Straftaten
Dreimal mehr Pornografie-Fälle im Thurgau, doppelt so viele in St.Gallen: Warum die Richter bei «lustigen Filmchen» keinen Spass verstehen

Sie waren sich keiner Schuld bewusst: Ein Familienvater aus dem Hinterthurgau und ein junger Handwerker aus dem Kanton St. Gallen wurden wegen Pornografie verurteilt. Sie hatten Videos mit obszönen Inhalten weitergeleitet. Die Hinweise kamen direkt aus den USA.

Ida Sandl
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Ein Mann schaut sich auf einem Computer einen Porno an. In der digitalen Welt wird oft unglaublich naiv geklickt und geteilt.

Ein Mann schaut sich auf einem Computer einen Porno an. In der digitalen Welt wird oft unglaublich naiv geklickt und geteilt.

Marcus Brandt / DPA

Der Beschuldigte versteht die Welt nicht mehr. Was er getan habe, sei doch «gang und gäbe», erklärt er den Münchwiler Richtern. Sechs Sekunden dauert das «Spass-Video», das er einem Bekannten geschickt hat. Es zeigt eine erwachsene Frau beim Oralsex mit einem Minderjährigen. Die Richter können darin keinen Spass erkennen. Sie verurteilen den Familienvater aus dem Hinterthurgau im Oktober 2020 wegen Kinderpornografie zu einer bedingten Geldstrafe. Empfindlicher werden ihn die Kosten für Verfahren und Anwalt treffen, insgesamt rund 6000 Franken. Der Landesverweis bleibt dem Portugiesen knapp erspart.

Online heisst nicht automatisch harmlos

Anderes Beispiel: Im März steht ein junger Handwerker vor dem Kreisgericht Werdenberg-Sarganserland. Er hat «ein lustiges Filmchen» an fünf Kollegen weitergeschickt. Darauf zu sehen ist ein Kind, das Sex mit einem Huhn hat. Er habe sich halt nichts dabei gedacht, verteidigt er sich. Verstörend ist auch ein zweites Video, dass der Beschuldigte geteilt hat. Es zeigt einen sterbenden Menschen. Er habe nicht gewusst, dass so etwas strafbar sei: «Es war doch online».

Doch wer hat die Männer angezeigt? War es ein Kollege, der fand das Mass sei überschritten? Nein. In beiden Fällen kamen die Hinweise aus Amerika. Dort sind Internet-Provider per Gesetz verpflichtet, illegale Inhalte aus ihren Kanälen zu filtern. Und das funktioniert sehr gut. Die grossen Anbieter wie etwa Facebook verwenden dazu ausgeklügelte Algorithmen. Stossen sie auf Kinder-, Gewalt- oder Tierpornografie, melden sie dies ans «National Center for Missing & Exploited Children» (Nationales Zentrum für vermisste und ausgebeutete Kinder). Diese Non-Profit-Organisation teilt die Meldungen nach Ländern auf. Hinweise mit Schweizer Bezug leitet sie an die Bundespolizei Fedpol weiter.

Bei 10 bis 15 Prozent der Hinweise liegen Straftaten vor

Die Zahlen sind eindrücklich. 7852 Hinweise habe Fedpol im vergangenen Jahr erhalten, sagt Sprecherin Christine Caron. Als die USA 2014 das Programm gestartet haben, trafen lediglich 484 Meldungen in Bern ein. Die Spezialisten von Fedpol prüfen, ob die Bilder und Videos nach Schweizer Recht strafbar sind und suchen den Absender. Im Schnitt handle es sich bei etwa 10 bis 15 Prozent der Meldungen um verbotene Inhalte. Vergangenes Jahr wurden deshalb 1166 Rapporte an die Kantone weitergeleitet.

Wie viele Hinweise Bezug zum Thurgau hatten, ist nicht bekannt. Darüber gebe es keine Statistik, sagt Michael Roth, Sprecher der Thurgauer Kantonspolizei. Allerdings zeigt die Kriminalstatistik, dass Delikte in Zusammenhang mit Pornografie stark zugenommen haben. Letztes Jahr fielen 106 Straftaten in diesen Bereich, das sind dreimal so viele wie 2017. Im Kanton St. Gallen haben sich die Pornografie-Straftaten im gleichen Zeitraum fast verdoppelt, von 148 auf 251.

Blauäugig wird geklickt und geteilt

Tatort Nummer 1 ist das Internet, für viele Menschen noch immer einer Art rechtsfreier Raum. Pornografische Bilder oder Filme werden meist über soziale Medien oder verschiedene Messaging-Dienste versandt, sagt Marco Breu, Sprecher der Thurgauer Staatsanwaltschaft. Nicht selten schaukeln sich die Mitglieder einer Gruppe gegenseitig hoch. Gerade in Gruppenchats, in denen eifrig Dateien ausgetauscht werden, könne eine gefährliche Dynamik entstehen, erklärt Breu.

Marco Breu, Medienverantwortlicher der Thurgauer Staatsanwaltschaft.

Marco Breu, Medienverantwortlicher der Thurgauer Staatsanwaltschaft.

«Sehr oft werden aus Jux, unüberlegt und ohne böse Absichten Dateien problematischen Inhalts verschickt».

Als typisches Beispiel nennt er eine Datei, die eine gewisse Zeit lang im Umlauf war. Sie zeigt einen lachenden Jungen beim Koitus mit einem Esel. Breu rät, den gesunden Menschenverstand einzuschalten. Bei Handlungen, die ein gesellschaftlich geduldetes Mass überschreiten oder gar als abartig erscheinen, sollte man Vorsicht walten lassen und im Zweifelsfall lieber auf Löschen drücken. Denn:

«Auch wenn man keine böse Absicht hat, schützt dies nicht vor einer möglichen Strafbarkeit. Es reicht die Kenntnis des Inhalts und der Wille, die Datei zu versenden.»

Welche Bilder/Videos sind verboten:

  • Jegliche sexuelle Handlungen von und mit Kindern
  • Sexuelle Handlungen eines Menschen mit einem Tier, egal ob Kind oder Erwachsener
  • Sexuelle Handlungen mit übermässiger Gewalt (etwa Vergewaltigungen)
  • Schwere Gewalt gegen Menschen oder Tiere (eine Ohrfeige reicht noch nicht. Filme, in welchem Personen geköpft oder mit einem Kopfschuss exekutiert werden, sind dagegen strafbar)