Untersuchung
Gewalt in Altstätter Asylzentrum: Sicherheitskräfte schlagen Jugendlichen spitalreif

Eine gemeinsame Recherche der «Wochenzeitung WOZ» und der «Rundschau» deckt Gewaltvorfälle in Asylzentren auf. Ein Vorfall in Altstätten endet für einen 16-jährigen Asylbewerber mit einem dreitägigen Spitalaufenthalt.

Noemi Heule
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Das jetzige Bundesasylzentrum in Altstätten soll ab 2022 durch einen Neubau ersetzt werden.

Das jetzige Bundesasylzentrum in Altstätten soll ab 2022 durch einen Neubau ersetzt werden.

Bild: Max Tinner

Eine Gehirnerschütterung, drei gelockerte Zähne, mehrere Hämatome und Prellungen am Kopf und am Körper. Mit diesen Verletzungen verbrachte ein 16-jähriger Asylbewerber Ende des vergangenen Jahres drei Nächte im Kinderspital in St.Gallen. Derart zugerichtet hatten ihn Sicherheitsleute des Asylzentrums in Altstätten, wie die «Wochenzeitung WOZ» und die «Rundschau» nach einer gemeinsamen Recherche berichten.

Der Fall steht für die beiden Medien exemplarisch für eine besorgniserregende Entwicklung in den landesweit 14 Bundesasylzentren. Gewalt gegenüber den Bewohnern werde beschönigt statt belangt. Die Recherche deckt mehrere Strafanzeigen gegenüber Mitarbeitern der Unternehmen Securitas und Protectas auf, die im Auftrag des Staatssekretariats für Migration (SEM) stehen. Die sogenannten Deeskalationen – Zwischenfälle, bei denen Mitarbeiter einschreiten müssen – haben im vergangenen Jahr um einen Drittel auf schweizweit 1539 zugenommen – dies, obwohl die Zahl der Asylgesuche im gleichen Zeitraum um knapp einen Viertel abgenommen hat.

«Ich weinte vor Schmerzen»

Dem Fall in Altstätten ging eine Lappalie voraus, wie es in den Berichten heisst. Weil der jugendliche Asylbewerber beim Betreten des Zentrums nicht sofort die Covid-Schutzmaske aufgesetzt habe, sei er vom Sicherheitspersonal gerügt worden. Als Disziplinarmassnahme sollte er das Handy aushändigen. Er weigerte sich und wurde deshalb angewiesen, die Nacht in der «Schleuse» zu verbringen, einem Raum im Eingangsbereich.

Als er zum Schlafen auf einer Bank die Maske abgenommen habe, sei er von den Securitas-Mitarbeitern wiederum zurechtgewiesen worden. «Ich erklärte ihnen, dass ich so nicht schlafen könne. Dann hat einer der Sicherheitsleute sein Knie gegen meine Brust gerammt. Ich fiel zu Boden, einer setzte sich auf meine Beine, der andere auf meinen Nacken. Sie schlugen mich auf den Oberkörper und ins Gesicht. Einer drehte meinen Arm auf den Rücken. Ich weinte vor Schmerzen», zitiert die WOZ den Jugendlichen, der die Schweiz mittlerweile verlassen hat.

Kinderspital informiert Polizei

Anders tönt es im Rapport, den die Sicherheitskräfte bei sogenannt besonderen Vorkommnissen verfassen müssen. Dort ist gemäss WOZ von aggressivem Verhalten seitens des Asylbewerbers und von Angriffen auf die Mitarbeitenden die Rede. Der Jugendliche sei daraufhin «am Boden fixiert» worden. Hinweise auf übermässige Gewalt fehlten.

Die Spuren der Gewalt entdeckte ein Sozialarbeiter am Morgen danach. Er brachte den minderjährigen Asylbewerber ins Kinderspital, das wegen Gefährdung des Kindeswohls eine Meldung bei der St.Galler Kantonspolizei machte.

Staatsanwaltschaft bestätigt Strafanzeige

Die St.Galler Staatsanwaltschaft bestätigt, dass der Vorfall eine Strafanzeige nach sich zog. Weil die Sicherheitsleute der Bundesasylzentren als Bundesbeamte gelten, müsse vor Eröffnung eines Strafverfahrens allerdings eine Ermächtigung durch das Eidgenössische Justiz- und Polizeidepartement erteilt werden. Momentan sind entsprechende Vorabklärungen in Gang. Der Anwalt des minderjährigen Asylsuchenden betreut einen weiteren Fall, der sich in Altstätten zutrug.

Der Sozialarbeiter, der den Verletzten damals auffand, hat seine Stelle mittlerweile gekündigt. Er sei vom Nachspiel schockiert gewesen, sagt er gegenüber der WOZ. So sei nicht etwa thematisiert worden, wie man derartige Fälle verhindern könne, sondern sein Vorgehen kritisiert worden. «Die Regionalleitung machte mir klar, dass ich mich nicht direkt an das Spital und die Polizei hätte wenden dürfen», lässt er sich zitieren. Auch das Staatssekretariat für Migration habe den Vorfall lange als unproblematisch eingestuft, heisst es. Bis Ende April seien die Mitarbeiter regulär im Dienst gewesen. Kurz vor Veröffentlichung der Recherche hat das SEM schweizweit 14 Sicherheitskräfte suspendiert, darunter die Beteiligten in Altstätten. Zudem wurde eine externe Untersuchung eingeleitet.