Justiz
St.Galler Kantonsgericht mindert Strafe nach Bazenheider Bruderdrama drastisch

10 Monate unbedingte Gefängnisstrafe statt viereinhalb Jahre: Das St.Galler Kantonsgericht reduziert das Strafmass nach einer Familientragödie im Toggenburg. Grund ist die gewaltbetonte Vorgeschichte, die dem Tötungsdelikt voraus ging.

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Mit einem Rüstmesser fügte der Angeklagte seinem Bruder tödliche Verletzungen zu.

Mit einem Rüstmesser fügte der Angeklagte seinem Bruder tödliche Verletzungen zu.

Symbolbild: Getty

(nh) Im Oktober 2017 ereignete sich im Toggenburg ein Tötungsdelikt, das als «Bazenheider Bruderdrama» Schlagzeilen machte. Weil er seinen älteren Bruder mit einem Rüstmesser tödlich verletzte, ist ein heute 32-Jähriger im Mai 2020 vom Kreisgericht zu viereinhalb Jahren Freiheitsstrafe verurteilt worden. Dieses Urteil hebt das St.Galler Kantonsgericht nun auf. Es reduziert die vormalige Strafe, welche selbst die Forderung der Staatsanwaltschaft überboten hat, auf 30 Monate Gefängnis, davon 20 Monate bedingt.

Wie die erste Instanz spricht auch das Kantonsgericht von einer vorsätzlichen Tötung, während die Verteidigung einen Freispruch wegen Notwehr erzielen wollte. Die beiden Brüder waren im Streit um Geld aneinandergeraten, der Angeklagte setzte ein Messer ein und drohte ihn «aufzuschlitzen». Vor den Richtern in St.Gallen hat er jedoch beteuert, dass er seinen Bruder nicht habe töten wollen: «Ich war zu diesem Zeitpunkt nicht ich selbst.» Das Opfer erlitt tödliche Verletzungen an der Kopfschlagader und verblutete auf dem Weg ins Spital.

Schläge und sexueller Missbrauch

Die Beziehung der beiden Brüder war seit jeher von Gewalt geprägt gewesen. Der jüngere war von seinem älteren Bruder regelmässig geschlagen worden. Zudem sieht es das Gericht als erwiesen an, dass das spätere Opfer sein Geschwister zwischen seinem 7. und 14. Altersjahr sexuell missbraucht hatte. «Vor dem Hintergrund dieser aussergewöhnlichen Vorgeschichte lag beim Beschuldigten gemäss dem überzeugenden psychiatrischen Gutachten eine hochgradig eingeschränkte, fast gänzlich aufgehobene Steuerungsfähigkeit vor», heisst es im aktuellen Urteil, das noch nicht rechtskräftig ist.

Wegen dieser mildernden Umstände und seiner «aufrichtigen Reue» war das Strafmass von viereinhalb Jahren Freiheitsstrafe auch von der Staatsanwaltschaft als problematisch, ja falsch, bezeichnet worden. Der Beschuldigte befindet sich nach den Missbrauchsvorfällen seit Jahren in Therapie und seit der Tat in vorgezogenem Strafvollzug. Die bereits abgesessenen 116 Tage werden von der Strafe abgezogen.

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