Tabu
Thurgauerin mit alkoholkranker Mutter sagt: «Schon als Fünfjährige musste ich für mein Mami den Wein kaufen»

Sie ist heute 45 Jahre alt, führt eine stabile Ehe, hat einen guten Job und gönnt sich ab und zu ein Glas Wein. Doch ihre Kindheit war geprägt von Schuldgefühlen, Selbstzweifeln und Einsamkeit. Mit der Geschichte von Manuela will die Perspektive Thurgau Kinder von suchtkranken Eltern erreichen.

Ida Sandl
Merken
Drucken
Teilen
Manuela wartet auf den Zug, sie möchte nicht erkannt werden.

Manuela wartet auf den Zug, sie möchte nicht erkannt werden.

Bild: Perspektive Thurgau

Ihre Mutter habe sehr liebevoll sein können, sagt Manuela. «Wir hatten schöne Zeiten miteinander.» Aber es gab auch die schlechten Tage. Da kam Manuela von der Schule heim und die Mutter lag auf dem Sofa. Betrunken. Kein Essen auf dem Tisch. «Dann habe ich Ravioli aus der Dose warm gemacht.» Manuela ist Thurgauerin, 45 Jahre alt. In Wirklichkeit heisst sie anders, sie will anonym bleiben. Für die Suchtberatung der Perspektive Thurgau erzählt sie dennoch ihre Geschichte. Sie hat eine Botschaft an die Kinder von suchtkranken Eltern:

«Kinder, ihr seid nicht schuld, vertraut euch jemandem an.»

Manuela war fünf Jahre alt, da schickte die Mutter sie zum Coop, um eine Flasche Merlot und Marylong-Zigaretten zu holen. Damals sei das noch möglich gewesen. Der Wein sei zum Kochen, erklärte sie der Tochter. «Ich fand es cool, einkaufen zu dürfen. Ich wusste ja nicht, was dahinter steckt.»

Die Mutter war eine Quartalstrinkerin. Einen Monat oder sogar länger ging es gut, dann kam der nächste Absturz. Sie habe früh gespürt, dass etwas nicht so war, wie es sein sollte, erinnert sich Manuela. Warum ihre Mutter trinkt, weiss sie bis heute nicht. Die Mutter leugnet ihre Krankheit, schiebt die Schuld auf andere. Gespräche enden regelmässig im Streit. Vor ein paar Monaten hat Manuela den Kontakt abgebrochen.

«Es geht mir besser, wenn ich meine Mutter nicht sehe.»

Sie vermied es, ihre Freundinnen mit nach Hause zu nehmen. «Ich wusste ja nie, in welcher Verfassung wir meine Mutter antreffen würden.» Wenn sie nach der Schule vor der Haustüre stand, pochte ihr Herz. Ist heute ein guter Tag? Oder gibt es Ärger? Den gab es regelmässig, je älter Manuela wurde und je mehr sie begriff, dass ihre Mutter Alkoholikerin ist.

Manuela wollte nicht, dass die Mutter trinkt. Sie versteckte den Merlot, manchmal schüttete sie ihn weg. Dann wurde die Mutter wütend oder besorgte sich selber Nachschub. Sie machte der Mutter auch Vorwürfe. «Ich konnte sehr hart sein.» «Du hast schon wieder gesoffen», schmetterte sie ihr in solchen Momenten ins Gesicht. Oder sie drohte, sie wolle nie wieder etwas mit ihr zu tun haben.

«Ich dachte, wenn sie ihre einzige Tochter verliert, dann muss sie doch aufhören mit Trinken.»

Doch die Sucht war stärker. Stärker als alles andere. Das Schlimmste waren für Manuela die Selbstzweifel: Bin ich schuld? Trinkt sie, weil ich so bin, wie ich bin? Würde sie nicht trinken, wenn ich liebevoller, fleissiger, gehorsamer wäre? Selbst heute sagt Manuela noch: «Vielleicht hätte ich verständnisvoller sein sollen.» Doch Kinder sollten nicht die Verantwortung für die Eltern übernehmen müssen.

Manuela ist ein Einzelkind. Im Vater fand sie keinen Verbündeten. Er sei mit der Situation total überfordert gewesen, habe die Sucht seiner Frau geleugnet, bis es nicht mehr ging. Bis sie mit 2,8 Promille einen Selbstunfall baute. Dann musste sie zwar in ambulante Therapie, aber auch das habe nichts gebracht. Auch den Onkeln und Tanten musste die Trinkerei aufgefallen sein. Ob die Erwachsenen untereinander darüber geredet haben, weiss sie nicht. Zu ihr habe nie jemand etwas gesagt. Leider. Vielleicht hätte sie sich dann weniger alleingelassen gefühlt.

Wenn die Ersten anfangen, zu lallen, muss sie gehen

Als Manuela die Lehre anfing, fasste sie einen Plan: Ausbildung erfolgreich abschliessen, Geld sparen und so schnell wie möglich ausziehen. «Ich wollte auf keinen Fall so werden wie meine Mutter.» Sie hat es geschafft. Ein Drittel der Kinder von suchtkranken Eltern rutscht selber in die Sucht ab. Manuela gehört zu den zwei Dritteln, die mit Alkohol umgehen können. Ab und zu trinkt sie ein Glas, kann es auch geniessen. Doch wenn die Stimmung kippt, wenn die Ersten anfangen, zu lallen, muss sie gehen. Das erträgt sie nicht.

Heute sagt Manuela, sie habe gute Freunde gehabt, das sei ihr Glück gewesen. Mit ihnen habe sie über alles reden können, auch über ihre Mutter. Sie hätte sich gewünscht, in ihrer Kindheit hätte es eine Telefon-Hotline oder andere Gesprächsangebote für Kinder von suchtkranken Eltern gegeben. «Ich hätte jemanden gebraucht, der mir sagt, dass nicht ich es bin, die verkehrt ist.»

Wo Kinder und Jugendliche Hilfe finden

Etwa 100'000 Kinder in der Schweiz haben suchtkranke Eltern. Mit der Coronapandemie dürften es eher mehr geworden sein, schätzt Dirk Rohweder, er ist bei der Perspektive Thurgau für die Suchtberatung zuständig. Die Beratungsstelle nutzt die landesweite Aktionswoche für Kinder von suchtkranken Eltern vom 8. bis 14. März, um Kinder und Jugendliche zu ermutigen, sich Hilfe zu holen. Wichtig sei, dass sie  sich jemandem anvertrauen, sagt Rohweder. «Das kann der Schulsozialarbeiter, eine Lehrerin, der Fussballtrainer oder auch die Gotte sein.»  

Adressen, die weiter helfen:

Die Suchtberatung der Perspektive Thurgau bietet Informationen und Beratungen vor Ort, zu Zeiten von Corona aber vor allem via Telefon, Video und Mail an:  https://perspektive-tg.ch/suchtberatung/

Unterstützung finden Kinder, Jugendliche und Eltern auch auf folgenden Webseiten: https://mamatrinkt.ch/   http://elternundsucht.ch

Telefonische Hilfestellung leistet die Dargebotene Hand unter 143 und die Pro Juventute unter 141