Kein Landesverweis
Sie hat aus Verzweiflung gestohlen: Liechtensteinerin darf bleiben

Eine schweizerisch-liechtensteinische Doppelbürgerin wurde des Landes verwiesen. Nun hat das Kantonsgericht St.Gallen ein milderes Urteil gefällt.

Claudia Schmid
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Vor Gericht zeigte die 27-Jährige Reue für ihre Taten.

Vor Gericht zeigte die 27-Jährige Reue für ihre Taten.

Bild: Zdravinjo / iStockphoto

Eine 27-jährige Liechtensteinerin beging zusammen mit ihrem Partner drei Einbruchdiebstähle. Zudem überschritt sie auf der Autobahn A13 die Höchstgeschwindigkeit um 35 km/h. Im November 2020 verurteilte sie das Kreisgericht Sarganserland-Werdenberg deshalb wegen mehrfachen Diebstahls, Hausfriedensbruchs, Sachbeschädigung und grober Verletzung von Verkehrsregeln. Es sprach eine bedingte Geldstrafe von 120 Tagessätzen zu je 160 Franken aus und verwies die Beschuldigte für fünf Jahre aus der Schweiz.

Ein Härtefall «wie aus dem Bilderbuch»

Am Berufungsverfahren am Kantonsgerichts St.Gallen wurden die Schuldsprüche nicht in Frage gestellt. Jedoch verlangte der Verteidiger für seine Mandantin, die aus gesundheitlichen Gründen vor Schranken nicht anwesend war, eine Reduktion des Tagessatzes von 160 auf 10 Franken und vor allem den Verzicht auf die Landesverweisung.

Im Falle seiner Mandantin handle es sich um einen Härtefall «wie aus dem Bilderbuch», argumentierte der Rechtsanwalt. Sie sei als Schweizerin geboren und habe ihr Bürgerrecht mit zwölf Jahren nur deshalb beim Umzug ins «Ländle» verloren, weil das Fürstentum Liechtenstein eine Doppelbürgerschaft ablehne. Die junge Frau habe den engen Bezug zur alten Heimat aber stets aufrechterhalten. Sie habe die Lehre in der Schweiz absolviert, wo auch Freunde und Verwandte von ihr wohnten.

«Fast ihr ganzes privates Leben spielt sich in ihrem Geburtsland ab. Die Schweiz empfindet sie nicht als Ausland, sondern vielmehr das ‹Ländle› als zusätzlichen Kanton», betonte der Verteidiger weiter. Auch gesundheitlich sei die an starken Depressionen leidende Frau auf die Gesundheitsversorgung in der Ostschweiz angewiesen. Zurzeit befinde sie sich hier in einer psychiatrischen Einrichtung. Das erstinstanzliche Urteil habe seine Mandantin weiter in ein tiefes Loch gestürzt.

In einer Phase der Verzweiflung

Die drei eher geringfügigen Diebstähle habe die Beschuldigte in einer Phase der Verzweiflung begangen. Es habe sich um einen sehr kurzen Zeitraum gehandelt und sie habe rasch eingesehen, dass die Straftaten dumm und falsch gewesen seien. Da sich die finanziellen Verhältnisse der Frau in der Zwischenzeit verschlechtert hätten, müsse die bedingte Geldstrafe deutlich gesenkt werden.

Das Kantonsgericht folgte im Wesentlichen der Argumentation der Verteidigung. Es senkte die bedingte Geldstrafe auf 120 Tagessätze zu je 30 Franken. Zudem entschied es, von einer Landesverweisung abzusehen. Die Kosten des Berufungsverfahrens von rund 6400 Franken trägt der Staat.