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Kolumnist Walter Hugentobler über die Überraschungen des Lebens und weshalb er als Sozialdemokrat die freisinnige Ständeratskandidatin Kristiane Vietze unterstützt.
Wir reagieren unterschiedlich auf Überraschungen!
Natürlich gibt es da die ganz unangenehmen. Unser Nationalkomiker Emil hat in seinem chaotischen Telegrafenamt vor vielen Jahren eine solche konstruiert: «Überraschung für Mami – bin soeben gestorben!» Unschön.
Schönere, angenehmere, erfreuliche Überraschungen sind vielleicht Wiedersehen mit Menschen, die man schon lange nicht mehr gesehen hat, ein Telefon oder gar ein Brief von jemandem, ganz unerwartet, oder ein Treffen irgendwo in der Pampa: «Ja hallo, was machst du denn hier?»
Andere Überraschungen sind uns unangenehm, weil sie uns aus dem Konzept bringen oder gar beschämen, weil wir das Gefühl haben, sie gar nicht verdient zu haben. Schön, wenn es uns in solchen Situationen gelingt, demütig zu geniessen.
Überraschend scheint für einige zu sein, dass ich als Sozialdemokrat eine freisinnige Kandidatin in ihrem Wahlkampf unterstütze. Das ist so überraschend, dass die Thurgauer Zeitung dem Thema mehr als eine halbe Seite widmet und sogar noch eine Prise süssen «ResTZucker» darüber streut!
Warum ist meine Unterstützung überraschend? Sozial und liberal schliessen sich nicht aus, sie sind sogar ein sehr humanistisches Paar! Vielleicht überrascht, dass ich mich nicht in dieses absurde und unnütze Links-rechts-Schema drücken lasse. Es mag überraschen, dass ich mich in einem Wahljahr nicht den sinnlosen, zielbefreiten, ideologischen Schützengrabenkämpfen anschliesse, die vieles anrichten, nur nicht zu Problemlösungen beitragen.
Und warum sollte ich nicht eine Frau unterstützen, nachdem man mir jahrelang eingetrichtert hat, man solle Frauen unterstützen? Und manchmal hiess es dann in einem verlorenen Nebensatz sogar noch, man solle die fähigen Leute wählen: Voilà, das mach ich und verrate jetzt nicht, welche weiteren Kandidatinnen auf den Zeilen meiner Wahlzettel stehen werden. Wahlgeheimnis!
Es überrascht vielleicht, dass ich nach dreissig Jahren politischer Erfahrung an unsere gelebte Konkordanz glaube. Wir sind keine Showbusiness-Demokratie mit markigen Sprüchen und lendenlahmen Taten. Alles, was in unserem Land erfolgreich ist, ist auf das Miteinander angewiesen. Demokratisches Miteinander gibt es nur durch Zuhören, nicht durch lautes Brüllen. Gerade in Wahljahren wird gerne vergessen, dass wir eine Konkordanz-Demokratie sind, dass nach dem versprechungsreichen Wahlkampf Tatbeweise erbracht werden müssen. Diese gelingen den kommunikativen Persönlichkeiten, die fähig sind, Brücken zu bauen, nicht den selbstdarstellerischen Ideologen.
Wir sind mit unserem Wahlzettel dafür verantwortlich, dass wir keine bösen Überraschungen erleben.
Dann doch lieber schöne Überraschungen. «Sich selber zu überraschen ist, was das Leben lebenswert macht», hat schon Oscar Wilde gesagt.
Wann haben Sie sich zuletzt selber überrascht? Wann haben Sie etwas gemacht oder ausprobiert, von dem Sie schon lange geträumt haben?
Oder machen Sie an einem Tag etwas komplett anderes als eigentlich geplant war. Kaufen Sie eine Tageskarte, steigen in irgendeinen Zug und steigen dort aus, wo es Ihnen gefällt. Machen Sie etwas Aussergewöhnliches!
Schöne Überraschungen bringen Freude und Abwechslung in unser Leben, da können wir uns die bösen ersparen.
Walter Hugentobler ist Thurgauer SP-Urgestein und Direktor des Klosters Fischingen. Er schreibt diese Kolumne immer montags im Turnus mit Toni Brunner, Ulrike Landfester und Carla Maurer.