Kreisgericht St.Gallen
88-jähriger Autofahrer weicht Katze aus und fährt in parkiertes Auto: Gegen den Strafbefehl wehrt er sich erfolglos

Im Osten der Stadt St.Gallen verursacht ein 88-Jähriger einen Parkschaden. Die Behörden warfen ihm vor, er habe das Auto fahrunfähig gelenkt und entzogen dem Mann den Fahrausweis. Vor Gericht wollte der Mann seine Rüstigkeit und Sehkraft beweisen.

Claudia Schmid
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Eine Katze läuft über die Strasse.

Eine Katze läuft über die Strasse.

Bild: Getty

Es passierte im Stephanshorn: An einem Sonntagnachmittag im Oktober 2020 fuhr der 88-Jährige mit seinem Auto in St.Gallen auf der Zilstrasse in Richtung Rorschacher Strasse. Nach seinen Angaben sprang plötzlich eine Katze in die Fahrbahn. Mit einem Bremsmanöver konnte er zwar verhindern, dass er das Tier erfasste, jedoch touchierte er ein parkiertes Auto leicht.

Pflichtbewusst rief der Autolenker die Polizei an, um den Schaden zu melden. Als die Polizeibeamten vor Ort eintrafen, zitterte er stark am ganzen Körper. Zudem gaben die Beamten an, er habe sehr langsam gesprochen und Mühe gehabt, die richtigen Worte zu finden. Seine Bewegungsabläufe seien äusserst langsam gewesen, und er habe sich bei jeder Gelegenheit abstützen müssen.

Die Staatsanwaltschaft kam zum Schluss, dass der 88-jährige Mann aufgrund seines Gesundheitszustandes bei der betreffenden Fahrt nicht fahrfähig gewesen war. Konkret nannte sie sein fortgeschrittenes Alter, Erkrankungen an Parkinson und Lungenfibrose sowie die Einnahme von Medikamenten. Auch die körperliche Verfassung nach dem Unfall zeuge davon, dass der Mann zum fraglichen Zeitpunkt nicht mehr über die zum Lenken eines Motorfahrzeuges geforderte und erforderliche körperliche und geistige Leistungsfähigkeit verfügt habe. Diese sei vor allem auch für das Bewältigen plötzlich auftretender schwieriger Verkehrs-, Strassen- und Umweltsituationen notwendig.

Mann akzeptiert Strafbefehl nicht

Die Anklage warf dem Beschuldigten vor, er habe aus pflichtwidriger Unvorsichtigkeit gehandelt, da er bei kritischer Selbstüberprüfung vor Antritt der Fahrt hätte feststellen müssen, dass er sich in einem fahrunfähigen Zustand befand. Sie schickte ihm einen Strafbefehl und sprach ihn des fahrlässigen Führens eines Motorfahrzeuges in fahrunfähigem Zustand und der fahrlässigen einfachen Verletzung der Verkehrsregeln (Nichtbeherrschen des Fahrzeuges) schuldig. Als Sanktion belegte sie ihn mit einer bedingten Geldstrafe von 16 Tagessätzen zu je 100 Franken und einer Busse von 600 Franken.

Der Autofahrer akzeptierte den Entscheid nicht und beantragte zusammen mit seinem Verteidiger am Kreisgericht St.Gallen einen Freispruch von Schuld und Strafe. Er nehme die Medikamente wegen seiner Herzbeschwerden und der Lungenfibrose schon viele Jahre ein und habe nie Nebenwirkungen verspürt, erklärte der Mann vor dem Einzelrichter. Er habe sich an jenem Sonntagnachmittag gut gefühlt und sei seines Erachtens absolut fahrfähig gewesen.

Erst als die Polizei eingetroffen sei, habe das Zittern begonnen. Er habe wohl einen Schock erlitten, als die Katze auf die Strasse gerannt sei. Nur dank sofortigen Bremsens habe er sie nicht erwischt. Leider habe er dem Tier noch einen Moment nachgeschaut, sei deshalb leicht nach rechts gerollt und habe das parkierte Fahrzeug touchiert. Er fühle sich aber weiterhin fahrtauglich und werde sich wieder ans Steuer setzen, sobald er den Führerschein zurückerhalte.

Verteidiger: Als Autolenker vorbildlich verhalten

Der Verteidiger betonte, sein Mandant habe sich nach dem Unfall vorbildlich verhalten und die Polizei informiert. Das rasch eingeleitete Bremsmanöver beweise, dass er über ein gutes Reaktionsvermögen verfüge. Dass er beim Eintreffen der Polizei nervös geworden sei, habe mit dem Umstand zu tun, dass er in den vergangenen Jahrzehnten als Autofahrer nie in eine Polizeikontrolle gekommen sei.

Sein Mandant sei ein erfahrener Lenker, der aufgrund seines Alters regelmässig die gesetzlich vorgeschriebenen Kontrollen zur Überprüfung der Fahrfähigkeit besuche. Noch nie sei sie ihm aberkannt worden. Auch habe ihm ein Sehtest in einem ausserkantonalen Spital eine gute Sehkraft bescheinigt. Falsch sei in der Anklageschrift der Hinweis, dass der Beschuldigte an Parkinson leide. Es gebe schlichtweg keine solche Diagnose. Bei der Unfallfahrt sei er mit höchstens 20 km/h unterwegs gewesen, und beim Touchieren des parkierten Autos sei ein kaum nennenswerter Schaden entstanden.

Rentner im Sinne der Anklage schuldig gesprochen

Der Einzelrichter am Kreisgericht St.Gallen folgte jedoch der Argumentation der Verteidigung nicht und verurteilte den Beschuldigten im Sinne der Anträge der Staatsanwaltschaft. Verschiedene Faktoren hätten zu seinem Entscheid geführt, betonte der Richter. Zum einen gebe es ein rechtsmedizinisches Gutachten, welches die Fahrfähigkeit des Beschuldigten in Zweifel ziehe. Zum anderen sei es erwiesen, dass die eingenommenen Medikamente eine bewusstseinsreduzierende Wirkung haben könnten.

Auch spreche das Resultat eines angeordneten Sehtests im Kantonsspital St.Gallen von mangelnder Sehkraft. Dieser gelte für ihn mehr als ein an einem ausserkantonalen Spital privat eingeholter Sehtest. Hinzu komme das hohe Alter, die langsame Aussprache, das Zittern und das Abstützen. Aus all diesen Gründen schliesse das Gericht, dass der Beschuldigte seinen Wagen in fahrunfähigem Zustand gelenkt habe. Der Mann muss die Verfahrenskosten von rund 2870 Franken bezahlen.

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