Gedankenstrich-Kolumne
Walter Hugentobler: Hatten Sie das Fieber? – Ich meine, das Fussballfieber!

Die Schweizer Nationalmannschaft hat während der Fussball-EM so manchen mit dem Fussballfieber angesteckt.

Walter Hugentobler
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Walter Hugentobler, «Tagblatt»-Kolumnist.

Walter Hugentobler, «Tagblatt»-Kolumnist.

Bild: Arthur Gamsa

Nein, keine Angst, dies ist kein weiterer Text zur Covid-19-Thematik. Hatten Sie das Fieber? Nein, ich will auch nicht wissen, wie Ihr Befinden nach der ersten oder der zweiten Impfung war.

Hatten oder haben Sie das Fieber? Ich meine, das Fussballfieber! Und da gibt es jetzt schon einen tiefen Graben zwischen Ihnen und mir. Wenn Sie das lesen, sind Sie wissend. Sie wissen, ob Spanien oder die Schweiz nach Hause reisen muss. Im Moment, in dem ich das schreibe, bin ich hoffend, weil das Spiel noch bevorsteht.

So sind denn meine Stimmung und mein Hoffen auf diesem Jahrhundertspiel Frankreich-Schweiz vom letzten Montag begründet. Ein Knaller, ein absoluter Hit. Eigentlich bin ich kein Fussballfan, sicher nicht so ein eingefleischter, der nach Jahren noch alle Spielzüge, die beteiligten Spieler und die Resultate auswendig weiss.

Geheime Leidenschaft für Frankreich

Während Europa- oder Weltmeisterschaften interessieren mich einige Spiele. Wenn zum Beispiel die Schweiz spielt oder Spiele der Finalrunde, oder wenn Mannschaften spielen, die während des Turniers besonders aufgefallen sind.

Ich schaue gerne Fussball, wenn er fair, verspielt, schnell und torreich ist, wenn die Gesellschaft angenehm, das Bier kühl und die Wurst würzig ist. Es ist das Spiel an sich, welches mich packen muss, die Mannschaften sind mir häufig nicht so wichtig.

Seit ich 1998 den damaligen WM-Final Frankreich-Brasilien (3:0) auf einer Restaurantterrasse in Südfrankreich verfolgt habe, mitten unter euphorischen, jubelnden Franzosen, habe ich aber so eine geheime Leidenschaft für das französische Nationalteam entwickelt. Und für die französische Küche und den französischen Wein, aber das ist ein anderes Thema.

So erwartete ich letzten Montag das Spiel Frankreich-Schweiz einigermassen fieberfrei, ich konnte mit jedem Ausgang leben – glaubte ich jedenfalls. In einer geselligen Runde – mit viel fussballerischem und psychologischem Sachverstand und viel Feuer für die Schweizer – genoss ich das schnelle, abwechslungsreiche Spiel.

Lange blieb ich neutral, und als die Franzosen 3:1 führten, dachte ich, das sei halt jetzt so, und habe mich damit abgefunden. Es waren ja immerhin die Franzosen, und die genossen ja schliesslich auch meine Sympathie. Und dann geschah es: Die Schweizer spielten auf wie junge Munis. Keine Resignation, nein: Wille, Schnelligkeit und Leidenschaft. Und ich wurde mitgerissen. Herrlich! Plötzlich fieberte ich mit, sprang auf, jubelte, fuchtelte mit den Armen, johlte und war begeistert. Ein superschönes Gefühl!

Schweizer Fussballverband kann stolz sein auf Migrationspolitik

War ich da auch etwas stolz? Stolz auf die Spieler, auf die Mannschaft, auf den Trainer, auf die Leistung, auf die Schweiz? Hä? Irritation! Ich konnte ja nicht stolz sein, ich persönlich hatte ja nichts geleistet. Die Mannschaft konnte stolz sein, und ich konnte mich mit den Spielern über deren Leistung freuen. Und der Schweizer Fussballverband kann froh sein, dass die Migrationspolitik zu einem so guten Mix in der Nationalmannschaft führt. Und ich hatte Freude darüber, diese Begeisterung in einem Kreis zu erleben, in dem ich mich wohl und verbunden fühle. Und ich freute mich ungemein darüber, zu wissen, dass wir uns über die Mannschaft und ihre Leistung freuten, und nicht hämisch gegenüber den Franzosen waren, und niemand von uns nach so einem Spiel auf die Strasse gehen und andere Fans verprügeln muss.

Reine Freude am Spiel und am Geniessen mit den «Experten»! Und das ist so ein wunderbares Phänomen: Die Experten spriessen wie Pilze zu Tausenden aus dem Boden. Jeder, der eine Getränkedose wegkicken kann, ist während der EM Fussballexperte. Alle wissen plötzlich, mit welcher Frisur und welcher Haarfarbe man Tore schiessen kann – auch ich habe darüber gewitzelt! Und es ist im Moment auch sehr wohltuend, bei Begegnungen nicht ausschliesslich über Corona reden zu können

So hilft die EM, den Themenmix im Small Talk etwas zu erweitern. Und ich hoffe – während ich das schreibe – dass wir alle auch nächste Woche noch leicht fiebrig sein dürfen, und uns auf den Halbfinal freuen können.

Walter Hugentobler ist Thurgauer SP-Urgestein und Direktor des Klosters Fischingen. Er schreibt diese Kolumne immer montags im Turnus mit Toni Brunner, Ulrike Landfester und Samantha Wanjiru.

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