Keine Kulanz
16-Jähriger verliert sein Erspartes durch Bankbetrüger – St.Galler Kantonalbank will Schaden nicht ersetzen

Nichtsahnend bestellte ein junger Mann im Internet Kleider, die nie bei ihm ankommen werden. Das ist aber noch nicht alles: Ihm wurde auch sein Konto leergeräumt. Die Bank will den Schaden nicht ersetzen. Wie konnte das passieren?

Christoph Thurnherr/FM1Today
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Das Konto bei der St.Galler Kantonalbank ist mittlerweile aufgelöst.

Das Konto bei der St.Galler Kantonalbank ist mittlerweile aufgelöst.

Bild: Ralph Ribi

Kleider im Internet zu bestellen ist mittlerweile das Normalste der Welt. Genauso wie Serien zu streamen oder das Bahnbillett per App zu lösen. Es ist so normal, dass wir es kaum mehr hinterfragen: Gewünschte Artikel anklicken, Art der Bezahlung auswählen, Klamotten am nächsten Tag auspacken.

Das klappt immer, könnte man meinen. Stimmt aber nicht, wie der Sohn einer «FM1Today»-Lesereporterin schmerzlich feststellen musste. Denn seine Bestellung kommt nie an, der Online-Shop stellt sich als Fake heraus. Die bereits bezahlten Kleider sind aber bei weitem nicht der einzige Verlust: Dem 16-Jährigen wird fast sein ganzes Lehrlingskonto ausgeräumt.

Perfide Masche

Nach einer lange ausgebliebenen Lieferung sollte der Lehrling auf einmal Verzollungsgebühren bezahlen.

Nach einer lange ausgebliebenen Lieferung sollte der Lehrling auf einmal Verzollungsgebühren bezahlen.

Bild: zVg

Dem 16-jährigen Betrugsopfer unterläuft ein Fehler. Nachdem er relativ lange auf seine Bestellung warten musste, erhält er eine Nachricht per SMS, dass er noch die Verzollungsgebühren von knapp sechs Franken bezahlen müsse.

Der vermeintliche Absender: Die Schweizerische Post. Der Junge Mann gibt seine Bankdaten in der Hoffnung an, seine Kleider nun doch bald zu erhalten. Als Nächstes erhält er eine Nachricht mit Code, um seine Mastercard für den Bezahlservice Google Pay freizuschalten. Und damit ist der Schaden angerichtet.

3500 Franken verloren

Wie Bankauszüge belegen, die «FM1Today» vorliegen, buchten Betrüger innerhalb von vier Tagen einen Grossteil des Ersparten ab. Dies geschah über mehrere Einzelabbuchungen zwischen etwa 20 und 400 Franken.

Das Geld geht an verschiedene Empfänger, die Spur führt nach Katalonien – doch es dürfte sich dabei nur um Strohfirmen handeln. Der Betrug zieht sich einige Tage lang hin, ohne dass der junge Kontoinhaber etwas bemerkt.

Laut Aussage seiner Mutter konnte er auch nichts merken, denn er habe gar kein E-Banking gehabt. Schlussendlich meldet sich die St.Galler Kantonalbank via SMS – sein Konto sei wegen auffälliger Bewegungen gesperrt worden.

Am Schalter folgt der Schock über den Verlust, der Geschädigte hebt den Rest seines Guthabens ab. Doch was ist mit dem gestohlenen Geld?

Nur eine von vielen Seiten mit Abbuchungen.

Nur eine von vielen Seiten mit Abbuchungen.

Bild: zVg

Kantonalbank zahlt nicht

Vor einigen Wochen berichtete «FM1Today» über einen häufigen auftretenden Bankbetrug. Dabei ersetzte die Kantonalbank die Fehlbeträge. Das Online-Portal erhielt darauf mehrere Zuschriften von Leserinnen und Lesern, darunter dieser Fall. Hier will die Kantonalbank allerdings nicht für den Schaden aufkommen.

«Wenn ein klarer Missbrauch der Nutzungsbestimmungen und/oder der Sorgfaltspflicht vorliegt, kann die Bank keine Haftung für entstandene Schäden übernehmen», schreibt Jolanda Meyer, Leiterin der Medienstelle der St.Galler Kantonalbank.

«Mein Sohn bekommt keinen Rappen zurück», bestätigt die erboste Leserin. Zunächst habe sich die zuständige Person sehr interessiert gezeigt. Nach über einem Monat erhielt sie dann aber einen negativen Bescheid:

«Die Bank zahlt nichts zurück, es sei ja nicht ihr Fehler. Es hiess, wir hätten zu spät reagiert.»

Aus der Sicht der Mutter ein Hohn – schliesslich sei es ohne E-Banking nicht möglich, die Transaktionen zu bemerken. Und die Bank selbst reagierte erst nach vier Tagen auf die vielen Abbuchungen und sperrte das Konto.

«Die Bank hat tagelang nur zugeschaut. Es muss doch Sicherheitsprotokolle geben, damit Zahlungen ins Ausland – und dann noch so viele – auffallen und gemeldet werden.»

Betrugserkennung ausgehebelt

Solche Systeme gibt es auch. «Um ungerechtfertigte Transaktionen rasch zu erkennen, arbeiten die Kartenherausgeber (z.B. SIX, Viseca, Swiss Bankers) mit Betrugserkennungssystemen», schreibt Jolanda Meyer. Trotzdem könne es vorkommen, dass ein Betrug nicht erkannt wird. Unter anderem dann, wenn jemand die Karte für ein digitales Wallet freigibt.

Die Masche der Betrüger ist perfid – sie nutzen unter anderem reguläre Bezahlapps.

Die Masche der Betrüger ist perfid – sie nutzen unter anderem reguläre Bezahlapps.

Bild: zVg

Und genau das ist hier geschehen: Der 16-Jährige übermittelte seine Bankdaten in der Annahme, für die Zollgebühren von sechs Franken zahlen zu müssen. Danach dürften die Betrüger diese Bankdaten zum Bezahlservice Google Pay hinzugefügt – und ganz regulär die Freigabe für Zahlungen verlangt haben.

Dies bestätigte der Lehrling mit dem ihm zugestellten Code. So wurden auch die dutzendfachen Abbuchungen über mehrere Tage möglich. Gerade weil anfangs ein zusätzlicher Code verschickt wird, gelten Zahlungen über Services wie Google Pay als sehr sicher und werden von der Software nicht sofort hinterfragt.

Von A bis Z abgezockt

Ein Fehler ist schnell passiert. Insbesondere, wenn man sich zu sicher fühlt oder sich nicht gut auskennt. Die Mutter ärgeret sich denn auch über die fehlende Kulanz gegenüber einem 16-Jährigen, der halt einen Fehler gemacht habe. Trotzdem sei es erstaunlich, wie wenig nötig ist, um den Betrügern in die Falle zu gehen.

Gerade älteren Personen, aber auch Erwachsenen könne das durchaus passieren. Tatsächlich handelt es sich wohl um eine Verkettung mehrer Fehler, angefangen bei der Auswahl des Online-Shops. Dort gibt es Markenartikel vermeintlich weit unter dem Originalpreis zu kaufen – etwa Gucci-Sandalen für 90 Dollar, die sonst über 400 Franken kosten.

Hier hätte man ein erstes Mal stutzig werden können – oder müssen. Überprüft man diesen Online-Shop mit einer kurzen Recherche stellt sich schnell heraus, dass es sich um einen Betrug handeln muss. Das zeigen die schlechten Bewertungen. Darüber hinaus ist er als Fake-Shop bekannt und auf der Watchlist-Internet als solcher aufgeführt.

«Wer hier bestellt, erhält entweder gar keine oder völlig falsche Ware», heisst es dort. Auch die SMS der Post und von Six hätte man hinterfragen können – auch wenn diese täuschend echt aussehen oder im Fall der Google Pay-Freigabe sogar echt sind.

Der 16-jährige Lehrling zahlt hier wahrlich teures Lehrgeld. Sein mühsam zusammengesparter Lehrlingslohn ist fast futsch – wegen einiger falscher Entscheidungen. «Auch sein Vertrauen in Institutionen wie unsere Banken ist erschüttert», bilanziert seine Mutter.

Ihr Sohn und sie selbst haben ihre Konten bei der Kantonalbank aufgrund dieser Angelegenheit aufgelöst.