Glosse
Was St.Gallen nun wirklich kann? Steinbock!

Der kantonale Werbeslogan «St.Gallen kann es» ist oft verhöhnt worden. Weil St.Gallen tatsächlich nicht sehr vieles kann. Aber etwas kann es wirklich gut: St.Gallen kann Steinbock! Und zwar zum Langzeitsegen der ganzen Schweiz.

Marcel Elsener
Merken
Drucken
Teilen
St.Gallen kann es: Ein junger Steinbock wagt den grossen Sprung von Fels zu Fels im Wildpark Peter und Paul.

St.Gallen kann es: Ein junger Steinbock wagt den grossen Sprung von Fels zu Fels im Wildpark Peter und Paul.

Bild: Raphael Rohner

Den Marketingspruch «St.Gallen kann es» hat man jüngst seltener gehört. Kein Wunder, ist immerhin 17 Jahre her, seit die kantonale Standortförderung erstmals mit dieser Behauptung hausieren ging. Mit mässigem Erfolg, wie man weiss. Umso häufiger waren spöttische Kommentare. Weil St.Gallen es auf vielen Gebieten halt einfach nicht gut genug kann und folglich in fast allen Kantonsvergleichen biederes Mittelmass ist.

Klar, es gibt die berühmten Ausnahmen, die die Regel bestätigen: St.Gallen kann Textil, kann Bratwurst, kann Stiftsbibliothek, kann Naturidylle-Musikfestival und kann, Meienberg, Rittmeyer und Stahlberger sei Dank, trocken-galligen Humor. Aber schon beim Fuss- und Handball, beim Weltkulturerbe und der «Buchstadt» hat man immer wieder seine Zweifel, und an der Wirtschaftsuniversität ist inzwischen auch der Lack ab. Und dass aktuell St.Gallen Osterkrawall und SP-Stadtpräsidentin kann, wäre eine frivole Behauptung.

Wer will es also dem Kanton vergällen, wenn er daran erinnert, was er wirklich kann, und zwar wie niemand sonst in der Schweiz: St.Gallen kann Steinbock! Ohne St.Gallen gäbe es den König der Alpen im Alpenland nicht mehr. Die Erklärung ist legendär: Dass sich das Ende des 19. Jahrhunderts ausgestorbene Bündner Wappentier im hiesigen Gebirge wieder in erfreulichen Beständen tummelt, liegt an der Aufzucht im St.Galler Wildpark Peter und Paul. 1906 schmuggelte ein Wilderer im Auftrag des St.Galler Arztes Albert Girtanner und des Wildpark-Mäzens und Walhalla-Hoteliers Robert Mader zwei Steinkitze aus dem Jagdrevier des italienischen Königs in die Ostschweiz; in den folgenden Jahren sollte der Tierraub aus dem Aostatal mehrfach wiederholt werden.

Die Zucht auf den künstlichen Felsen zu Rotmonten war von Anfang ein grosser Erfolg, und am 6. Mai 1911 folgte bereits die erste Auswilderung im Weisstannental. 1911? Richtig, eine runde Zahl, und die will auf den Tag genau gefeiert werden: Unter dem Titel «110 Jahre erfolgreiche Wiederansiedlung des Steinbocks» lädt das St.Galler Volkswirtschaftsdepartement die Medien am Donnerstag zum Jubiläumsanlass in Weisstannen ein. Zumal der Erfolg weit ausstrahle, wie es heisst: «Die Wiederansiedlung des Alpsteinbocks gilt weltweit als eines der erfolgreichsten Projekte, eine grosse Säugetierart in ihrem ursprünglichen Lebensraum wieder heimisch zu machen – ein erstaunliches Resultat für eine Idee, die nicht gänzlich legal begonnen hatte.» Die St.Galler Erfolgsbockgeschichte bezeugen Regierungsrat Beat Tinner, Jagd-Schweiz-Präsident Anton Merkle und der bundesamtliche Wildtierchef Reinhard Schnidrig.

Speziell gespannt sind wir auf den Vortrag von Dominik Thiel, Leiter Amt für Natur, Jagd und Fischerei. Thiel berichtet, wie es den Steinböcken im Weisstannental heute geht. Also jenen, die vor zehn Jahren zum Hundertjährigen dort angesiedelt wurden. Die 1911 ausgesetzten St.Galler Zuchtböcke fühlten sich im eigenen Kanton nämlich nicht wohl. Mit der Auswilderung klappte es erst mit zwei weiteren Gruppen im Bündnerland: zunächst bei Filisur, dann oberhalb von Brigels. An Thiel liegt es also zu beweisen, dass St.Gallen Steinbock wirklich kann. Auch im kantonseigenen Gebirge und heute noch. Andernfalls müsste die Feierrunde dort oben Calanda trinken statt Schützengarten.

1911: die ersten Tiere in Freiheit im Weisstannental SG. (Bild: Archiv Wildpark Peter und Paul)
11 Bilder
1911: erste Aussetzung im Weisstannental Robert Mader mit Stock und Bart. (Bild: Archiv Wildpark Peter und Paul)
545 Aussetzung Terza 1920 Kolonne Spöl Langen. (Bild: Archiv Wildpark Peter und Paul)
Andrea Rauch, der Steinbockvater von Pontresina mit einem halbzahmen Bock. (Bild: Archiv Wildpark Peter und Paul)
Aufzucht der ersten Kitze im Wildpark P+P. (Bild: Archiv Wildpark Peter und Paul)
Aufzucht der Kitze im Wildpark mit Schoppenflaschen und verdünnter Kuhmilch. (Bild: Archiv Wildpark Peter und Paul)
Aussetzung im Nationalpark Val Tantermozza. (Bild: Archiv Wildpark Peter und Paul)
Joseph Berard, Wilderer und Steinbocklieferant. (Bild: Archiv Wildpark Peter und Paul)
Grosser Felsen im Wildpark Peter und Paul. (Bild: Archiv Wildpark Peter und Paul)
Robert Mader, Hotelier, Mäzen und Jäger. (Bild: Archiv Wildpark Peter und Paul)
Transport ins Rappenloch, 1911 Weisstannental. (Bild: Archiv Wildpark Peter und Paul)

1911: die ersten Tiere in Freiheit im Weisstannental SG. (Bild: Archiv Wildpark Peter und Paul)