Kreisgericht Werdenberg-Sarganserland
«Er konnte nur zwei Monate als gesunder Mensch leben»: Angeklagter Vater kann sich Schütteltrauma des Sohnes nicht erklären

Am Donnerstag stand der Mann vor dem Kreisgericht Werdenberg-Sarganserland, der seinen Sohn durch ein Schütteltrauma schwer verletzt haben soll. Dieser bestreitet jegliche Schuld.

Janina Gehrig
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Laut Staatsanwältin hat der Vater seinen Sohn aus Überforderung in einer Kurzschlussreaktion heftig geschüttelt.

Laut Staatsanwältin hat der Vater seinen Sohn aus Überforderung in einer Kurzschlussreaktion heftig geschüttelt.

Bild: Peopleimages / E+

Dichter Nebel hängt über Mels, es regnet in Strömen, Blitze schiessen vom Himmel. Und drinnen im Gerichtssaal offenbart sich, wie schwierig die Wahrheitssuche in diesem Fall ist. In seinem Schlusswort sagt der Angeklagte. «Ich bin sehr empört. Wir schauen, dass es den Kindern gut geht. Ich liebe meine Frau und meine Kinder. Ich verstehe nicht, wie man denken kann...» Dann bricht er ab, der Dolmetscher übersetzt. Tatsächlich fällt es schwer, darüber nachzudenken, was am Abend des 19. April 2017 in der damaligen Familienwohnung in Buchs womöglich vorgefallen ist.

Dem Vater, einem heute 46-jährigen Spanier, wird vorgeworfen, seinen damals zweimonatigen Sohn geschüttelt zu haben, sodass er schwere und bleibende körperliche und geistige Schäden davontrug. Angeklagt der schweren Körperverletzung und der Aussetzung, stand der Mann am Donnerstag vor dem Kreisgericht Werdenberg-Sarganserland.

«Plötzlich wurde er rot und verlor das Bewusstsein»

Der Abend sei wie jeder andere Abend auch gelaufen, sagte der Beschuldigte bei der Befragung durch die Richterin, bei der er immer wieder Erinnerungslücken aufweist. So weiss er etwa nicht mehr genau, wie der Morgen verlaufen ist, in welchem Zimmer die sechsjährige Tochter eingeschlafen ist, wer die Kinder zu Bett gebracht hat. Zwischen 20 und 21 Uhr hat seine Frau im Wohnzimmer Milch abgepumpt. Als das Baby geweint habe, habe er es aus dem Bettchen genommen und in sein Büro gebracht, wo er es auf das dortige Bett gelegt habe. Weil der Bub unter einem aufgeblähten Bauch litt, habe er ihn massiert und seine Beine gegen den Bauch gedrückt. Was nicht hilft, das Baby schreit weiter. Dann decken sich die Aussagen des Beschuldigten nicht mehr mit dem, was in der Anklageschrift zu lesen ist.

«Plötzlich wurde er rot, ich habe gedacht, er würde noch mehr schreien. Auf einmal ist er ohnmächtig geworden», sagte der Mann. Er habe versucht ihn zu wecken, habe ihn zu seiner Frau, einer ausgebildeten Krankenschwester, gebracht. Sie leistet erste Hilfe, mit dem Auto fährt man zur Notaufnahme des Spitals Grabs, wo ein Kreislaufstillstand festgestellt wird. Das Kind wird reanimiert, liegt danach aber tagelang künstlich beatmet im Koma. Das Gutachten ergibt, dass es eine Hirnblutung, Blutungen der Netzhäute der Augen sowie eine diffuse Hirnschädigung erlitten hatte. Die Verletzungen könnten nur von einem Schütteltrauma stammen. Die Richterin hakt nach: «Wie erklären Sie sich das?» In der Medizin gebe es viele Dinge, die man nicht erklären könne, antwortet der Mann. Er windet sich, fühlt sich falsch verstanden, gestikuliert. Als ihm vorgehalten wird, er habe bei der ersten Einvernahme ausgesagt, das Kind geschüttelt zu haben, streitet er dies energisch ab.

«Ich versuchte, mein Kind zu retten.»

Dem heute Vierjährigen gehe es immer besser. Er besuche eine Sonderschule und werde nächstes Jahr hoffentlich in eine Regelklasse integriert. Er sage schon ein paar Wörter, kenne die Farben und Zahlen. Er, der Vater, arbeite seit ein paar Monaten wieder in der Schweiz, um mit dem Lohn die Therapien des Sohnes in Spanien zu bezahlen.

Die Staatsanwältin, die eine bedingte Freiheitsstrafe von zwei Jahren unter einer Probezeit von zwei Jahren sowie einen Landesverweis von fünf Jahren fordert, sprach von einer Kurzschlussreaktion aus Überforderung. Von Fahrlässigkeit könne nicht die Rede sein. Denn das Baby sei nicht etwa aus Unachtsamkeit vom Wickeltisch gefallen, sondern aktiv geschüttelt worden, «vorsätzlich, damit der Bub aufhört zu schreien» und indem der Angeklagte die allgemein bekannten Folgen in Kauf genommen habe. Der Ingenieur, von der Polizei nach der ersten Einvernahme als «busy business man» beschrieben, hatte damals lange Arbeitstage zu leisten. Das Baby habe oft geschrien, ohne sich beruhigen zu lassen. Dennoch: «Jedermann weiss um die Notwendigkeit, den Kopf eines Babys zu stützen», sagte die Staatsanwältin. Er hätte reflektiert handeln oder Hilfe holen können. Ältere Hämatome liessen zudem den Verdacht aufkommen, dass das Kind schon zuvor mehrfach geschüttelt worden sei. Es gebe keinen Grund, dass das zuvor gesunde Baby plötzlich bewusstlos werden sollte. Durch das Schütteln habe der Mann seinen Sohn in akute Lebensgefahr gebracht, die Verletzungen seien schwer und bleibend. «Zu glauben, der Bub würde jemals normal leben können, ist wohl Wunschdenken. Leider ist es nicht so, und dafür ist der Beschuldigte verantwortlich.» Sie schiebt nach: «Ich will damit nicht sagen, dass er seine Familie nicht liebt. Aber das rechtfertigt die Tat nicht.»

Opferanwältin plädiert auf vorsätzliche Tötung

Die Anwältin des Kindes ging noch weiter. Sie plädierte auf vorsätzliche Tötung und forderte eine Genugtuungssumme von einer Viertelmillion Franken. Die medizinischen Fakten würden zweifelsfrei darauf hindeuten, dass die Verletzungen durch ein Schütteltrauma entstanden seien. Für gut einen Viertel der Kinder ende ein solches tödlich. «Ob ein Kind an einer derartigen Misshandlung stirbt, hat der Täter nicht in der Hand.»

«Jedes Schütteln eines Babys ist potenziell tödlich.»

Das müsse dem engagierten Vater bekannt gewesen sein. Er habe es aber trotzdem willentlich geschüttelt und sei deshalb das Todesrisiko eingegangen.

Die vergleichsweise hohe Genugtuungssumme rechtfertigte sie damit, dass der Bub nie ein gesundes Kind sein werde und selbst bei sehr gutem Verlauf nie handlungsfähig werden würde, die kognitiven Einschränkungen seien zu gross. Der Bub sei auf Rollstuhl und Stehhilfe angewiesen, sein Alltag geprägt von Therapien und Sonderbeschulung, Schmerzen und Einschränkungen. Auch sei fraglich, ob er je jemanden finden werde, der sein Leben mit ihm teilen werde.

«Er konnte nur zwei Monate als gesunder Mensch leben. Durch eine schwere Straftat ist er behindert geworden – für den Rest seines Lebens.»

Der Beschuldigte wolle der Wahrheit nicht ins Auge blicken und verharmlose deshalb den Sachverhalt, sagte sie.

Die Verteidigerin des Angeklagten forderte Freispruch in allen Punkten. Die Darstellung des Sachverhalts und die Reihenfolge der Ereignisse entsprächen nicht dem tatsächlich Vorgefallenen. Dass das Kind das Bewusstsein verloren habe und nicht mehr geatmet habe, sei zwar korrekt. Doch erst dann habe der Mann den Buben hochgehoben und «allenfalls eine Bewegung gemacht», um das Kind wachzubekommen. Für Bewusstseinsverluste gebe es auch andere Erklärungen als ein Schütteltrauma. Bezüglich der Verletzungen müsse man zudem die Erschütterungen auf der Autofahrt ins Spital oder während der Wiederbelebungsversuche im Hinterkopf behalten. Auch könne man ihrem Klienten keinen Vorwurf machen, in den verschiedenen Einvernahmen andere Aussagen gemacht zu haben. Es habe sprachliche Barrieren gegeben. «Es sind überhaupt keine Anhaltspunkte vorhanden, dass Kindsmisshandlungen stattgefunden haben», sagte sie zum Schluss. Das Kind sei fast überbehütet gewesen. Der Angeklagte und dessen Frau hätten ein Drama erlebt und litten noch immer unter der Situation.

Und noch einmal zeigte sich der Familienvater empört. Darüber, dass man über seinen Sohn spricht, ohne diesen und seine Familie zu kennen. Darüber, als Lügner bezeichnet und als Krimineller abgestempelt zu werden. Das Urteil wird in den nächsten Tagen schriftlich eröffnet.

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