Wandertipp
Das Glück dieser Erde geht an der Seite der Lamas: Zu Fuss und Huf durchs Toggenburg

Wieso alleine spazieren, wenn man dabei spektakuläre Begleitung auf vier Beinen haben kann? Lama-Trekking fühlt sich ein bisschen an wie Meditation, hat ein bisschen etwas von Urlaub in den Anden und erinnert an Kindheitsabenteuer auf dem Bauernhof.

Viola Priss
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Die Hauptrolle an diesem Tag spielt Star-Lama Blacky, in der Nebenrolle: Das Alpsteinmassiv.

Die Hauptrolle an diesem Tag spielt Star-Lama Blacky, in der Nebenrolle: Das Alpsteinmassiv.

Bild: Viola Priss

Infobox

Start: Unterwasser, Post
Ziel: Alpli und zurück
Strecke: 7,7 Kilometer
Wanderzeit: 2 Stunden
Aufstieg: 197 Meter
Abstieg: 197 Meter
Ausrüstung: Festes Schuhwerk, die Wanderung ist nicht für Kinderwagen geeignet.
Gaststätten: keine
Parkplätze: Bei der Post in Unterwasser
Öffentlicher Verkehr: Mit der Bahn von St.Gallen bis Wattwil. Ab dort mit dem Postauto bis Unterwasser, Post. 
Kartenmaterial: 1:25000, 1115 Säntis, 1114 Neslau, 1134 Walensee, 1135 Buchs

1. Unterwasser, Post

Es ist Sonntag, es ist früher Morgen, bitterkalt. Und doch macht sich das Gefühl von Abenteuer bereits mit dem Ausstieg aus dem Postauto breit: Im Toggenburg, wo im Februar sonst Langläufer und Skifahrer ihren freien Tag verbringen, warten auf uns zwei ganz besondere Gefährten: Das chilenische Lama Jupiter und sein peruanischer Freund Blacky.

Bereits am Ausstieg Post in Unterwasser ist der «Chüeboden» am Ortseingang auf Schildern ausgeschrieben, unmittelbar vor dem Postamt schlagen wir die linke Hauptstrasse ortsauswärts ein. Es folgt ein Aufstieg von 2 Kilometern, der 20 bis 30 Minuten strammen Fussmarsch bedeutet. Immer mehr Zivilisation lassen wir hinter uns im Tal und immer mehr Tier-, Pflanzen- und Bergwelt liegt vor uns.

2. Chüeboden

Dem Tier vertrauen, auf sich selbst schauen. Es ist ein spezielles, gemeinsames Erlebnis, dieser Spaziergang.

Dem Tier vertrauen, auf sich selbst schauen. Es ist ein spezielles, gemeinsames Erlebnis, dieser Spaziergang.

Bild: Viola Priss

Entlang unseres Fussmarsches wird jeder kleine Hof genau inspiziert: Verstecken sich zwischen den Schafen, Kühen oder Pferden auch aussergewöhnlich aussehende Vierbeiner? Als auf der rechten Seite der Hof am Chüeboden ein grosses Banner das hiesige «Lamatrekking» bewirbt, wissen wir, wir sind angekommen. Und obgleich es überall ruhig ist, hier im verschneiten Toggenburg, wird es beim Anblick der Lamaherde gleich noch etwas ruhiger und magischer. Von weiss bis rotschwarzgefleckt, von lockig bis mähnig, schauen ungefähr dreissig der Andenbewohner, wer da zu Besuch kommt. Für uns ausgewählt wurden Jupiter, als Führelama und Lou, der seinem Freund überall hin folgt. Nach einer ausgiebigen Einführung und Beschnuppertwerden, nehmen wir das Halfter in die Hand. Das Zepter aber behalten die Könige der Höhenlagen, die leichten Hufes durch den Schnee schreiten.

3. Laui

Jupiter ist ursprünglich aus Peru, das 17-jährige Tier liebt lange Spaziergänge.

Jupiter ist ursprünglich aus Peru, das 17-jährige Tier liebt lange Spaziergänge.

Bild: Viola Priss

Es geht hinein in den Wald, besser gesagt finden wir uns plötzlich in ihm wieder. Ehrlicherweise verblassen das imposante Bergpanorama, Kälte und Glätte ein wenig, es passiert erstaunliches im Kontakt mit den Tieren, die häufig auch als Therapietiere eingesetzt werden. Früher noch Wildtiere, kann sie inzwischen halten, wer entsprechend Platz hat. Da ein Lama jedoch ein absolutes Herdentier ist, darf es nicht allein sein. Wie unsere Trekkingleitung erklärt, sind die «Kamele der Neuwelt», wie die ursprünglichen Last- und Herdehüttiere genannt werden zwar extrem pflegeleicht, können sich sowohl mit grosser Hitze als auch Minustemperaturen arrangieren. Wer aber nicht weiss, wo der Huf drückt, wenn ein Lama spuckt, dass seine Leibspeise Tanne überlebenswichtige Mineralstoffe enthält, bei dem wird der südamerikanische Leichtfüssler nicht heimisch. Zufrieden wirken Jupiter und Blacky, bis es glatt wird, auf Höhe Laui. «Dickköpfig sind sie nicht», korrigiert die Leitung ein Klischee: «Aber sie haben einen starken Willen.»

4. Alpli

Das Lama kennt die Thur zu jeder Jahreszeit – und kann mit allen Temperaturen umgehen.

Das Lama kennt die Thur zu jeder Jahreszeit – und kann mit allen Temperaturen umgehen.

Bild: Viola Priss

Obwohl wir mehr schlittern als wandern, ist die Strecke immer weiter geradeaus in Richtung Fusse des Säntis ein Erlebnis ohne Verdruss. Es ist bereits eine gemütliche Stunde Wanderzeit vergangen, in der wir viel über den Charakter der circa 1,20 Meter grossen Tiere lernen. Schnell sind Lamas nicht, können dafür aber ohne Probleme grosse Hürden überspringen und Angreifer mit ihrer Spucke, die auch grosse Teile des Mageninhalts enthält, abwehren. Ein angreifender Hund etwa, sagt die Lamaexpertin, hat in der Herde keine fünf Minuten eine Chance. Mein Wanderfreund, das Lama steht kauend neben mir und scheint zu lauschen, es ist in einem seiner einminütigen Stehstreiks. Menschen attackiere das Lama aber nicht, es sei nach einer Weile zutraulich und liesse sich streicheln. Daraufhin gurrt Lama Blacky ein sehnsüchtig klingendes Gurren. «Jetzt spricht er mit Ihnen», sagt die Trekkingleiterin zufrieden.

Eins mit der Natur geht es weiter, die Paarhufer steuern die Thur an, welche hier entspringt, sie kennen die Strecke, die in den wärmeren Monaten auch auf eine Ganztagestour ausgedehnt werden kann.

5. , 6. , 7. Rückweg

Obgleich es Anfang Februar in diesen Höhen eine Rutschpartie ist, geht es doch viel zu schnell, bis es heisst «nun kehren wir um, es zieht auf.» Den Flusslauf entlang legen wir teilweise einen leichten Trab ein, worauf das Lama sich bereitwillig einlässt und mithüpft, eher tänzelt, als wolle es sagen «Eile mit Weile». Im Gleichschritt der vier Hufe hat nicht ein trüber Gedanke Platz in der Höhe. Plötzlich sind wir schon wieder beim Hof, die felligen Gefährten begrüssen die Herde bei ihrer Rückkehr lautstark. Einmalig, waren wir für kurze Zeit Teil davon.

Die Wehmut im Blick, das Lächeln, viel weiches Fell – Lamacharme wirkt selbst im Schnee herzerwärmend.

Die Wehmut im Blick, das Lächeln, viel weiches Fell – Lamacharme wirkt selbst im Schnee herzerwärmend.

Bild: Viola Priss