Gerichtsurteil
Mit Kokain im Darm über Landesgrenzen: Drogenschmuggler geben sich vor Gericht ahnungslos

Tiefe Einblicke in die schäbige Welt des Drogenhandels hat ein Prozess gegen zwei Dealer gewährt. Das Kreisgericht Werdenberg-Sarganserland verhängte langjährige Haftstrafen.

Reinhold Meier
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Das Verschlucken von verpackten Drogen zu Transportzwecken nennt man Body-Packing.

Das Verschlucken von verpackten Drogen zu Transportzwecken nennt man Body-Packing.

Zu verantworten hatten sich ein 51-jähriger Ungar sowie ein 35-jähriger Nigerianer, beide in Fussketten mit Polizei an Schranken in Mels erschienen. Die Anklage warf Ihnen vor, mehrfach kiloweise Kokain in die Schweiz gebracht zu haben. Dabei fungierte der Mann aus Afrika als Organisator, der Ungar als Kurier. Drehscheibe der Deals war ein Hotelzimmer in Bad Ragaz.

In mindestens drei Fällen war der Ungar in den Monaten vor dem ersten Lockdown in den Kurort gereist. Das Rauschgift transportierte er dabei in Form von Fingerlingen, die er vor der Abreise verschluckt hatte, mit sich.

1,3 Kilogramm Kokain verschluckt

Später sei er auf diese Weise auch nach Zürich gereist sowie zu dem besagten Afrikaner in den Aargau. In einem Fall hatte er satte 1,3 Kilogramm Kokain verschluckt, sauber aufgeteilt in 131 Fingerlingen. Dem Vernehmen nach gelingt dieses Unterfangen nur weidlich erprobten Kandidaten. Der Afrikaner hatte den Deal von Madrid aus per Handy eingefädelt, war dann nach Zürich gejettet, während der Ungar zeitgleich mit dem Flixbus von Amsterdam her einreiste.

Doch die Polizei hatte Wind davon bekommen, beschattete beide und konnte sie schliesslich in Lenzburg festnehmen. Dabei tauchten auch Utensilien auf, die für die Reinigung und Verarbeitung des Geschäfts benötigt werden: Abführmittel, Streckpulver, Digitalwaage und neue Verpackungen. Die Kapo Aargau ortete die vielen Säckchen schliesslich «in Dick-, Dünn- und Enddarm des Beschuldigten», wie es hiess.

Drehscheibe Bad Ragaz

An Schranken gaben sich beide ahnungslos. Waage, Abführ- und Streckmittel – nein, das habe nichts mit Drogen zu tun, die habe er nur zufällig bei sich gehabt, um einem Kollegen einen Gefallen zu tun, sagte der Kurier. Er habe gedacht, in den Fingerlingen seien Medikamente, die jemand brauche, das habe ihm ein gewisser Mike gesagt, erklärte er. Der Afrikaner, Student mit abgebrochenem Soziologiestudium, machte schwere Herzprobleme geltend. Er habe doch bloss seinen Computer samt Zubehör in der Schweiz verkaufen wollen.

Da habe sich just dieser ominöse Mike als Vermittler angeboten, man sei ins Geschäft gekommen. Dass Drogengeschäfte daraus werden würden, hätte er nie gedacht. Auch zum regen Treiben in der wechselweise von ihm, dem Ungarn und weiteren Personen genutzten Absteige in Bad Ragaz gab er sich ahnungslos. Dass dort seine DNA-Spuren auf Socken und Fingerlingen gefunden worden waren, sei unmöglich, er sei nie da gewesen. «Gott weiss, das ist wahr.» Jemand wolle ihm schaden, mutmasste er, wahrscheinlich dieser Mike.

«Maulesel und Eselstreiber»

Die Anklage forderte 53 Monate Haft für den Nigerianer und 41 für den Ungarn. Die Verteidigung plädierte hingegen für deutlich mildere Strafen. Sie forderte nebst Freisprüchen in mehreren Punkten eine Haftstrafe von 31 Monaten für den Haupttäter, davon nur 12 Monate vollstreckbar. Für erlittene Überhaft solle er entschädigt werden. Für den Kurier seien 24 Monate fällig, auch hier nur 12 Monate vollstreckbar. Die Landesverweise seien auf sieben und fünf Jahre zu beschränken.

Das Gericht verhängte schliesslich 40 Monate Haft für den Afrikaner sowie 36 Monate für den Ungarn. Beide erhielten Landesverweise von zwölf Jahren. Der Ungar kam etwas glimpflicher davon, weil seine Strafe zur Hälfte bedingt ausgesprochen wurde, bei vierjähriger Probezeit. Er sei nur der «Maulesel» gewesen, während der Nigerianer der «Eselstreiber» gewesen sei, hiess es bildlich. In der Frage von möglichen Geldwäschedelikten erfolgten Freisprüche, weil Beweise fehlten. Ebenso offen blieb die Frage, ob eine professionelle Bande im Hintergrund gewirkt hatte.