Urteil
Maurer stürzt aus zweieinhalb Metern auf Beton: Warum das Gericht Weinfelden den Sicherheitschef trotzdem freispricht

Er war für die Sicherheit in der Thurgauer Firma zuständig, doch die Absturzsicherung hat gefehlt: Ein 40-jähriger Geschäftsleiter stand am Dienstag vor Gericht. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm fahrlässige Körperverletzung vor.

Ida Sandl
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Die Arbeit auf einer Baustelle birgt viele Gefahren.

Die Arbeit auf einer Baustelle birgt viele Gefahren.

Bild: Stockphoto

Der Unfall passierte beim Bau einer Wendeltreppe. Um den Beton mit der Schaufel besser zurückdrängen zu können, stieg der Maurer vom Podest auf die Verschalung der Treppe. Fast einen Meter höher. Doch er rutschte aus und stürzte die ganzen 2,60 Meter in die Tiefe. Rücklings schlug er auf den Betonboden auf. Drei Jahre sind seit dem Unglück vergangen. Vom Sturz hat er sich bis heute nicht völlig erholt.

Am Dienstag stand der Geschäftsleiter und damalige Sicherheitschef der Firma vor dem Bezirksgericht Weinfelden, angeklagt der fahrlässigen Körperverletzung. Der Maurer ist Privatkläger, am Prozess selber war er nicht anwesend. Für ihn sprach seine Anwältin: «Es ist ein tragisches Schicksal, menschlich und finanziell.»

Das Bezirksgericht Weinfelden tagt im Rathaus.

Das Bezirksgericht Weinfelden tagt im Rathaus.

Bild: Mario Testa

Die Ärzte stellten ein Schädel-Hirn-Trauma fest. Auf das Spital folgte eine längere Reha in Zihlschlacht. Zurück in den Arbeitsmarkt wird er es kaum mehr schaffen. Momentan liefen Abklärungen über eine Rente. «Es ist mit einer Vollrente zu rechnen», machte die Anwältin klar. Der Maurer sei ein völlig anderer Mensch seit dem Unfall, er könne sich schlecht konzentrieren, sei vergesslich und leide häufig unter Kopfschmerzen. Für die Ehefrau und seine beiden Kinder sei das schwer zu ertragen.

Für die Anwältin ist klar, wer die Schuld am Unglück trägt: der Geschäftsleiter. Hätte er eine Absturzvorrichtung angebracht, wäre der Maurer nicht gestürzt. So sieht es auch die Staatsanwältin, sie hat ihm einen Strafbefehl ins Haus geschickt. Das Verdikt: eine bedingte Geldstrafe und eine Busse von 1600 Franken. Weil der Beschuldigte das nicht akzeptiert, musste das Gericht entscheiden.

Unterschiedliche Meinungen bei den Suva-Experten

Der Beschuldigte ist schlaksiger Mann, 40 Jahre alt, eher wortkarg. Er beruft sich auf die Bauarbeiterverordnung. Darin sei erst ab zwei Metern Höhe ein Gerüst vorgeschrieben. Auch die Polizei habe ihm nach dem Unfall versichert, dass alles in Ordnung sei. Heute würde er es anders machen, räumt er ein. Sein Mandant habe weder pflichtwidrig noch fahrlässig gehandelt, doppelte der Verteidiger nach. Selbst die drei befragten Experten der Suva seien sich nicht einig, ob die Unfallstelle korrekt abgesichert gewesen sei oder nicht.

Niemand habe ihm befohlen, auf die Verschalung zu steigen

Ausserdem sei der verunfallte Maurer ein langjähriger und erfahrener Mitarbeiter, der bereits um die 150 Treppen gebaut habe, sagte der Verteidiger. Der Maurer habe den Fehler begangen, dass er auf die Verschalung der Treppe gestiegen sei. Das habe ihm niemand befohlen. Als die Polizei ihn befragte, habe er ausgesagt, dass er weggerutscht sei. Es seien auch keine aktuellen Arztzeugnisse vorgelegt worden, die den momentanen Gesundheitszustand des Maurers belegen würden. Für den Verteidiger ist klar, dass sein Mandant freigesprochen werden müsse.

So, wie der Maurer sich verhalten habe, sei es wohl in der Firma üblich gewesen, hält seine Anwältin dagegen. «So betonieren wir immer», hätten auch die beiden Kollegen des Verunfallten ausgesagt. Die Anwältin stellt in Frage, ob es von dem Podest aus überhaupt möglich gewesen wäre, den Beton zu fixieren. Dafür sei Druck nötig.

Nicht mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit

Das Gericht spricht den Beschuldigten frei, gemäss dem Grundsatz «im Zweifel für den Angeklagten». Zwar seien die Podeste nicht optimal gewesen. Die Richter können aber nicht «mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit» sagen, dass der Beschuldigte sich fahrlässig pflichtwidrig verhalten habe und ob der Sturz unmittelbar mit den fehlenden Absturzsicherungen zusammenhänge. Denn der Maurer habe das Podest und damit die Sicherheitszone aus freien Stücken verlassen. Es sei nachlässig von ihm gewesen, ungesichert auf die Verschalung zu steigen. Ob der Unfall auch passiert wäre, wenn er auf dem Gerüst geblieben wäre, sei nicht Gegenstand der Verhandlung und müsse offen bleiben.

Der schwierigen Situation für den verunfallten Maurer ist sich das Gericht aber bewusst. Es klang Bedauern durch, als Vizegerichtspräsidentin Claudia Spring bei der Begründung des Urteils sagte: «Moral und Strafrecht sind zweierlei.»