Medikament
Sarganserländer Arzt behandelt Coronapatienten mit gefährlichem Chlordioxid – Kantonsapotheker spricht von Einzelfall

Ein St.Galler Hausarzt hat einem Mann, der im Januar an Covid-19 erkrankte, das als Medikament verbotene Chlordioxid abgegeben. Dabei empfahl er die ätzende Chemikalie als «gängiges Mittel gegen Corona», wie der «Beobachter» berichtet.

Marcel Elsener
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Vermeintliches Wundermittel? Arzneien verlangen eine Zulassung und müssen in der Originalverpackung mit genauen Angaben zu Inhalt, Dosierung und Haltbarkeit abgegeben werden.

Vermeintliches Wundermittel? Arzneien verlangen eine Zulassung und müssen in der Originalverpackung mit genauen Angaben zu Inhalt, Dosierung und Haltbarkeit abgegeben werden.

Bild: Sean Gladwell/ Moment RF

Erneut schreibt ein Arzt aus dem Kanton St.Gallen negative Schlagzeilen: Im Sarganserland hat ein Allgemeinmediziner einem 34-jährigen Coronapatienten Chlordioxid verschrieben – jenes vermeintliche Wundermittel gegen Covid-19, das der frühere US-Präsident Donald Trump im April 2020 als «grössten Game-Changer in der Geschichte der Medizin» gepriesen hatte und nach einem Aufschrei seine Aussage dann als Witz bezeichnete. Die Schweizer Heilmittelkontrolle warnte im Herbst vor der Einnahme des nicht zugelassenen Medikaments.

Wie der «Beobachter» schreibt, hatte der an Covid-19 erkrankte Mann im Januar seinen Hausarzt aufgesucht. Obwohl er stark gehustet habe und noch infektiös war, habe ihn der Arzt ohne Maske untersucht, erzählt der 34-Jährige der Zeitschrift. Daraufhin habe er ein Rezept und ein braunes Fläschchen mit der Aufschrift «Physio-Lsg O2» erhalten.

«Er sagte mir, das sei derzeit das gängige Medikament gegen Corona.»

Dabei habe der Arzt weder gesagt, was genau in der Flasche drin sei, noch erwähnt, dass das selbst etikettierte Medikament nicht zugelassen und somit für ihn als Arzt illegal sei.

Arzt wusste von der Warnung

Swissmedic stuft wie die Gesundheitsbehörden vieler anderer Länder Chlordioxid, kurz CDL, als gesundheitsgefährdende Chemikalie ein und warnt vor der Einnahme; dies gilt auch für ähnliche Produkte wie Miracle Mineral Supplement (MMS) oder Master Mineral Solution, die der US-Sektenguru Jim Humble seit Jahren als Allheilmittel gegen schwere Krankheiten wie Malaria, Aids, Krebs oder nun auch Covid-19 propagiert. Dabei kann Chlorbleiche laut internationaler Fachleute zu schweren Vergiftungen führen und sei die Wirkung weder plausibel noch seriös geprüft worden.

Vom «Beobachter» mit den Vorwürfen konfrontiert, gab der Arzt an, er habe Chlordioxid nur unter der Hand an Familienmitglieder abgegeben; dass er es einem nicht verwandten Patienten verschrieben habe, sei «gut möglich, dass das passiert ist». Von der Swissmedic-Warnung habe er Kenntnis gehabt. Allerdings gebe es verschiedene Arten, das Mittel CDL zu verwenden, wird der Mediziner im Bericht zitiert: «Das, wovor Swissmedic warnt, hat nichts mit dem zu tun, was ich abgegeben habe. Man kann diese Produkte nicht alle in einen Topf werfen.»

Kanton führte Kontrolle durch und verbot die CDL-Abgabe

Die St.Galler Gesundheitsbehörden führten aufgrund eines anonymen Hinweises beim betreffenden Arzt am 17. Februar eine unangekündigte Kontrolle durch. Ob dabei auch Chlordioxid gefunden wurde und ob der Arzt bereits zuvor Verfehlungen begangen hat, sagt die Behörde aus Daten- und Persönlichkeitsschutzgründen laut «Beobachter» nicht.

Jedoch habe der Arzt gegen fünf von sechs Vorgaben des Heilmittelgesetzes zur Abgabe von Arzneimitteln verstossen. Gegenüber der Zeitschrift sagt der Arzt:

«Ob ich illegal gehandelt habe, kläre ich derzeit mit dem Kantonsapotheker ab.»

Unterdessen habe er ein Verbot erhalten, das Produkt weiterzuverwenden. «Daran halte ich mich.» Dem Arzt, für den die Unschuldsvermutung gilt, droht eine Busse, vielleicht ein Gerichtsverfahren. Kantonsapotheker Urs Künzle darf sich zum konkreten Fall aus rechtlichen Gründen nicht äussern. Gegenüber dem «Beobachter» sagt er aber: «Je nachdem, wie gross die Gefährdung für die Patienten war und wie schwer das Verschulden des Arztes, sprechen wir eine Verwarnung aus oder reichen eine Strafanzeige ein.» Das Strafmass sei dann Sache der Justiz. Zwar ist der Besitz von Chlordioxid nicht verboten, doch ist es zur ärztlichen Verwendung vom Heilmittelgesetz nicht zugelassen.

Kantonsapotheker sieht keine Häufung von dubiosen Ärzten

Der St.Galler Kantonsapotheker Urs Künzle.

Der St.Galler Kantonsapotheker Urs Künzle.

Bild: Michel Canonica

Die Chlordioxid-Abgabe in einer St.Galler Arztpraxis sei ein Einzelfall, sagt Kantonsapotheker Künzle auf Anfrage dieser Zeitung. Jedoch habe der Kanton im vergangenen Jahr einer St.Galler Firma den Vertrieb von Chlordioxid-Generatoren verboten, nachdem er von Swissmedic auf den illegalen Handel aufmerksam gemacht worden sei.

Der Vorfall im Sarganserland betrifft nach den jüngsten Fällen in Wattwil oder Abtwil erneut einen St.Galler Arzt, der wegen fragwürdiger Methoden oder Ansichten die Behörden beschäftigt. Künzle stellt aber keine Häufung dubioser Ärzte im Kanton fest: «Gemessen an der Zahl der über 500 Arztpraxen sind es sehr wenige.» Ob es einen Zusammenhang mit der Coronapandemie gibt, könne er nicht beurteilen. Doch biete eine solche Zeit der Verunsicherung wohl einen nahrhaften Boden für nicht seriöse Anbieter, ihre fragwürdigen Produkte und Therapien zu verkaufen. «Wenn wir von solchem Unsinn hören, gehen wir dem nach», sagt Künzle.

Für den 34-jährigen Patienten des Sarganserländer Arztes ist die Sache glimpflich ausgegangen, wie es im «Beobachter»-Artikel heisst: «Nach einem Schluck fand ich dieses CDL so eklig, dass ich den Rest nicht mehr getrunken habe – zum Glück, wie ich heute weiss.» Den Hausarzt habe er mittlerweile gewechselt, es fehle das Vertrauen.