Gleichgeschlechtliche Beziehungen
Das Bistum St.Gallen widerspricht Rom – und macht sich für die Segnung homosexueller Paare stark

Papst Franziskus hat ein kirchliches Papier gutgeheissen, das gleichgeschlechtlichen Paaren die Segnung ihrer Beziehung verweigert. Das Bistum St.Gallen kritisiert diesen Entscheid. Dass sich die Glaubenskongregation in Rom zur Segenswächterin Gottes mache, sei «unangemessen und falsch».

Adrian Lemmenmeier-Batinić
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Der St.Galler Bischof Markus Büchel.

Der St.Galler Bischof Markus Büchel.

Bild: Benjamin Manser

Gleichgeschlechtliche Paare dürfen in der Katholischen Kirche nicht heiraten. Seit Montag steht fest: Sie dürfen auch keinen Segen empfangen. Ein sogenanntes Responsum ad dubium (Antwort auf einen Zweifel) der Glaubenskongregation in Rom beantwortet die Frage «Hat die Kirche die Vollmacht, Verbindungen von Personen gleichen Geschlechts zu segnen?» klar und kurz: Nein. Das Papier wurde von Papst Franziskus abgesegnet.

Dezidiert anderer Ansicht ist das Bistum St.Gallen, das auf Anfrage eine Stellungnahme zum Thema schickt. Darin werden die Worte von Bischof Markus Büchel von 2015 zitiert:

«Freuen wir uns an jeder Beziehung, in der sich die Partner als gleichwertige, wertvolle, geliebte Kinder Gottes annehmen, die Würde des anderen achten und das Wohl der Personen befördern!»

Eine bestimmte Gruppe von vorneherein als «sündig» auszuschliessen, ohne auf die einzelnen Menschen zu schauen, sei nicht zulässig, schreibt das Bistum. Die Glaubenskongregation in Rom mache sich mit ihrer Haltung zur Kontrolleurin darüber, wen Gottes Segen erreichen dürfe und wen nicht. «Das ist unangemessen und falsch.»

Keine «Eintrittsbedingungen Gottes» bekannt

Denn die Kirche sei nicht die Wächterin über den Segen Gottes, so das Bistum weiter. Sie habe wohl den Auftrag, den Segen Gottes zu spenden – nicht aber aus eigenem Vermögen, sondern als Vermittlerin. Im neuen Testament heisse es: «Mit Abraham, der unerschütterlich Gott vertraute, werden also alle gesegnet, die ebenso glauben wie er.» Seit Abraham gehöre es somit zur Wesensbestimmung der Menschen, die an Gott glauben, dass sie für andere Segen sein sollen. Franz Kreissl, Pastoralamtsleiter des Bistums St.Gallen und Mitglied der Bistumsleitung, sagt:

«Von Eintrittsbedingungen Gottes ist mir nichts bekannt.»
Franz Kreissl, Pastoralamtsleiter des Bistums St.Gallen und Mitglied der Bistumsleitung

Franz Kreissl, Pastoralamtsleiter des Bistums St.Gallen und Mitglied der Bistumsleitung

Bild: PD

Wieder einmal sei eine Antwort aus Rom so verfasst, dass sie homosexuelle Menschen herabsetze, so Kreissl. «Damit sind wir nicht einverstanden.» In der Begründung der Glaubenskongregation heisst es unter anderem, die Segnung homosexueller Beziehungen bedeute, «eine Lebenspraxis zu billigen und zu fördern, die nicht als objektiv auf die geoffenbarten Pläne Gottes hingeordnet» werden könne. Homosexuelle könne man nur dann segnen, wenn sie in Treue zu den Plänen Gottes lebten – ihre Neigungen also nicht auslebten. Gleichzeitig ruft das Papier die christliche Gemeinschaft dazu auf, Homosexuelle zu respektieren.

Gerade in einer Zeit, da tief versteckte Sünden, die im Namen der Kirche begangen worden sei, ans Tageslicht kämen und notwendige, aber schmerzvolle Prozesse auslösten, sei es tröstlich zu wissen, dass Gottes Segen allen Menschen gelte, sagt Kreissl. «Ohne dieses Wissen wäre wahrlich wenig Hoffnung in der Kirche, im Gegenteil, wir alle leben aus der Zusage Gottes.» Deshalb dürfe die Kirche niemandem vom Segen ausschliessen. «Unsere Aufgabe ist es, Segen zu sein. Der Segen selbst kommt von Gott – und ist Gott sei Dank nicht von den Segnenden abhängig.»

Nur wenige Seelsorger segnen gleichgeschlechtliche Beziehungen

Dass es vor allem in europäischen Staaten katholische Priester und Seelsorgende gibt, die auch homosexuellen Paaren den Segen geben, ist bekannt. Häufig sei es im Bistum St.Gallen aber nicht, sagt Kreissl. «Bei einer internen Umfrage hat nur eine Handvoll Priester und Seelsorger angegeben, sie hätten schon gleichgeschlechtliche Beziehungen gesegnet.» Eine persönlich enge Bekanntschaft mit dem Seelsorger sei meistens die Voraussetzung, dass Paare überhaupt nach einer Segnung fragten. Die Stellungnahme des Bistums sei denn auch nicht als Anweisung zu verstehen, gleichgeschlechtliche Paare zu segnen. «Seelsorger entscheiden das aufgrund ihrer eigenen Haltung und ihres Gewissens.» Das Gewissen, so Kreissl, sei in der katholischen Lehre nach wie vor die letzte Instanz.