Justiz
24-Jähriger fordert per Erpressungsbrief 50'000 Franken – St.Galler Kreisgericht fällt Schuldspruch

Ein 24-Jähriger hat versucht, eine Arbeitskollegin um 50'000 Franken zu erpressen. Auf der Anklagebank sagt er, er sei selbst zum Erpressungsopfer geworden. Das St.Galler Kreisgericht verurteilt ihn zu einer bedingten Freiheitsstrafe.

Claudia Schmid
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Der Erpresser verfasst zwei Schreiben und deponierte sie im Briefkasten.

Der Erpresser verfasst zwei Schreiben und deponierte sie im Briefkasten.

Bild: Getty

Ein 24-jähriger Schweizer verfasste im Februar 2020 zwei Erpresserschreiben. Das eine deponierte er im Briefkasten einer Arbeitskollegin. Er forderte von ihr 50'000 Franken in bar. Zahle sie nicht, werde sie «unter die Räder kommen». Zudem werde es ernsthafte Konsequenzen für ihre Familienmitglieder haben. Er unterwies sie, wo sie das Geld zu deponieren hat. Die Arbeitskollegin handelte richtig: Anstatt der Forderung nachzukommen, verständigte die verängstigte Frau die Polizei.

Geld für einen Porsche

Das zweite Erpresserschreiben richtete der Beschuldigte an einen Bekannten. Von ihm forderte er eine Summe von 20'000 Franken. Er drohte ihm damit, dass er «leiden werde», falls er der Forderung nicht nachkomme. Er werde die Schweiz verlassen und in sein Heimatland zurückkehren müssen. Der Zufall wollte es, dass der Bekannte den Erpresserbrief gar nicht zu Gesicht bekam und der Forderung somit nicht nachkam.

Die Erpressungsversuche waren nicht die einzigen Straftaten, die der Beschuldigte beging. Zwischen Mitte September und Ende November 2019 reichte er seiner Arbeitgeberin in über 30 Fällen gefälschte Versicherungsanträge ein, um Vermittlungsprovisionen zu erhalten. Laut Anklageschrift beging er die Delikte, um seinen Lebensstandard zu bestreiten. Der damals 22-Jährige fuhr zu jener Zeit einen geleasten Porsche.

Vom Erpressungsopfer zum Erpresser

Der Mann erklärte an der Gerichtsverhandlung vor dem Kreisgericht St.Gallen, er könne sich nicht mehr erklären, wieso er so gehandelt habe. Grund sei gewesen, dass er in Serbien, wo Verwandte lebten, selber erpresst worden sei. Inzwischen hätten die Verwandten «die Sache» erledigen können, indem sie mit den Erpressern das Gespräch gesucht hätten.

Ihm tue es unglaublich leid, dass er seine Bekannten und seine frühere Arbeitgeberin auf diese Art und Weise hintergangen und enttäuscht habe. Für ihn sei das Strafverfahren eine grosse Lehre und er werde nie wieder in eine ähnliche Situation geraten.

Beträchtliche kriminelle Energie

Der Staatsanwalt wies darauf hin, dass die Verteidigung eine Anklage im abgekürzten Verfahren beantragt hatte, der zugestimmt wurde. Die entsprechenden Anträge beinhalteten eine Verurteilung wegen mehrfacher versuchter Erpressung, gewerbsmässigen Betrugs und mehrfacher Urkundenfälschung. Der Beschuldigte sei dafür zu einer bedingten Freiheitsstrafe von zwei Jahren zu verurteilen.

Das Kreisgericht St.Gallen erhob die Anträge zum Urteil. Der vorsitzende Richter betonte in der kurzen Begründung, dem Beschuldigten müsse bewusst sein, dass ihm bei erneuter Straftat mit grosser Wahrscheinlichkeit ein Gefängnisaufenthalt drohe. Das Gericht erachte die kriminelle Energie, die der Beschuldigte für die Straftaten aufgewendet habe, als beträchtlich. Vor allem bei den Erpressungsversuchen sei er dreist vorgegangen.

Der Richter sprach auch die erwähnte Erpressung in Serbien an. Falls sie sich tatsächlich ereignet habe, sei zu vermerken, dass man sich womöglich nicht sonderlich klug verhalte, wenn man als junger Mann in einem Land mit einem Porsche prahle, in dem ein Grossteil der Menschen in wirtschaftlich schwieriger Situation lebe.

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