Vor 30 Jahren
«Ein Feuer wie damals ist immer noch möglich»: Mit einer Ausstellung erinnert das Feuerwehrmuseum an den Grossbrand im St.Galler Klosterviertel von 1992

«Feuer in der Altstadt»: Der Alarm am 14. März 1992 steht auch am Anfang der Sonderausstellung des Feuerwehrmuseums St.Gallen. Die Ausstellung, die am Samstag für die Öffentlichkeit zugänglich wird, gibt einen Einblick in den Einsatz der Feuerwehren, lässt aber ein Rätsel ungelöst.

Sandro Büchler
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Der beim Brand vor 30 Jahren zerstörte Dachstock des Hauses Wallstrasse 5.

Der beim Brand vor 30 Jahren zerstörte Dachstock des Hauses Wallstrasse 5.

Bild: Stadtarchive SG/ Regina Kühne

«Feuerwand über den Dächern der Altstadt» titelt das «St.Galler Tagblatt», ein «Flammeninferno wie nach einem Luftangriff» schreibt der «Sonntags-Blick». Beim verhängnisvollen Grossbrand vom Samstag, 14. März 1992, an der Gallusstrasse in St.Gallen – in unmittelbarer Nähe zum Kloster – sterben vier Menschen in den Flammen. Die vierte Leiche wird erst am Montag nach dem Brand gefunden.

St.Gallen erlebt dramatische Nachtstunden. Um 2.06 Uhr wird die Feuerwehr zu einem Brand unweit des Gallusplatzes gerufen. Als die Einsatzkräfte drei Minuten später eintreffen, steht das Haus Gallusstrasse 41 bereits im Vollbrand. In letzter Sekunde können mehrere Anwohnerinnen und Anwohner aus Fenstern und vom Dach gerettet werden. Ein Frühlingssturm peitscht die Flammen immer wieder an, das Feuer greift auf umliegende Häuser über.

Der Brand beschäftigt noch heute viele

Sigmund «Sigi» Schmuckli, Geschäftsleiter Depot 61.

Sigmund «Sigi» Schmuckli, Geschäftsleiter Depot 61.

Bild: Sandro Büchler (9. März 2022)

Noch heute – 30 Jahre danach – wühlt der Grossbrand von damals auf. Dies sei der Hauptgrund, weshalb das Feuerwehrmuseum St.Gallen erstmals seit der Gründung vor vier Jahren eine Sonderausstellung durchführe, sagt Museumsleiter Sigmund «Sigi» Schmuckli.

«An den Brand erinnern sich viele – und er beschäftigt viele bis heute.»

Dies vor allem auch, weil die Brandursache bis heute nicht vollständig geklärt werden konnte. «Dabei wäre dies wichtig zu wissen, weil man daraus lernen könnte», sagt Schmuckli. Nur einen technischen Defekt konnten die Brandermittler 1992 ausschliessen.

Als wahrscheinlichster Grund wird heute ein unachtsam weggeworfener Zigarettenstummel angenommen, der den im Treppenhaus befindlichen Unrat und das Altpapier entfachte. Oder war es doch ein Brandanschlag auf das kurdische Kulturlokal im Erdgeschoss?

Zwar liess sich diese Theorie nie erhärten; dafür war das Haus Gallusstrasse 41 zu stark zerstört. Manche Feuerwehrleute glauben aber bis heute an Brandstiftung, da sich das Feuer damals rasend schnell ausgebreitet hatte. «Das ungelöste Rätsel der Brandursache lässt viele nicht zur Ruhe kommen», sagt Schmuckli.

«Wie aus dem Nichts»

Was in jener Märznacht geschah, haben die Mitglieder des Nostalgievereins minutiös aufgearbeitet. In der Ausstellung im Depot 61 an der Burgstrasse 61, die am Samstag eröffnet wird, sind erstmals Bilder für die Öffentlichkeit zugänglich, die den Feuerwehreinsatz dokumentieren. Das Feuerwehrjournal listet auf, was zu welcher Zeit geschah.

Museumsleiter Sigmund Schmuckli zeigt, welche Entscheide der damalige Feuerwehrkommandant nacheinander traf. Bei den blauen Linien sollte dem Feuer Einhalt geboten werden.

Museumsleiter Sigmund Schmuckli zeigt, welche Entscheide der damalige Feuerwehrkommandant nacheinander traf. Bei den blauen Linien sollte dem Feuer Einhalt geboten werden.

Bild: Sandro Büchler
(9. März 2022)

Originalskizzen veranschaulichen, was der damalige Feuerwehrkommandant, der den Einsatz leitete, entschieden hat. Sie verdeutlichen, wie die Berufs- und Milizfeuerwehr von St.Gallen mit Unterstützung der Feuerwehren Wittenbach, Rorschach und Gossau den Grossbrand unter Kontrolle brachten. Eine Puppe zeigt zudem die Ausrüstung und die verwendeten Atemschutzgeräte von damals.

«Wir wollen aufzeigen, wie der Einsatz der damals 328 im Einsatz stehenden Männer eine grössere Katastrophe verhindern konnte», sagt Schmuckli. Denn der Frühlingssturm trug glühende Holzschindeln Richtung Klostergebäude.

«Sie flogen wie Zunder durch die Luft.»

Trotz des Funkenflugs blieben Kloster und Stiftsbibliothek glücklicherweise vom Feuer verschont.

Das Haus Gallusstrasse 41 steht im Vollbrand. Es ist nicht mehr zu retten.
19 Bilder
Rechts die Häuser Gallusstrasse 43 und 41. Links Feuerwehrleute, die den Brand im Dachstock der Gallusstrasse 40 von der Drehleiter aus bekämpfen.
Der Frühlingssturm, der am 13. und 14. März 1992 über die Ostschweiz zog machte den Brand am Gallusplatz brandgefährlich: Die vom Sturm angefachten Flammen sind kaum zu bändigen.
Die Wirkung des Sturms auf Flammen und Rauch. Zusätzlich verstreute der heftige Wind brennende Teile übers ganze Quartier.
Die «Feuerhölle», wie der «Blick» titelte, an der Gallusstrasse.
Der Dachstock des Hauses Gallusstrasse 43 steht im Vollbrand. Dahinter das Hotel Einstein.
Das Feuer sprang auch über die Gallusstrasse auf die Dächer der Häuser 40 und Oberer Graben 45.
Der Dachstock des Hauses Gallusstrasse 43 brennt lichterloh. Das Bild entstand vom Dach des Hotels Einstein aus.
Hoch schlagen die Flammen auch aus dem Dach der Wallstrasse 5.
Das Dach des Hauses Wallstrasse 5.
Der Dachstock des Hauses Wallstrasse 5 brannte vollständig aus. Die Wohnungen darunter waren wegen massiver Wasserschäden nicht mehr bewohnbar.
Gemäss Beteiligten gab es Momente, in denen nicht sicher war, dass die Feuerwehr den Brand wirklich unter Kontrolle bekommen würde.
Der Feuerwehreinsatz vor 30 Jahren gestaltete sich äusserst anspruchsvoll. Beteiligte sagen heute, es sei auch Glück gewesen, dass damals keine Feuerwehrleute zu Schaden kamen.
Der Blick auf die noch rauchenden Häuser am Vormittag des 14. März 1992. Rechts die Gallusstrasse 43, links das Haus Gallusstrasse 40.
Blick in den Innenhof zwischen Gallus- und Wallstrasse.
Die Aufräumungsarbeiten sind angelaufen: Feuerwehrleute räumen absturzgefährdete Teile des Hauses Gallusstrasse 41 ab.
Die Brandhäuser Gallusstrasse 43 (links) und Wallstrasse 5 vom Dach des Hotels Einstein aus.
Das Innere des Hauses Gallusstrasse 41, wo der Brand ausgebrochen war, wurde durch die Flammen komplett verwüstet.
Die Brandmauer zwischen den Häusern Gallusstrasse 41 und 43. Die Mauer hat gehalten, das Feuer griff aber übers Dach vom Haus 41 aufs 43 über.

Das Haus Gallusstrasse 41 steht im Vollbrand. Es ist nicht mehr zu retten.

Bild: Berufsfeuerwehr SG (14.3.1992)

Doch dem Nostalgieverein geht es um mehr als die Ehrung der Kameraden. Der Museumsleiter sagt: «So ein Brand ist heute immer noch möglich – trotz Brandmelder, Brandmauern und feuerdämmenden Renovationen.» Dass es trotz allem «wie aus dem Nichts» passieren könne, habe ein Feuer in Solothurns Innenstadt erst vergangene Woche gezeigt.

Dabei brannten drei Häuser direkt neben dem historischen Riedholzturm. In den Gebäuden befand sich ein Alters- und Pflegeheim. Verletzt wird dabei zum Glück niemand, der Sachschaden beträgt aber nach ersten Schätzungen rund 2,5 Millionen Franken.

Parallelen zu früheren Stadtbränden

Museumsleiter Schmuckli sagt, die Feuersbrunst vor 30 Jahren in der Gallusstrasse weise Parallelen zu früheren Stadtbränden in St.Gallen auf. Im Januar 1830 zerstört etwa ein Feuer im St.Mangen-Quartier zwölf Häuser, neun Menschen sterben. Im Jahr 1869 wütet ein Feuer in der Marktgasse. Der Brand zerstört vier Häuser, sechs weitere Gebäude werden beschädigt. Ein Feuerwehrmann stürzt während des Einsatzes von einem Dach und stirbt.

Die Gallusstrasse damals und heute

Brand in der St.Galler Innenstadt 1992
Bild: Regina Kühne (14. März 1992)

«Mit ihrer Ausrüstung konnten die Feuerwehren im 19. Jahrhundert bei einem Grossbrand wenig ausrichten», sagt Schmuckli. Heute sei dies dank modernster Technik zwar anders. Doch wie das Beispiel von 1992 zeige, müsse nur ein Faktor – in diesem Fall der stürmische Wind – hinzukommen und schon drohe ein Brand ausser Kontrolle zu geraten. «Rückblickend sind wir froh, dass wir den Flammen Einhalt gebieten konnten und zum Glück auch keine verletzten Feuerwehrangehörigen hatten.»

Die Sonderausstellung im Feuerwehrmuseum DEPOT61 an der Burgstrasse 61 in St.Gallen ist vom 19. März bis 30. April jeweils samstags, 10 bis 17 Uhr, geöffnet. Der Eintritt kostet sechs Franken, Kinder gratis. www.nfsg.ch

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