Gerichtsurteil
Im Zweifel für den Angeklagten: Gewalttätiger Sex war keine Vergewaltigung

Das Kreisgericht Werdenberg-Sarganserland spricht einen Mann vom Vorwurf der Vergewaltigung frei. Er soll eine Frau zum Ende ihrer Beziehung gegen deren Willen zum Sex gezwungen haben. Dafür sah das Gericht jedoch keine hinreichenden Beweise.

Reinhold Meier
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Nach dem Abschiedskuss sei es laut Aussage des Opfers zum Übergriff gekommen.

Nach dem Abschiedskuss sei es laut Aussage des Opfers zum Übergriff gekommen.

Songsak Rohprasit/ Moment RF

Der Beschuldigte, von seiner Mutter begleitet, stritt vor Gericht mehrfach mit seinem Verteidiger und warf ihm vor, seinen Job nicht richtig zu machen. Dann tauchten plötzlich neue Beweismittel auf - weitere Chatverläufe. Sie wurden per Natel an den Gerichtsweibel gesendet, der sie im 500 Meter entfernten Büro ausdrucken lassen musste. Dies, weil das Gericht, wie bei grösseren Verfahren in Mels derzeit üblich, aus dem viel zu klein geratenen Gerichtssaal ins geräumigere Feuerwehrdepot ausweichen musste.

Sex sei einvernehmlich gewesen

In der Sache selbst hatte sich das Paar via Internet kennen gelernt und eine eher lose Beziehung geführt, jedoch mit regelmässigem Sex. «Jeder hatte nebenher was laufen», erklärte der Angeklagte. Als man sich mal wieder getroffen hatte, habe die Frau pikiert darauf reagiert. Es gab Streit, sagte der Mittzwanziger, aber nichts Schlimmes. Sie wollte dann gehen, sei aber wieder in die Wohnung zurückgekommen. Bei einem Abschiedskuss sei man schliesslich im Bett gelandet und etwas härter zur Sache gegangen, mit Würgen und Schlagen. «Das war üblich und stets einvernehmlich.»

Ganz anders sah das die Staatsanwaltschaft. Sie betonte, der Verkehr sei gegen den Willen der Frau geschehen, mit Gewalt. Zudem habe der Mann sie am Morgen und in den Tagen danach weiter bedroht und beschimpft. Dies durch Textnachrichten und unverblümte Hinweise, er schicke Nacktbilder von ihr in den Umlauf.

«Ich war megaverliebt», erklärte die zum Tatzeitpunkt knapp 16-Jährige vor Gericht. Es habe sie gekränkt und traurig gemacht, dass der Freund neben ihr offenbar noch andere Kontakte am Laufen hatte. Sie habe zum Schluss nur noch einen Abschiedskuss gewollt, dann sei es zum Übergriff gekommen.

«Ich vermisse dich jetzt schon»

Die Anklage verlangte einen Schuldspruch wegen Vergewaltigung, Drohungen, Beschimpfungen sowie wegen Gewalt gegen Beamte in einem anderen Fall. Dafür seien 32 Monate Haft auszufällen, zwölf Monate davon unbedingt. Die Anwältin des Opfers forderte zudem eine Genugtuung von mindestens 17'000 Franken. Die Verteidigung plädierte hingegen auf Freispruch in der Hauptsache, für schuldig in einigen Nebenpunkten. Dafür sei eine bedingte Geldstrafe auszusprechen.

Das Gericht sprach den Mann vom Hauptvorwurf frei. Dabei spielte eine Rolle, dass sich die Frau nach der Tat eher unbeeindruckt gezeigt hatte. «Ich vermisse dich jetzt schon», hatte sie dem Ex etwa geschrieben. Auf die Frage, ob der letzte Sex denn nicht einvernehmlich gewesen sei, hatte sie geantwortet: «Kann schon sein.» Zudem hatte sie während der Einvernahmen eine Tendenz gezeigt, die Umstände des Geschehens jeweils etwas schlimmer zu schildern als zuvor.

Belege nicht schlüssig

Das Gericht betonte, dass es nicht davon ausgehe, dass die Frau lüge. In der Summe lägen Beweise für eine Vergewaltigung jedoch nicht in der notwendigen Schlüssigkeit und Eindeutigkeit vor. Deshalb sei der Mann freizusprechen, dies auch vom Vorwurf mehrfacher Drohungen. Schuldsprüche hingegen folgten wegen mehrfacher Beschimpfungen gegen die Frau und eine weitere Bekannte.

Weil dafür nun Chatverläufe vorlagen, war die Beweislage klar. Schuldig war er auch wegen des Angriffs auf zwei SBB-Mitarbeiter. Er hatte sie schwer beleidigt und bedroht sowie die Abfahrt des Zuges behindert. Ferner schlugen mehrere Drogendelikte zu Buche. Dafür setzte es insgesamt eine Geldstrafe von 180 Tagessätzen à 100 Franken, bedingt auf zwei Jahre.