Medien
Mutig, vielseitig, eigen: Aber das neue Stadtmagazin «Saint Gall» überzeugt trotzdem nicht vollständig

Vier St.Galler Medienschaffende haben ein neues Stadtmagazin gegründet. Bis Ende 2022 soll «Saint Gall» kostendeckend sein. Jetzt ist die erste Ausgabe erschienen: schöne Geschichten, schöne Aufmachung. Doch etwas fehlt.

Julia Nehmiz
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Die erste Ausgabe des neuen Stadtmagazins «Saint Gall» ist erschienen.

Die erste Ausgabe des neuen Stadtmagazins «Saint Gall» ist erschienen.

Bild: Julia Nehmiz

Ein neues Magazin für die Stadt St.Gallen. Das nur gedruckt erscheint. Die Artikel, Interviews, Glossen und Porträts kann man nicht online lesen, nur im Heft. Vier St.Galler Medienschaffende wagen im Jahr 2021 ein anachronistisches Abenteuer: Sie bringen ein neues Print-Magazin heraus. Zweimal im Jahr soll «Saint Gall» erscheinen. Ihr Credo: Die Macherinnen und Macher wollen die Kurzlebigkeit der heutigen Medienwelt durchbrechen. Sie versuchen, «Werte zu schaffen, die längern dauern als für einen einzelnen Moment», schreiben sie im Editorial.

Wo überall die nächste Schlagzeile, die nächste grosse Story nur einen Klick entfernt darum buhlt, gelesen zu werden, wirkt dieses Vorhaben wie aus der Zeit gefallen. Nicht mal ein Social-Media-Auftritt macht auf die Inhalte des Magazins aufmerksam. Und das ist so mutig und eigen, dass es schon wieder sympathisch ist. Wer uns lesen will, muss uns kaufen, so die unausgesprochene Ansage der vier.

Ex-«Tagblatt»-Journalist Sebastian Schneider, Grafikerin Nicole Tannheimer und Ex-«Tagblatt»-Fotograf Urs Bucher (von links) bei der Ostschweiz Druck AG, die das Magazin «Saint Gall» druckt.

Ex-«Tagblatt»-Journalist Sebastian Schneider, Grafikerin Nicole Tannheimer und Ex-«Tagblatt»-Fotograf Urs Bucher (von links) bei der Ostschweiz Druck AG, die das Magazin «Saint Gall» druckt.

Bild: Arthur Gamsa

Das Magazin tritt zurückhaltend auf

Kaufen kann man ihr Heft aktuell an fünf Orten in der Stadt. Ob das reicht? Ob sich das genug herumspricht? Ob die vier des Kernteams – Journalist Sebastian Schneider, Journalistin Marion Loher, Fotograf Urs Bucher und Grafikerin Nicole Tannheimer – wirklich die angepeilten 3000 Abonnentinnen und Abonnenten erreichen? Man wird sehen. Das erste Heft jedenfalls, es ist leicht zu übersehen. So bescheiden, wie die vier Werbung machen für «Saint Gall», so zurückhaltend ist auch der Auftritt des Magazins.

Kein quietschbuntes Titelblatt, keine schreierischen Schlagzeilen. Eine Biene in Grossaufnahme fliegt vor dezent-braunem Hintergrund auf eine Blüte zu. «Blütezeit», steht darunter. Wer nicht genau schaut, könnte das auch für ein Gartenmagazin halten. Doch die weiteren Schlagzeilen machen klar: Es geht um die Stickereikrise, den Staat als Retter in der Krise samt Interview über Wirtschaftspolitik in Krisenzeiten.

Kater Whiskey besucht gerne das «Buena Onda»

Zählt man Titelseite und Backpage mit, umfasst das Magazin 80 Seiten. Neuneinhalb davon Werbung. Der Rest: redaktionelle Inhalte. Angenehm kurze Texte wechseln ab mit längeren Interviews, die Aufmachung kommt ansprechend daher, übersichtlich das Layout, einige Bilder sind richtige Hingucker. Und auch inhaltlich bemüht sich das Team um Vielfalt.

Ein Interview mit Stadtpräsidentin Maria Pappa, eines mit Roger Hochreutener, Gemeindepräsident von Eggersriet, eines mit HSG-Professor Florian Schui. Auch das Alltagsleben hat Platz, Kater Whiskey, der gerne in der Bar Buena Onda einkehrt, wird vorgestellt. Doch viele Beiträge kommen etwas brav daher. Man wünscht sich mehr Biss, mehr Witz, mehr Überraschung.

SVP-Frau spricht Gendersternchen mit

Ungewohnt und nicht ganz einheitlich wird im ersten Heft von «Saint Gall» gegendert, der Genderstern kommt nicht nur in vielen Texten vor, sondern sogar in Zitaten. Man schmunzelt, dass Karin Winter-Dubs, Fraktionspräsidentin der St.Galler SVP, bei «Saint Gall» das Gendersternchen mitspricht. Als würde sie «Steuerzahler*innen» aussprechen mit Glottisschlag, also mit dieser kleinen Pause wie in «Spiegelei».

Von den 28 Beiträgen sind 15 von Ex-«Tagblatt»-Journalist Sebastian Schneider, der das Magazin konzipierte und «erfand». Sechs Texte hat Ex-«Tagblatt»-Journalistin Marion Loher verfasst. Sieben Beiträge sind von Gastautorinnen und -autoren. Auch da wäre eine grosse Vielfalt wünschenswert. Aber das ist vielleicht der ersten Ausgabe geschuldet, dem Traum vom Stadtmagazin, den Sebastian Schneider lange träumte und nun wahr werden liess.