Uznach
Verbindungen zu Neonazis und Reichsbürgern? Der Kanton St.Gallen erteilt rechts-esoterischer Privatschule provisorische Bewilligung

Militärischer Drill, Volkstanz und Schwertkampf: Der Bildungsrat des Kantons St.Gallen hat eine Sektenschule in Uznach bewilligt, hinter der eine Bewegung mit verschwörungstheoretischen, nationalistischen und rechtsesoterischen Züge stehen soll.

Janina Gehrig 2 Kommentare
Drucken
Das pädagogische Konzept der Musterschule im russischen Tekos sieht vor, dass sich die Kinder auch gegenseitig unterrichten.

Das pädagogische Konzept der Musterschule im russischen Tekos sieht vor, dass sich die Kinder auch gegenseitig unterrichten.

Symbolbild: Getty

Die Privatschule Lernraum zum Eintauchen eröffnet nach den Sommerferien in Uznach ihre Tore. Brisant daran: Sie lehrt gemäss ihrem Flyer nach dem Konzept der sogenannten Schetinin-Schule im russischen Tekos, die aus der Anastasia-Bewegung hervorgegangen ist, wie die Wochenzeitung (WOZ) berichtet.

Diese völkisch-esoterische Siedlungsbewegung trägt stark nationalistische, verschwörungstheoretische und rechtsesoterische Züge und hat besonders in Deutschland Verbindungen ins Lager der Neonazis und der Reichsbürger.

Zehn Jahre Mathematik in elf Tagen

Zentrale esoterische Annahme der Bewegung ist etwa, dass der Geist die Materie beherrsche, was laut Sektenexperten auch in «teilweise problematischen Gesundheits- und Krankheitskonzepten oder wenig differenzierten Erziehungsvorstellungen deutlich» werde. Das pädagogische Konzept sieht Naturverbundenheit, nationalistisch-militärischen Drill und die Vermittlung von Nationalstolz vor – die Kinder lernen etwa Volkstanz und Schwertkampf. Alle Kinder werden sowohl als Lehrer als auch als Schüler gesehen, die sich, das Wissen ihrer Urahnen anzapfend, gegenseitig unterrichten.

Auch wirbt die Schule mit kruden Lernversprechen. So steht laut WOZ auf dem Flyer der Schule: «Offenes und freies Lernen entsteht durch den Kontakt des bioenergetischen Feldes. Wenn hier das Treffen gelingt, kann in zehn Tagen der Mathematikstoff der ganzen Mittelschule erfasst werden. Also zehn Jahre Mathematik in elf Tagen.»

Wie kommt es dazu, dass der Bildungsrat des Kantons St.Gallen einer Schule fürs Jahr 2022/23 eine Bewilligung erteilt hat, deren Musterschule Verbindungen ins Neonazilager und zu den Reichsbürgern hat und deren Bewegung mehrfach als Sekte bezeichnet worden ist? Aus dem Konzept der Initiantinnen habe sich keine Verbindung zur Anastasia-Bewegung ableiten lassen, wird Jürg Müller, Leiter Abteilung Aufsicht und Schulqualität, zitiert. Ausserdem habe man nach einem religiös-ideologischen Hintergrund gefragt, was verneint worden sei.

Das Bewilligungsverfahren für Privatschulen im Kanton St.Gallen basiere auf einem standardisierten Vorgehen, sagt Müller auf Anfrage dieser Zeitung. Neben der Prüfung von Unterlagen finde «in allen Fällen während der Vorprüfungsphase auch eine Begehung der voraussichtlichen Unterrichtsräume statt». Bei dieser Gelegenheit werde das eingereichte Gesuch mit dem Antragsteller nochmals beleuchtet und letzte Klärungsfragen bereinigt.

Massgeblich ist das pädagogische Konzept, nicht eine Ideologie im Hintergrund

Der Bildungsrat bewillige die Einrichtung von Privatschulen schliesslich dann, wenn der Unterricht gleichwertig zur öffentlichen Schule und die Rechtsordnung eingehalten sei, «wobei eine Ideologie im Hintergrund aufgrund der verfassungsrechtlich gewährten Privatschulfreiheit nicht der Staatsaufsicht unterliegt», sagt Müller weiter. Massgebend ist das eingereichte pädagogische Konzept.

Das erklärt vielleicht auch, warum der Bewegung ausgerechnet in der Schweiz der Coup gelungen ist, eine offiziell bewilligte Schule eröffnen zu können. In Deutschland, wo viel strengere Schulgesetze gälten, habe die Bewegung ihre Pädagogik schon immer nur im Untergrund verbreiten können, schreibt die WOZ.

Provisorische Bewilligung gilt für zwei Jahre

Jürg Müller sagt, über die im Artikel kolportierten Inhalte habe der Bildungsrat keine Kenntnis. Der Text unterschlage allerdings, dass die betreffende Schule lediglich eine provisorische Bewilligung erhalten habe. «Diese Bewilligung ist bis Ende Schuljahr 2023/24 befristet und erlischt zu diesem Zeitpunkt automatisch. Eine definitive Bewilligung erfolgt auf erneutes Gesuch hin, wenn die Voraussetzungen nach zwei Jahren Schulerfahrung als nachhaltig erfüllt erachtet werden können.»

In diesen zwei Jahren werde die Privatschule im Auftrag des Bildungsrates durch die Abteilung Aufsicht und Schulqualität im Amt für Volksschule beaufsichtigt. Zu den konkreten Hintergrundinformationen über die geplante Schule in Uznach äussern sich derzeit weder Müller noch das Bildungsdepartement. Auch darüber, wie das weitere Vorgehen aussieht, wird noch keine Auskunft erteilt.

2 Kommentare
Frigo De

Wenn man den Bildungsrat betrachtet findet man im Kt. SG Verfassungsfreunde (auch aus Deutschland) und weitere rechts orientierte Personen. Wieso sollte das verwunderlich sein?

Philipp Egli

Nichts mit LernRaum Mollis/Ziegelbrücke zu tun Wir sind schockiert. Die von Frau Gehrig erfundene Verbindung dieser Schule und den Schulen der LernRaum AG gibt es nicht.Sie verbreitet unseriöse Fake News! Der LernRaum steht für Offenheit, Menschlichkeit und moderne Pädagogik. Die erwähnte Schule in Uznach, welche der Kanton St. Gallen verantworten muss, hat sich einfach dem Namen der sehr erfolgreichen, etablierten Schulen bedient.  Philipp Egli, Gründer LernRaum AG Ziegelbrücke/Mollis