Gedankenstrich-Kolumne
Walter Hugentobler: Lieben Sie ihre Freiheit?

Für jede Freiheit, die wir ausleben, müssen wir Verantwortung übernehmen - auch für die Meinungsfreiheit.

Walter Hugentobler
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Walter Hugentobler, Tagblatt-Kolumnist.

Walter Hugentobler, Tagblatt-Kolumnist.

Bild: Arthur Gamsa

Bei meiner letzten Kolumne habe ich Ihnen mein Lieblingszitat zum Thema Meinung von René Descartes unterschlagen: «Ich bin nicht Ihrer Meinung, aber ich werde mich vehement dafür einsetzen, dass Sie sie äussern dürfen.» Descartes und viele nach ihm haben sich dafür eingesetzt, was wir heute haben: Meinungsfreiheit.

Und wir haben nicht nur die Freiheit, eine eigene Meinung haben zu dürfen, wir dürfen sie auch äussern! Natürlich gibt es die Menschen, die nicht nur keine Meinung haben, sondern auch noch komplett unfähig sind, diese auszudrücken. Aber es gibt auch viele anderen, die sie kund tun und sie äussern dürfen und das manchmal auch unaufgefordert tun.

Das ist ja eine unglaubliche Freiheit, nur schon die Meinungsäusserungsfreiheit, neben vielen anderen grossen und kleinen Freiheiten, die wir haben. Freiheit: Ein weiteres grosses Thema, welches schwierig ist, von der abstrakten Betrachtung in den Alltag zu transferieren.

Sind wir uns ihrer bewusst, geniessen wir sie, lieben wir sie, setzen wir uns für sie ein? Meistens leben wir sie einfach und reagieren hochempfindlich, wenn wir in unseren Freiheiten – manchmal auch nur vermeintlich – eingeschränkt werden.

Immanuel Kant hat sich dazu so geäussert: «Die Gesetzgebung geht von dem Prinzip aus, die Freiheit eines jeden auf die Bedingungen einzuschränken, unter denen sie mit jedes andern Freiheit nach einem allgemeinen Gesetze zusammen bestehen kann.»

Oder vielleicht etwas einfacher Nelson Mandela: «Frei zu sein, bedeutet nicht nur, seine eigenen Fesseln zu lösen, sondern ein Leben zu führen, das auch die Freiheit anderer respektiert und fördert.»
Freiheit heisst also nicht, dass wir tun und lassen können, was uns gerade gefällt und passt. Unsere persönliche Freiheit hört dort auf, wo sie die eines anderen einschränkt.

Freiheit hat eine ständige Begleiterin, die Verantwortung und manchmal auch den Verzicht. Für jede Freiheit, die wir ausleben, müssen wir auch die Verantwortung übernehmen. Uns selber gegenüber, aber auch gegenüber unseren Mitmenschen und gegenüber unserer Mitwelt.

Eigenverantwortung – ein arg strapazierter Begriff im letzten Jahr. Unsere Regierung – Verantwortliche, die notabene wir selber dafür gewählt haben (auch eine dieser unterschätzten Freiheiten, die wir haben) – hat unsere Freiheiten teilweise eingeschränkt. Und schon standen sie auf der Matte – und auf der Strasse! Menschen, die sich ihrer persönlichen Freiheit beraubt fühlten, auf ihre Grundrechte pochten und ihre Freiheiten ausleben wollten – ungeachtet dessen, ob sie andere in ihren Freiheiten willkürlich und ohne Legitimation einschränkten!

Auch ich habe nicht immer alle Massnahmen verstanden, auch ich habe mich über Widersprüchlichkeiten geärgert. Ich habe mich aber darauf besonnen, dass wir mit unserem Wahlrecht auch Verantwortung abgeben und es uns unbenommen ist, bei den nächsten Wahlen Personen in Ämter zu wählen, die das dann vielleicht bei einer nächsten Krise «besser» machen werden. Auch das ist – legitimierte – Freiheit.

Mir ist eigentlich egal, wenn jemand keine Maske tragen will, wenn er dafür auch die Verantwortung übernimmt und zum Beispiel freiwillig auf ein Spitalbett verzichtet. Mir ist auch egal, wenn sich jemand nicht impfen lassen will, wenn er damit auch eigenverantwortlich in Kauf nimmt, auf gewisse Freiheiten zu verzichten.

Solche Prinzipien leben wir in unserer Gemeinschaft schon lange. Wenn jemand auf das Autofahren verzichten will und daher keinen Führerschein erwirbt, ist das sein Entscheid, seine persönliche Freiheit. Ich habe aber noch niemanden gehört, der nachher lautstark auf die Strasse ging und sich darüber beklagte, dass er nicht Auto fahren darf. Und sollte er sich dann doch hinters Lenkrad setzen, wird er bestraft, mit gesetzlichen Grundlagen, die wir in unserer Gesellschaft gemeinsam entschieden haben.

Ich bin dankbar für alle Freiheiten, die ich geniessen und wieder geniessen kann, die kleinen und die grossen. Ich bin froh und glücklich darüber und wünsche uns allen, dass wir trotz der Komplexität die Freude am Dasein wieder gewinnen. Denn: Das Leben ist schön, von einfach hat niemand gesprochen! Das liebe ich – mit allen Freiheiten!

Walter Hugentobler ist Thurgauer SP-Urgestein und Direktor des Klosters Fischingen. Er schreibt diese Kolumne immer montags im Turnus mit Toni Brunner, Ulrike Landfester und Samantha Wanjiru.