Rekordhitze
Viele verkaufte Gelati, viele verliehene Pedalos – und viele Polizeieinsätze: Das Ostschweizer Hitzewochenende in der Bilanz

Europa, die Schweiz, die Ostschweiz brüten. Die hohen Temperaturen treiben die Menschen am Wochenende ins Freie. Dies freut Freizeitanbieter – und sorgte für viel Arbeit für Polizei und Sanität. Die Ostschweizer Gewinner und Verlierer des Hitzewochenendes in der Übersicht.

David Grob
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Zwei junge Frauen auf dem Bodensee: Pedalos waren am Hitzewochenende heissbegehrt.

Zwei junge Frauen auf dem Bodensee: Pedalos waren am Hitzewochenende heissbegehrt.

Bild: Rudolf Hirtl
(23. Mai 2020)

Notfallstation des Kantonsspitals St.Gallen: Viele Rettungseinsätze – aber nur wenige wegen der Hitze

Philipp Lutz, Mediensprecher des Kantonsspitals St.Gallen.

Philipp Lutz, Mediensprecher des Kantonsspitals St.Gallen.

Bild: Ralph Ribi

«Ja, wir hatten viel zu tun», sagt Philipp Lutz, Mediensprecher am Kantonsspital St.Gallen und für den kantonalen Rettungsdienst. Von einem aussergewöhnlichen Wochenende möchte er dennoch nicht sprechen.

«Es war ein Sommerwochenende mit vielen Anlässen, wie wir es oft erleben.»

So war es denn auch weniger die Hitze, die zu vielen Notfällen und Rettungseinsätzen am vergangenen Wochenende führte, vielmehr sind die Menschen wegen des schönen Wetters aktiver gewesen als an anderen Tagen. «Der Anteil an medizinischen Notfällen, die direkt auf die Hitze zurückzuführen sind, ist in der Regel klein», sagt Lutz. Der weitaus grössere Anteil haben Unfälle. Mehr Zwischenfälle aufgrund von Streitereien oder wegen Alkohols gab es im Vergleich zu anderen Sommerwochenenden jedoch nicht.

Der Bootsverleih in Kreuzlingen: Grossandrang auf den Pedalos, doch kaum Schifffahrtsgäste

Erika Neuenschwander ist Gewinnerin und Verliererin der Rekordhitze zugleich. Die Geschäftsführerin eines Bootsverleihs vermietet Pedalos und Kleinboote im Kreuzlinger Hafen. Sie zeigt sich zufrieden mit dem Verleih-Geschäft am Wochenende, stellt aber keine grossen Unterschiede zu anderen warmen Sommerwochenenden fest: «Wenn es schön ist, dann kommen die Leute», sagt Neuenschwander. Das Wochenende stellt für Betriebe dieser Art die Haupteinnahmequelle dar.

Trotzdem: Ganz zufrieden ist sie nicht, wenn sie aufs Wochenende zurückblickt. Denn Neuenschwander bietet nebst ihrem Bootsverleih auch Rundfahrten und kulinarische Fahrten mit der MS Delphin, einem Passagierschiff mit Platz für 120 Personen, ab dem Kreuzlinger Hafen an. Und dieses Geschäft, es lief gar nicht am Sonntag. Neuenschwander sagt:

«Es war schlecht, ganz klar defizitär.»

Was erst erstaunt, leuchtet auf den zweiten Blick ein. «Vielen älteren Leuten ist es an einem solchen Tag zu heiss, um eine Schifffahrt zu unternehmen. Und die meisten Jüngeren wollen nicht aufs, sondern ins Wasser», sagt Neuenschwander. Am Sonntagnachmittag kamen so wenig Passagiere, dass sie die letzte Rundfahrt sogar absagen musste.

Die Gelateria in Amriswil: Normalerweise kommt bei Hitze weniger Kundschaft – doch nicht an diesem Wochenende

Auch von der Gelateria Yo & You in Amriswil gibt es eine Antwort, die erstaunt. «Wir sind positiv überrascht vom Wochenende. Das Geschäft lief gut», sagt Geschäftsmitinhaberin Serenella Pinhal. Positiv überrascht? Normalerweise ziehe es viele Kundinnen und Kunden an solch heissen Tagen eher an den See oder in die Badis als in eine Gelateria, sagt Pinhal.

So zeigt sie sich hochzufrieden mit dem vergangenen Hitzewochenende:

«Solche Tage sind für uns überlebensrelevant.»

Die Polizei: Viele Einsätze – und zu wenig Personal

Und die Polizei? Sie war gefordert an diesem Wochenende. Unisono sprechen die Polizeisprecher von einem intensiven Wochenende. Am stärksten hat es die Kantonspolizei St.Gallen getroffen. In einer ersten Medienmitteilung vom Montagmorgen ist von mehreren hundert Einsätzen von Freitag- bis Sonntagabend die Rede, praktisch sämtliche Patrouillen seien im Einsatz gestanden, heisst es weiter. Mediensprecher Hanspeter Krüsi spricht von einem Wochenende mit ausserordentlich vielen Einsätzen. «Wir waren ausgeschossen und hatten nicht genügend Leute für alle Einsätze.»

Hanspeter Krüsi, Mediensprecher der Kantonspolizei St.Gallen.

Hanspeter Krüsi, Mediensprecher der Kantonspolizei St.Gallen.

Bild: Ralph Ribi

Ein Beispiel: Zwei Unfälle mit Leichtverletzten konnte die Kantonspolizei St.Gallen nicht abdecken, die Kapazitäten fehlten. Fotos wurden von der Sanität geschossen, der Unfall wurde später durch die Polizei aufgenommen. Ein weiteres Beispiel: Mehrere Polizistinnen und Polizisten, die eigentlich freihatten, mussten aufgeboten werden, um die Herausforderungen bewältigen zu können. Krüsi:

«Wir kamen schlicht an unsere Belastungsgrenze.»

Kaum Pausen für die Patrouillen

Von aussergewöhnlich vielen Einsätzen spricht auch Matthias Graf, Mediensprecher der Kantonspolizei Thurgau. «Unsere Leute waren stark gefordert, nicht nur wegen der Hitze.» Die Patrouillen fuhren ununterbrochen von Einsatz zu Einsatz. In den beiden Appenzell sahen sich die Polizistinnen und Polizisten insbesondere mit mehr Verkehr konfrontiert, die vereinzelt zu Unfällen führten. So verunglückte beispielsweise ein Töfffahrer auf der Schwägalp.

Ein heisses Wochenende bedeutet für die Polizei in aller Regel mehr Aufwand: Die Leute halten sich draussen auf, trinken mehr, es kommt zu Lärmbelästigungen, Streitereien, Drohungen, Tätlichkeiten – Vorfälle, die in allen Kantonen vorkamen. Hinzu kamen Anlässe, die viel Personal binden: Im Kanton Thurgau etwa das Mittsommerfest in Frauenfeld, im Kanton St.Gallen die Tour de Suisse im Rheintal oder der Ironman in Rapperswil, im Kanton Appenzell Ausserrhoden das Eventspiel zwischen dem FC Urnäsch und dem FC St.Gallen.

«Kommt dann ein aussergewöhnliches Ereignis hinzu, so sprengt es den Rahmen», sagt Krüsi. Damit meint er ein geplantes Treffen von Rechtsextremen aus der Schweiz und Deutschland, welches am Samstag in Kaltbrunn hätte stattfinden sollen. Die Kantonspolizei St.Gallen bekam einen Hinweis und sprach ein Veranstaltungsverbot im gesamten Kanton aus. Die Polizei sei auf normale Ereignisse justiert, sagt Krüsi.

«Es gibt zu wenige Polizistinnen und Polizisten, um die heutige Gesellschaft zu bewältigen.»