«Ostschweizer helfen Ostschweizern»
Tagblatt-Weihnachtsaktion OhO: Wie ein Dreirad das Leben einer Afghanin mit zerebraler Beeinträchtigung aufhellt

Sarah A.* leidet seit Geburt an einer zerebralen Behinderung. Sie ist auf einem Auge blind, kann fast nichts hören, und hat Schwierigkeiten beim Sprechen. Die Tagblatt-Weihnachtsaktion Ostschweizer helfen Ostschweizern (OhO) hat der 23-Jährigen ein Spezialvelo ermöglicht.

Rossella Blattmann
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Dank OhO kann Sarah A. wie ihre Geschwister Velo fahren.

Dank OhO kann Sarah A. wie ihre Geschwister Velo fahren.

Bild: Tobias Garcia

«Sie war so glücklich.» Susan A. schaut liebevoll zu ihrer älteren Schwester Sarah, die ruhig auf dem Sofa sitzt. Auf dem Tisch stehen heisser Tee und Schalen mit Trockenfrüchten, Nüssen und Schokolade. Auf dem Teppichboden erledigt der kleine Bruder gerade seine Ufzgi. Draussen ist es bereits dunkel, und in der Küche der Gossauer Wohnung kocht die Mutter Hühnersuppe, deren Duft sich bis in die Stube verbreitet.

«Sarah war so glücklich», wiederholt Susan A. Der Grund der Freude: Ein neues, weisses Velo, das ihre Schwester anfang Jahr bekommen hatte. Die 23-jährige Sarah A. lebt, seit sie auf der Welt ist, mit einer zerebralen Beeinträchtigung. Sie kann nicht richtig sprechen, ist auf einem Auge blind, und hört nur etwa 30 Prozent. «Aufgrund ihrer Behinderung kann Sahra nicht auf einem normalen Velo fahren», sagt Susan A. Sarah A. benötigt ein teures Spezialdreirad. Dieses hätte sich die fünfköpfige Familie vom geringen Einkommen des Vaters normalerweise nicht leisten können.

Velofahren wie die Geschwister

Doch die «Tagblatt»-Weihnachtsaktion «Ostschweizer helfen Ostschweizern» (OhO) machte es möglich. Eine Beraterin der Auskunftsstelle «Mütter in Not» des Katholischen Frauenbundes St.Gallen-Appenzell stellte bei «Ostschweizer helfen Ostschweizern» ein Gesuch, der OhO-Beirat bewilligte die 3500 Franken für den Kauf von Sarahs Spezialdreirad. Bis es mit dem Velofahren klappte, habe es mehrere Anläufe gebraucht, sagt Susan A. «Meine Schwester hat sehr wenig Kraft, doch mit jedem neuen Versuch klappte es besser.»

Freunde treffen, Sport treiben, eine Ausbildung machen: Was für ihre Geschwister selbstverständlich ist, bleibt Sarah verwehrt. Susan A. sagt:

«Meine Schwester ist oft sehr traurig.»

Und:

«Dank ‹Ostschweizer helfen Ostschweizern› kann sie immerhin ein Stück weit mit uns mithalten.»

Flucht vor den Taliban

Familie A. lebt seit acht Jahren in der Schweiz. «Weil es für uns keine Zukunft gab, mussten wir den Iran verlassen», sagt der Familienvater. Er und seine Frau waren bereits vor der Heirat und der Geburt der Kinder wegen des Terrorregimes der Taliban aus Afghanistan geflüchtet.

Die Flucht von Familie A. führte über die Türkei, Griechenland, Italien und Frankreich und war gezeichnet von Strapazen und Ängsten. «Es war sehr schwierig», sagt der Vater. «Wir waren mehrere Wochen unterwegs, vor allem zu Fuss», sagt er. «In der Nacht, wenn uns in der Dunkelheit niemand sehen konnte. Am Tag mussten wir uns verstecken.» An Schlaf sei nicht zu denken gewesen. Sarah und Susan A. waren bei der Flucht noch Teenager, der jüngste Sohn gerade mal zwei Monate alt.

Während eines besonders beschwerlichen Fussmarsches habe ihre Tochter einen Schuh verloren und dies wegen ihrer Behinderung nicht kommunizieren können, erinnert sich die Mutter.

«Damit Sarah schmerzfrei gehen konnte, wickelte ich ihr eine Windel meines Sohnes um ihren nackten Fuss.»

Der Traum der Selbstständigkeit

Das Streben nach einer sicheren Zukunft führte Familie A. nach Gossau. Während die Cousinen in Kabul wegen der erneuten Machtübernahme der Taliban diesen Sommer die Schule nicht besuchen dürfen, macht Susan A. eine Ausbildung zur Medizinischen Praxisassistentin und träumt von einer Zukunft als Ärztin. Sarah A. arbeitet im Uzwiler «Buecherwäldli» – einer Werkstatt des HPV für Menschen mit Beeinträchtigung.

Susan A. sagt:

«Eine sichere, selbstständige Zukunft, trotz der Einschränkungen in ihrem Leben – das ist mein grösster Wunsch für Sarah.»

So können Sie spenden: Es gibt verschiedene Möglichkeiten, «Ostschweizer helfen Ostschweizern» zu unterstützen. Weitere Informationen finden Sie hier.

*Name von der Redaktion geändert.

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