Reportage
«Wir haben hier den Fünfer und das Weggli»: So lebt es sich in Wilen, einem wachen Schlafdorf

Fast 90 Prozent Pendler und dazu noch eingezwängt zwischen Wil und Rickenbach: Wilen bei Wil müsste eigentlich ganz anders sein, als es ist.

Ida Sandl
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Daniela Wiesli ist Wilens leidenschaftliche Dorfchronistin. Sie zeigt von wo aus in Wilen im beginnenden 18. Jahrhundert Wil beschossen wurde.

Daniela Wiesli ist Wilens leidenschaftliche Dorfchronistin. Sie zeigt von wo aus in Wilen im beginnenden 18. Jahrhundert Wil beschossen wurde.

Bild: Reto Martin

«Von hier aus haben sie Wil beschossen.» Daniela Wiesli steht auf einer Anhöhe, in der Hand eine alte Zeichnung, den Blick zu den Häusern gerichtet, wohin einst die Kanonenkugeln flogen. Hinter ihr die Lourdes Grotte und Wilen. Auch zur Grotte kennt sie eine Geschichte, die kommt aber später. Jetzt erst einmal zurück ins beginnende 18. Jahrhundert, als die strammen Zürcher und ihre Verbündeten anrückten, um von Wilen aus den Glaubenskrieg gegen das katholische Wil zu führen.

Normalerweise sind Dorfchronisten pensionierte Lehrer. Daniela Wiesli ist 45 Jahre alt, eigentlich viel zu jung für diesen Job, Übersetzerin, Mutter eines Sohnes. Geschichte ist ihre Leidenschaft. Sie sagt: «Eigentlich habe ich das Falsche studiert.» Dafür hat sie jetzt ein Hobby, wofür sie brennt. Einmal in der Woche sucht sie mit einem Metalldetektor und Helfern – der eifrigste ist ein pensionierter Polizist – die Gegend rund um Wilen ab. Meistens finden sie etwas, Knöpfe, die einst Uniformen zusammenhielten, Patronenhülsen, aber auch Gürtelschnallen, Münzen oder Broschen.

Sie hat Wilen 1300 Jahre geschenkt

Die historisch wertvollsten Stücke liegen im Amt für Archäologie in Frauenfeld, darunter römische und keltische Münzen. Bevor Daniela Wiesli sie entdeckte, konnte man die Geschichte Wilens nur bis ins 14. Jahrhundert zurückverfolgen. Wenn man so will, dann hat sie ihrem Dorf weitere 1300 Jahre geschenkt. Sie lächelt, winkt ab, erzählt nicht gerne von sich. Also, nächste kleine Episode: Lourdes Grotte.

Die Lourdes Grotte in Wilen bei Wil, hier gibt es immer wieder Vandalenakte.

Die Lourdes Grotte in Wilen bei Wil, hier gibt es immer wieder Vandalenakte.

Bild: Reto Martin

Eine ovale gemauerte Nische mit der typischen Muttergottes-Statue im weissen Kleid mit hellblauer Schleife, davor schlichte Bänke aus Holz und ein Tisch mit Kerzen. Man hört zwar die nahe Autobahn und trotzdem liegt eine besinnliche Stille über dem Ort. Im Mai finden hier Andachten statt. Es kämen auch viele Kranke her, um zu beten, erzählt Daniela Wiesli. Wunder hat es bisher keine gegeben. Das wüsste sie sonst. Arthur und Theres Wiesli schauen bei der Grotte nach dem Rechten. Wiesli? Nein, sie seien nicht verwandt, sagt Daniela Wiesli, oder wenn, dann über viele Ecken. Wilen sei voller Wieslis.

Zwei fromme Frauen beschenken Wilen

Manchmal kommen auch Menschen zur Grotte, die haben nichts Gutes im Sinn. Sie brechen das Kerzenkässeli auf, verstreuen die Blumen, verschütten Wachs oder hinterlassen leere Dosen und Essensreste. Auch darum kümmern sich die Wieslis. Der Madonna wurden schon die Hände abgeschlagen und sie wurde mit Steinen beworfen. Zwei fromme Frauen aus Wil haben die Statue um 1911 von einer Pilgerreise mitgebracht und den Wilenern geschenkt. Schon damals gehörte das Dorf kirchlich zu Wil.

Wilen und Wil, das klingt nicht nur ähnlich, das gehört auch irgendwie zusammen: Die Wilener nutzen im Sommer die Badi in Wil, im Winter das Hallenbad und das Kino das ganze Jahr über. So ist auch Daniela Wiesli aufgewachsen. Später fuhren sie und ihre Freundinnen auch zum Tanzen nach Weinfelden ins Firehouse. Irgendwann fand sie, es sei genug mit Dorfleben, Wilen und Wil reichten ihr nicht mehr.

In Zürich packte sie das Heimweh nach Wilen

In diesem Haus hat einst die von Dichter Eduard Mörike so leidenschaftlich verehrte Maria Meyer gewohnt. Mörike nannte sie in seinen Gedichten Peregrina, zu deutsch Pilgerin.

In diesem Haus hat einst die von Dichter Eduard Mörike so leidenschaftlich verehrte Maria Meyer gewohnt. Mörike nannte sie in seinen Gedichten Peregrina, zu deutsch Pilgerin.

Bild: Reto Martin

Sie zog nach Zürich, mietete sich eine Wohnung mitten im Kuchen. Schon nach einer Woche hatte sie genug. Die vielen Autos, der Lärm, der Gestank. Vor dem Fenster die nächste Hausfassade. «Ich habe die Kuhglocken vermisst, den Wald und die Wiesen.» Sie kehrte zurück, heiratete, bekam einen Sohn und lebt mit ihrem Mann seitdem in Wilen. «In Wilen ist immer etwas los», sagt sie. Spaghettiplausch, Chlaushüttengaudi, eine rührige Brassband gibt es, da sind die Turner und all die anderen Vereine. Daniela Wieslis Mann, ein gebürtiger Mörschwiler, findet dagegen, Wilen sei ja schön und gut, aber in Mörschwil, da sei halt richtig was los.

Jetzt pendelt Daniela Wiesli nach Zürich zur Arbeit. Typisch für das Dorf. In Wilen leben etwa 2500 Menschen. Von den Erwerbstätigen arbeiten 88,8 Prozent ausserhalb. Der Weg ins Büro kann kurz sein. Wie bei Rebekka Bannwart, sie fährt mit dem Velo zur Arbeit nach Wil. Die 37-jährige Eventmanagerin sagt:

«Es fühlt sich nicht an wie pendeln.»

Vor zehn Jahren ist sie mit ihrem Mann von Wil nach Wilen gezogen. Bevor der älteste Sohn in den Chindsgi kam. «Wir wollten, dass unsere Kinder in der Freiheit eines Dorfes aufwachsen.» Die Kinder sollten auf den Spielplatz und zu ihren Gspänli laufen können, ohne dass sie sich Sorgen machen müsse, wegen Autos oder wegen Menschen, die ihnen Böses wollen. Man kennt sich hier, es würde auffallen, wenn etwas anders wäre als sonst. Sie sagt:

«Wenn man Kinder hat, ist man froh, wenn mehr als vier Augen auf sie aufpassen.»
Rebekka Bannwart ist vor zehn Jahren mit ihrem Mann von Wil nach Wilen gezogen.

Rebekka Bannwart ist vor zehn Jahren mit ihrem Mann von Wil nach Wilen gezogen.

Bild: Kevin Roth

Typisch für Wilen: Vor allem junge Familien hat es in den letzten Jahren hierhergezogen. Das moderne Oberstufenzentrum, gemeinsam mit Rickenbach, in das auch die Busswiler Schüler gehen, spielt dabei sicher eine Rolle. Es gibt eine Spielgruppe, eine Krabbelgruppe, einen engagierten Elternverein und ab nächstem Schuljahr bietet die Primarschule eine Randzeitenbetreuung an. Das Angebot hat sich den Einwohnern angepasst.

Ein solcher Zuzug ist für ein Dorf auch eine Herausforderung. Rebekka Bannwart hat nie Skepsis von Seiten der ursprünglichen Dorfeinwohner gespürt. Vor zwei Jahren wurde sie in den Gemeinderat gewählt und sie präsidiert den Kulturverein verWilen. «Man muss auf die Leute zugehen.»

Wilen fehlt zwar ein eigentliches Zentrum, «wir haben aber einen Dorfkern», sagt Rebekka Bannwart. Mittelpunkt ist der Dorfladen. Im «Spar» findet sich alles, was man auf die Schnelle braucht, einschliesslich Glückwunschkarten und Haarspängeli. Man trifft sich beim Einkaufen, schwätzt miteinander und trennt sich wieder. Sozialleben im Dorf erlebt Rebekka Bannwart anders als in der Stadt. «In der Stadt macht man mit Freunden ab. Im Dorf läuft man sich auf der Strasse über den Weg oder lädt die Nachbarn spontan in den Garten ein.» Und wenn man doch mal Lust auf Stadt hat, könnte man notfalls auch zu Fuss nach Wil laufen: «Wir haben hier den Fünfer und das Weggli.»

Es gab eine Sammelaktion für die «Sonne» während des Lockdowns

Die «Sonne» ist das Restaurant mitten im ursprünglichen Kern. Mitte 2019 haben Sandra und Remo Güntensperger das Lokal übernommen. Dann kam Corona. Ein denkbar schlechter Start. Doch schon während des Lockdowns hat sich gezeigt, wie sehr den Wilenern ihre «Sonne» am Herzen liegt. Es hätten immer wieder Gäste gefragt, ob sie helfen könnten. Sogar eine Sammelaktion habe es gegeben. Das sind Dinge, die seien nicht selbstverständlich, sagt Güntensperger: «Für mich ist Wilen ein lebendiges Dorf, es gibt hier viele aktive Vereine, die kommen auch zu uns ins Restaurant.»

Ist Wilen also ein Stück heile Welt? Martin Stijakovic ist einer der beiden Jugendtreffleiter in Wilen. Er sagt: «Wilen geht es gut.» Hier gebe es weniger Probleme als etwa in der Stadt St.Gallen. Der Jugendtreff sei ideal für die Jüngeren. Wenn jemand hier zu kurz käme, dann seien dies die 17- bis 19-Jährigen: «Es fehlt das Disco-Feeling.»

Die Scheu vor dem Kantonswechsel müssen die St.Galler überwinden

Carmen Tuosto ist Geschäftsführerin der ImmoRevolution AG in Wilen.

Carmen Tuosto ist Geschäftsführerin der ImmoRevolution AG in Wilen.

Bild: Di Cristo & Ruggiero

Trotzdem hat Carmen Tuosto, Geschäftsführerin der Immobilienfirma ImmoRevolution AG, rund 25 Interessenten auf der Warteliste, die ein Haus oder Grundstück in Wilen suchen. Für Wilen sprechen neben dem tiefen Steuerfuss von 42 Prozent, vor allem die Schulen, die Verkehrsanbindung und natürlich der Preis. Zum Vergleich: Ein modernes Einfamilienhaus koste in Wilen rund eine Million Franken, in Wil zahle man dafür etwa das Doppelte. «Die Infrastruktur von Wil hat man dennoch zur Verfügung.» Sobald die St.Galler ihre Scheu vor dem Kantonswechsel überwunden hätten, sei Wilen die erste Adresse.

Carmen Tuosto selbst lebt zwar in Rickenbach, doch wenn sie eine gleichwertige Immobilie in beiden Gemeinden anbiete, würden sich die meisten Kunden für Wilen entscheiden. Sie sagt:

«Wilen muss ich nicht anpreisen – Wilen spricht für sich selbst.»