RESIDENZ
Fetisch trifft Feminismus: Im St.Galler Frauenpavillon entsteht Kunst, die provoziert

Von Juni bis August residieren die St.Galler Klang- und Performancekünstlerin Riccarda Naef und die Videokünstlerin Morena Barra im Frauenpavillon des St.Galler Stadtparks. Mal mit offenen, mal hinter geschlossenen Türen, entsteht hier Kunst gegen das Wegschauen.

Viola Priss
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Auch wenn es um gesellschaftlichen Druck geht, der Frauen in Scham und Abhängigkeit drängt, haben die feministischen Künstlerinnen Riccarda Naef und Morena Barra Spass an dem, was sie im Frauenpavillon St.Gallen tun.

Auch wenn es um gesellschaftlichen Druck geht, der Frauen in Scham und Abhängigkeit drängt, haben die feministischen Künstlerinnen Riccarda Naef und Morena Barra Spass an dem, was sie im Frauenpavillon St.Gallen tun.

Bild: Arthur Gamsa

«Baby, my love, i wött din Duft inhaliere, konserviere, mi demit ischmiere, mi besprüe, damit din Duft für immer und ewig blibt. Baby, bitte go nöd go dusche, du weisch, i liebe din Schweiss, tue mir das nöd a.» Moment, diese Worte, zudem mit charttauglicher Popmelodie aus Mund und Feder einer feministischen Künstlerin? Riccarda Naef sitzt schmunzelnd vor dem Zwischenergebnis des Projektes, an dem sie seit drei Wochen im Frauenpavillon St.Gallen arbeitet. In sich versunken wendet sie das Gesicht ab, als ihre bluesige Stimme «i lieb din Schweiss, Du und i, so instinktiv, so ekstatisch, so heiss.» aus den Musikboxen tönt.

Von Duft bis Gestank

Die St.Galler Performancekünstlerin Riccarda Naef residiert von Juni bis Juli im Frauenpavillon.

Die St.Galler Performancekünstlerin Riccarda Naef residiert von Juni bis Juli im Frauenpavillon.

Bild: Arthur Gamsa

Geschmachte, Sex, Hingabe, ist das noch emanzipiert, Frau Naef? Die St.Galler Performance-, Ton-, und Bewegungskünstlerin Riccarda Naef blickt zu Morena Barra, Videokünstlerin aus St.Gallen. Die beiden 30-Jährigen teilen sich die diesjährige Sommerresidenz. Barra ist bekannt für unkonventionelle Filmprojekte, wie etwa Pornofilme aus weiblicher Perspektive. Ihren Arbeiten gemein ist, den Zuschauenden oder Zuhörenden beim eigenen Klischeedenken zu packen und zu entlarven.

So auch bei Naefs Song «Bitte gang nöd go dusche». Ein lasziver Seufzer hier, Kopfkino da. Wer redet offen darüber, Schweissgeruch sexy zu finden? Und wieso ist es ein Tabu, dass auch Frauen nach Schweiss stinken? Wer noch ein, zwei Strophen weiter zuhört, begreift, dass Naef hier mit den Mitteln der Popindustrie spielt. Am Ende straft sie das klischeeverformte Ohr ihrer Zuhörer Lügen. Was zu Beginn nach dem Pheromonrausch Frischverliebter tönt. endet bei ihrer Soundperformance in Abhängigkeit, Dominanz und Unterdrückung.

Das übergeordnete Thema «Toxische Beziehungen» stand schon mit dem Einzug in das Atelier fest. Das war am zweiten Juni, seitdem ist Riccarda Naef täglich hier. Mit Synthesizer, Yogamatte, Geige und einem Ideenbuch. Manchmal trauen sich Passanten, in den 45 Quadratmeter grossen Raum hineinzulugen, sagt sie. Diese können dann zusehen, wie mitten im Stadtpark St.Gallen feministische Kunst für eine Gesellschaft entsteht, die es nötig hat, finden beide Künstlerinnen. Der Ort ist für sie mehr Labor als Atelier, sie sich selbst das eigene Versuchsobjekt:

«Was hier entsteht, ist mehr ich denn je.»

So steht es auch, halb Drohung, halb Erinnerung an sich selbst auf einem der Zettel an der Pavillonwand: «Dies ist kein Theaterstück. Dies ist kein Ersatz für eine Psychotherapie. Dies ist kein feministischer Podcast. Dies ist keine Kunstperformance. Dies ist kein Hybrid aus allem. Dies ist ...» – Was ist das, was Barra und Naef hier erarbeiten und am 14. August gemeinsam präsentieren werden?

Versus den männlichen Stereotypen

Ab Juli 2021 ist die Videokünstlerin Morena Barra Residentin im Frauenpavillon.

Ab Juli 2021 ist die Videokünstlerin Morena Barra Residentin im Frauenpavillon.

Bild: Arthur Gamsa

«Es geht uns um Körperlichkeit, aber neu gedacht», sagt Morena Barra. Die Künstlerinnen lernten sich im Zuge des St.Galler Künstlerinnennetzwerks «Salon Vert» kennen. «Wir sind den stereotypen männlichen Blick in Filmen und auch in unserem Alltagsleben gewohnt und müssen jetzt neue Blicke kreieren». Sie liebt es, die Grenzen dessen, was als lustvoll gilt, auszureizen. In ihrem letzten Videoprojekt beschäftigte sie sich zusammen mit dem Lausanner Fotografen Matthieu Croizier unter anderem mit dem Thema Fuss. Fetischobjekt einerseits, eklig, stinkend und schambehaftet andererseits.

Barra will mit ihren Filmarbeiten enttabuisieren und provozieren, ebenso wie ihre Atelierkollegin auf Zeit. Irritiert und fasziniert sei sie gewesen, wie Riccarda Naef ihre Geige teilweise im Atelier malträtiere: «Man hört Riccarda dabei den Ernst der Sache an», sagt Barra und zückt ihre Kamera und filmt. Die Liebe zur Geige hat Riccarda Naef erst kürzlich wiederentdeckt. Diese Liebe sei nicht toxisch, aber ambivalent. Und erst möglich, seit sie nicht mehr nur klassisch, sondern auch brutal, laut und experimentell spiele. «Hier, im Pavillon hat all das Raum. Diesen Raum müssen wir Künstlerinnen und wir Frauen uns auch ausserhalb erobern. Er steht uns zu.»

Offener Ateliertag im St.Galler Frauenpavillon: Donnerstag, 24. Juni, ab 18 Uhr. Gemeinsame Abschlusspräsentation der Arbeiten von Morena Barra und Riccarda Naef: 15. August im Pavillon sowie im Rahmen der Museumsnacht am 11. September. Nähere Informationen zu den Terminen werden auf der Homepage des Frauenpavillons St.Gallen bekanntgegeben.