnataler Depression. Das Kind ist hier, Glück und Freude bleiben aus. Ein Tabuthema in unserer Gesellschaft», beschreibt sie selbst ihre Serie, die dem sonst unsichtbaren Phänomen Ausdruck verleiht.

Innerlich zerrissen sein in der Schwangerschaft. Dem Phänomen von Schwangerschaftsdepression widmete sich die St.Gallerin Marlies Thurnheer.

Innerlich zerrissen sein in der Schwangerschaft. Dem Phänomen von Schwangerschaftsdepression widmete sich die St.Gallerin Marlies Thurnheer.

Bild: Marlies Thurnheer, Ausstellerin Photo Schweiz

Acht Ostschweizer Beiträge

«Mein 55. Lebensjahr in 365 Postkarten und 12 monatlichen Farben» lautet der Titel des Beitrags von Urs Schmid aus Rapperswil-Jona. Jeden Tag schickte er sich selbst eine digitale Postkarte aus seinem Alltag, beginnend mit einem Dezemberschwarz über einen lilafarbenen Juli bis hin zum Grau im Januar 2020.

Im August 2020 galt es für den Rapperswiler Künstler Urs Schmid, jeden Tag aufs Neue eine lila Entdeckung zu machen und abzulichten.

Im August 2020 galt es für den Rapperswiler Künstler Urs Schmid, jeden Tag aufs Neue eine lila Entdeckung zu machen und abzulichten.

Bild: Urs Schmid, Aussteller Photo Schweiz

«Ich wusste nie so ganz, was ich bis zur Rente machen sollte», sagt Andoni Lopez, der in St.Gallen aufwuchs. Zur Fotografie fand er schliesslich über den Sport, der auch Gegenstand seiner Ausstellungsbilder ist. Der Journalist Markus Maeder aus Rapperswil Jona benannte seine Bilder «Serendipity, das Glück, etwas ganz anderes zu finden». Dafür lichtete er das Denkmal für die Schweizer Rennfahrlegende Louis Chevrolet ab, umfunktioniert als Zerrspiegel.

Die «Transparenz in der Natur» hielt der St.Galler Fotograf Remo Wüthrich auf seinen Bildern fest. Als jüngster Ostschweizer Ausstellender ist mit 21 Jahren der Rheintaler Fotograf Manuel Eichmann auf der «Photo Schweiz» vertreten. Aufnahmen seien nie im Vorneherein planbar, sagt er, sondern entstünden aus spontanen Situationen heraus.

Manuel Eichmanns Bilderserie entstand in Kopenhagen.

Manuel Eichmanns Bilderserie entstand in Kopenhagen.

Bild: Manuel Eichmann, Aussteller Photo Schweiz

Aus Wattwil ist der gelernte Elektroingenieur Hanspeter Schachtler auf der Werkschau vertreten. Er bewarb sich mit einer Bilderserie, die er über eineinhalb Jahre auf seiner Reise durch Südamerika sammelte. Der Fotografin Lorena La Spada merkt man in ihren alpinen Modeaufnahmen ein Auge für Form und Symmetrie an, das in ihrem St.Galler Studio für Grafikdesign gefragt ist.

Menschen, deren Alltag der Tod ist, wissen am besten, wie er aussieht. In der Sonderausstellung rund um das Thema Sterben hielt der St.Galler Grabsteinhauer Aurel Widmer per Einwegkamera die schönen wie nüchternen Seiten seines Berufslebens, von Skizzenstatue bis Leichentuch, fest.

«Photo Schweiz», Freitag, 2. Juli, bis Sonntag, 11. Juli, 11 bis 20 Uhr, Halle 550, Birchstrasse 150, Zürich-Oerlikon. Die Tickets können direkt an der Kasse vor Ort oder im Vorverkauf bezogen werden.