«Ostschweizer helfen Ostschweizern»
«Plötzlich wird alles dunkel»: Wie die «Tagblatt»-Weihnachtsaktion OhO wieder Licht ins Leben einer St.Gallerin bringt

Nicole Fuster leidet seit ihrer Jugend unter den Folgen eines schweren Traumas. Die 32-Jährige hat mehrere Klinikaufenthalte hinter sich. Heute geht es ihr besser. «Ostschweizer helfen Ostschweizern» hat der Alleinerziehenden ein Busabonnement geschenkt.

Rossella Blattmann
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Nicole Fuster konnte früher wegen ihrer Panikattacken nicht in einen Bus steigen. Heute ist das kein Problem mehr.

Nicole Fuster konnte früher wegen ihrer Panikattacken nicht in einen Bus steigen. Heute ist das kein Problem mehr.

Bild: Andri Vöhringer

Leise rieselt der Schnee. Grosse, weisse Flocken fallen an diesem bitterkalten Wintermorgen vom Himmel und verwandeln St.Gallen in ein Winterwunderland. Hoch über der Stadt, im Quartier St.Georgen, steht Nicole Fuster in der Türe ihrer Wohnung. Die hellblauen Augen der 32-Jährigen blitzen hinter der schwarzen Corona-Hygienemaske hervor. «Chömed Sie ine», sagt Fuster zur schlotternden Journalistin und zum frierenden Fotografen.

In der gemütlichen Stube liegt buntes Kinderspielzeug auf dem Boden. Vor zehn Monaten wurde Fuster Mutter einer kleinen Tochter. Vom Vater, mit dem sie drei Jahre zusammen war, trennte sich Fuster, als sie im dritten Monat schwanger war. Zu sehr belasteten seine Alkohol- und Drogenprobleme die Beziehung. Es sei sehr schwierig gewesen. Doch Fuster sagt bestimmt:

«Ich wollte das nicht mehr.»

Panikattacken und Depressionen

In Fusters Leben fehlt das Geld. Vom Vater der Tochter habe sie bisher keine Alimente erhalten. Die Alleinerziehende hat zudem psychische Probleme. Sie bezieht eine 50-prozentige IV-Rente mit Ergänzungsleistungen und arbeitet Teilzeit in der «Macherei», dem Laden der Stiftung Sonnenhalde in St.Gallen – einer Einrichtung, die Erwachsenen mit Unterstützungsbedarf Wohn- oder Arbeitsplätze bietet. Für ihren Arbeitsweg und fürs Einkaufen ist Fuster auf den öffentlichen Verkehr angewiesen.

Doch Busfahren ist nicht gratis. Ein Jahresabonnement der St.Galler Verkehrsbetriebe kostet 684 Franken. Normalerweise könnte sich Fuster die Summe nicht leisten. Doch die «Tagblatt»-Weihnachtsaktion «Ostschweizer helfen Ostschweizern» (OhO) machte es möglich. Ein Sozialarbeiter der Reformierten Kirche St.Gallen Centrum, der Fuster in Alltagsfragen unter die Arme greift, stellte das Gesuch für das Busabonnement, welches der OhO-Beirat bewilligte. Sie habe zunächst gar nicht gewusst, was denn diese OhO sei. «Als der positive OhO-Bescheid im Briefkasten lag, hatte ich so Freude», sagt sie strahlend. Und:

«Ich war überglücklich.»

Nicole Fuster hatte kein einfaches Leben. Während ihrer Schulzeit in St.Gallen wurde sie gemobbt und litt zunehmend unter Panikattacken. Später machte sich eine schleichende Depression immer deutlicher bemerkbar. Ein traumatisches Ereignis, ausgelöst durch eine Person aus Fusters damaligem beruflichem Umfeld, verschlechterte den Zustand ihrer Psyche drastisch. «Seither hatte ich mehrere Klinikaufenthalte, an verschiedenen Orten. Manche mehr, manche weniger lang», sagt sie mit gefasster Stimme. Die Person, die damals das Trauma auslöste, habe sie seither nicht mehr gesehen.

Fuster geht es inzwischen besser. «Ich muss zum Beispiel viel weniger Medikamente nehmen als früher.» Aber die 32-Jährige will nichts beschönigen. Auch heute habe sie immer wieder depressive Phasen. Sie sagt:

«Plötzlich wird alles dunkel. Ich werde traurig und muss viel weinen.»

Doch dies geschehe deutlich weniger häufig als früher. Auch wegen ihres bald ein Jahr alten Kindes.

«Meine kleine Tochter gibt mir Halt und verleiht meinem Leben einen Sinn.»

Backen oder Spazieren im Wald würden ihr ebenfalls helfen, wieder klare Gedanken zu fassen und zur Ruhe zu kommen.

Einfach losfahren

Der Schnee rieselt leise weiter. Nicole Fuster steht, eingepackt in eine warme Winterjacke, an der Bushaltestelle. Autos fahren die Strasse hinauf und hinunter, Anwohner gehen im Quartierladen ein und aus. Es habe Zeiten in ihrem Leben gegeben, da sei so etwas Alltägliches wie Busfahren wegen ihrer Panikattacken nicht möglich gewesen. Doch heute sei das für sie kein Problem mehr. «Auch wenn es manchmal eine Herausforderung ist, mit dem Kinderwagen in den vollen Bus einzusteigen.»

Der 24. Dezember steht vor der Tür. Sie freue sich sehr auf die ersten Weihnachten mit ihrer Tochter, sagt Fuster. Und fügt hinzu:

«‹Ostschweizer helfen Ostschweizern› hat mir mit dem Busabo ein Stück Unabhängigkeit geschenkt. Ich kann einfach einsteigen und losfahren. Das ist ein unglaublich schönes Gefühl.»

So können Sie spenden: Es gibt verschiedene Möglichkeiten, «Ostschweizer helfen Ostschweizern» zu unterstützen. Weitere Informationen finden Sie hier.

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