Gerichtsurteil
An versteckten Ort geführt: Mann streitet sexuelle Nötigung einer 15-Jährigen ab

Ein vorläufig aufgenommener Flüchtling wurde wegen sexueller Handlungen mit einem Kind angeklagt. Er soll das Opfer in einen Innenhof gelockt und zum Oralsex gezwungen haben. Das Gericht sprach den Mann schuldig.

Claudia Schmid
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Widersprüchliche Aussagen führten beim Angeklagten zum Schuldspruch.

Widersprüchliche Aussagen führten beim Angeklagten zum Schuldspruch.

Bild: Getty

Der Beschuldigte musste sich vor dem Kreisgericht St.Gallen verantworten. In der Befragung der vorsitzenden Richterin konnte er sein Geburtsdatum nicht nennen und begründete es damit, dass er weder lesen noch schreiben könne. Das in den Akten eingetragene Alter von 30 Jahren stimme nicht, weil er in seiner Heimat Syrien wegen des obligatorischen Eintritts ins Militär älter gemacht worden sei. Gemäss seinen Aussagen verliess er sein Heimatland, nachdem er desertiert war. Vor sechs Jahren kam er in die Schweiz und erhielt den Ausweis F für vorläufig aufgenommene Flüchtlinge.

Dem Mädchen in den Bus gefolgt

Zum Vorwurf der sexuellen Handlung mit einem Kind erzählte er, es sei ihm an jenem Tag nicht gut gegangen. Er habe Sehnsucht nach seiner Familie gehabt. Nachdem er am Hauptbahnhof St.Gallen ein Bier gekauft habe, sei er an der Bushaltestelle auf eine junge Frau getroffen, die ihn immer wieder angeschaut habe. Ihr Alter habe er auf ungefähr 22 Jahre geschätzt.

Der Beschuldigte entschloss sich, dem Mädchen in den Bus zu folgen und mit ihr am Marktplatz Bohl wieder auszusteigen. Schliesslich kamen die beiden ins Gespräch, setzten sich auf eine Bank und rauchten eine Zigarette. Laut dem Beschuldigten gingen die Annäherungsversuche vom Mädchen aus. Es habe ihn küssen wollen. Er habe sofort ablehnend reagiert und gesagt, er habe eine Freundin.

Schliesslich tauschten die beiden ihren Instagram-Account aus und unterhielten sich über Frisuren und Augenbrauenzupfen. Sie hätten beschlossen, zum Innenhof des Klosterhofes zu gehen, damit er ihr dort die Augenbrauen zupfen könne, erklärte der Beschuldigte weiter. Dort sei es zu sexuellen Handlungen gekommen, die aber alle von der jungen Frau ausgegangen seien. Sie habe alle diese Dinge von ihm verlangt. Er habe nichts dagegen machen können.

Auf seine Zukunftspläne angesprochen, betonte er, er sei nicht in die Schweiz gekommen, um Probleme zu machen. Er wolle hier einen Laden eröffnen und sein eigenes Geld verdienen, damit er möglichst bald nicht mehr auf Sozialhilfe angewiesen sei. Zur Sprache kam während der Gerichtsverhandlung auch, dass der Mann bereits zwei Vorstrafen hat. Einmal wurde er wegen einfacher Körperverletzung, einmal wegen Fälschung von Ausweisen rechtsgültig verurteilt.

Übergriffe lösten beim Opfer Angst aus

Die Staatsanwältin und die Rechtsvertreterin der 15-Jährigen schilderten eine andere Abfolge der Geschehnisse vom 3. Mai 2020. Die sexuellen Handlungen seien keineswegs vom Opfer ausgegangen. Das Mädchen, dem man das junge Alter ansehe, sei vom fast doppelt so alten Beschuldigten in den verlassenen Innenhof gelockt worden und habe sich während der Übergriffe wie gelähmt gefühlt. Es habe Angst gehabt, dass es von ihm geschlagen werde, wenn es seine Forderungen nicht befolge. Die Staatsanwältin verlangte eine Verurteilung wegen sexueller Handlungen mit einem Kind und sexueller Nötigung. Als Strafmass beantragte sie eine teilbedingte Freiheitsstrafe von 30 Monaten und eine Landesverweisung von zehn Jahren.

Die Rechtsvertreterin forderte für ihre Mandantin eine Genugtuungssumme. Es handle sich um ein eher schüchternes, zurückhaltendes Mädchen. Es sei nicht forsch und fordernd, wie es der Beschuldigte schildere. Noch heute sei es aufgrund der Geschehnisse psychisch stark belastet.

Ablehnung war nicht erkennbar

Der Verteidiger verlangte einen Freispruch von Schuld und Strafe. Falls das Gericht zu einem Schuldspruch komme, sei eine bedingte Geldstrafe von 120 Tagessätzen zu je 30 Franken auszusprechen und von einer Landesverweisung abzusehen. Es sei davon auszugehen, dass das Mädchen freiwillig mit dem ihr unbekannten Mann in den Innenhof des Klosterhofes gegangen sei. Dies zeigten nicht zuletzt Videoaufnahmen.

Der Vorwurf der sexuellen Handlungen sei nicht erfüllt, weil für den Beschuldigten nicht klar erkennbar gewesen sei, dass das Mädchen nicht einverstanden damit sei. Es habe gesagt, es sei wie eingefroren gewesen. Sein Mandant habe davon ausgehen können, dass die Zärtlichkeiten gewollt gewesen seien.

Beschuldigter verwickelt sich in Widersprüche

Das Kreisgericht St.Gallen sprach den Mann vom Vorwurf der sexuellen Nötigung frei, jedoch für sexuelle Handlungen mit einem Kind schuldig. Es verurteilte ihn zu einer bedingten Freiheitsstrafe von 15 Monaten mit einer Probezeit von vier Jahren. Eine früher bedingt ausgesprochene Geldstrafe muss er nun bezahlen. Zudem ordnete das Gericht eine Landesverweisung von sieben Jahren an. Sie wird im Schengener Informationssystem ausgeschrieben.

Die Aussagen des Mädchens seien sehr glaubhaft, wogegen sich der Beschuldigte in Widersprüche verwickelt habe, betonte die Richterin zum Urteil. Klar sei auch, dass die Initiative für das Kennenlernen von ihm und nicht vom Opfer ausgegangen sei. Umso unglaubhafter sei es deshalb, dass das schüchterne Mädchen die sexuellen Handlungen mit Oralverkehr vom Beschuldigten gefordert habe.