Prozess
Schwer traumatisierte Tiere: Zwei Thurgauer Tierschutzvereine streiten sich vor Gericht um rumänische Strassenhunde

Dharma und Öpi dürfen im Thurgau bleiben. Ihre Eigentümerin wollte die beiden gestörten und kranken Strassenhunde zu sich nach Sardinien holen. Doch der Richter trat nicht auf das Gesuch ein.

Ida Sandl
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Öpi, ein schwer traumatisierter Strassenhund aus Rumänien, lebt jetzt in Buhwil.

Öpi, ein schwer traumatisierter Strassenhund aus Rumänien, lebt jetzt in Buhwil.

Bild: ZVG

Sie heissen Dharma und Öpi und haben grosse traurige Augen. Es sind Strassenhunde aus Rumänien, geschlagen, verscheucht, wahrscheinlich misshandelt. Der Verein Refugium Animalis hat sie vor zwei Jahren via Deutschland in den Thurgau gebracht. Seitdem leben sie auf einem Hof in Buhwil, der heute dem Verein gegen Tierfabriken (VgT) gehört. Die Präsidentin von Refugium Animalis ist mittlerweile nach Sardinien gezogen, letzten Herbst wollte sie die beiden Hunde zu sich holen. Doch Sonja Tonelli, Vizepräsidentin des VgT, weigerte sich, sie herauszugeben. Denn: «Bei mir haben es Dharma und Öpi besser.»

Es kam zur bizarren Situation, als sich diese Woche die zwei Tierschutzorganisationen vor dem Bezirksgericht Weinfelden gegenüberstanden. Der Verein Refugium Animalis wollte in einem Zivilprozess die Herausgabe der Hunde erzwingen. Er pochte auf sein Eigentum. Es sei vereinbart gewesen, dass die Präsidentin von Refugium Animalis die Tiere nach Sardinien bringen werde, sobald sie die Gebäude dort umgebaut habe. Ihre Rechtsvertreterin sagt vor Gericht:

«Dabei spielt es keine Rolle, wer sich besser um die Tiere kümmern kann.»

Sonja Tonelli möchte sich etwas aneignen, was ihr nicht gehöre. Aus Sicht des Vereins Refugium Animalis ist der Sachverhalt eindeutig. Er wollte deshalb statt eines aufwendigen Prozesses, die Herausgabe in einem einfachen Gerichtsverfahren regeln und beantragte «Rechtsschutz in klaren Fällen».

Dharma lebte früher in Rumänien auf der Strasse, jetzt hat sie in Buhwil ein neues Zuhause gefunden.

Dharma lebte früher in Rumänien auf der Strasse, jetzt hat sie in Buhwil ein neues Zuhause gefunden.

Bild: ZVG

Das wurde ihm jedoch zum Verhängnis. Auf der Gegenseite sass neben Sonja Tonelli, VgT-Präsident Erwin Kessler. Und für ihn ist dieser Fall alles andere als klar. Der Verein Refugium Animalis sei ein «Phantomverein» mit nur vier Mitgliedern, der Präsidentin gehe es gar nicht um die Hunde. Als sie noch im Thurgau lebte, habe sie sich nicht um Dharma und Öpi gekümmert. Die Hunde, die sich von Menschen nicht anfassen lassen, seien in einem Freilaufgehege sich selber überlassen gewesen. Weder seien sie therapiert, noch ärztlich versorgt worden.

Erst nachdem der VgT den Hof und damit auch die Hunde übernommen hatte, seien sie in einer Tierklinik behandelt worden. Öpi, der ältere Hund, habe vereiterte Zähne gehabt, er leide an Arthrose und Herzinsuffizienz. Sonja Tonelli befürchtet:

«Öpi würde einen Transport nach Sardinien nicht überleben.»

Dharma gehe es zwar körperlich besser, doch die lange Reise würde sie noch stärker traumatisieren.

Aus Sicht von Kessler haben Dharma und Öpi keinen materiellen Wert. «Diese Hunde sind nicht vermittelbar. Sie kosten nur, aber keiner will sie.» In Sardinien gebe es schon viel zu viele Strassenhunde.

«Es macht keinen Sinn, zwei weitere schwer gestörte Hunde auf die Insel zu bringen.»

Der wahre Grund sei ein anderer, glaubt Kessler: Denn seit August 2020 sind die beiden Frauen zerstritten. Auslöser seien gefälschte Impfpässe gewesen, mittels derer die Präsidentin des Vereins Refugium Animalis die Hunde nach Sardinien habe schleusen wollen. Sonja Tonelli habe ihr klargemacht, dass sie dieses Vorgehen nicht billigen werde. Dafür solle Tonelli, der Dharma und Öpi am Herzen liegen, nun abgestraft werden.

Der Richter tritt auf das Gesuch um Herausgabe der Hunde nicht ein

Der Weinfelder Gerichtspräsident Pascal Schmid entschied, auf das Gesuch um Herausgabe der Hunde, nicht einzutreten. Der Verein Refugium Animalis sei zwar mutmasslich Eigentümer der Hunde. Doch ein «offenbarer Rechtsmissbrauch», der nicht geschützt werden dürfe, könne nicht ausgeschlossen werden. Gewisse Fragezeichen würden sich schon ergeben, sagt Schmid:

«Wo ist das schutzwürdige Interesse eines Tierschutzvereins, nicht einer Privatperson, zwei Panikhunde aus Osteuropa nach Sardinien zu verfrachten?»

Um für oder gegen die Herausgabe der Hunde zu entscheiden, bräuchte der Richter mehr Beweise, doch bei einem Rechtsschutz in klaren Fällen, kann er sich nur auf die Urkunden stützen. Allein daraus lasse sich kein Entscheid ableiten. Der Fall müsste klar sein, aber das ist er nicht.

Der Verein Refugium Animalis könne seinen Anspruch auf die Hunde aber in einem ordentlichen Gerichtsverfahren klären lassen, sagte Schmid. Als Konsequenz des Nichteintreten-Entscheids muss der Verein Refugium Animalis, der den Prozess angestrengt hat, die Kosten dafür in Höhe von 800 Franken übernehmen und dazu Sonja Tonelli eine Prozessentschädigung von 200 Franken bezahlen.